Ein großartiges Kleinod für Montpellier: Bélaroïa von Manuelle Gautrand Architects

1. November 2019 | ÖZLEM ÖZDEMIR

Edelstein, Juwel, Schmuckstück und Kleinod. Das in etwa heißt Bélaroïa. Der wohlklingende Name, der okzitanischen Sprache entlehnt, ziert in großen weißen Letterskulpturen, die entfernt und nicht von ungefähr an Perlen erinnern, die Terrasse des zwölfstöckigen multifunktionalen Gebäudes genau gegenüber des Bahnhofs von Montpellier. Entworfen wurde es von Manuelle Gautrand.

Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture / Photo by Luc Boegly

 

Was im Lageplan dem Zeichen zweier Finger ähnelt, die sich wie zum Schwur kreuzen, sind die Umrisse eines strahlend hellen Gebäudes mit teils glatter, teils punktförmig durchlöcherter Oberfläche. Manuelle Gautrand entwirft eine abwechslungsreiche perforierte Fassade, die rund ein Dutzend Stockwerke umhüllt. Und doch wirkt der Baukörper, der von Gastronomie und Gastgewerbe über Immobilien bis Wellness vieles zu bieten hat, nicht mächtig und nicht hoch. Verschiedene Schichten und Zonen sind zu erkennen oder lassen sich erahnen. Der verglaste Sockelbereich ist wie eingelassen in das Grundstück im Bahnhofsviertel von Montpellier. Darüber türmt sich das restliche Bauvolumen, das aus zwei dreidimensionalen Haken besteht, die gegenläufig übereinander gestapelt sind. Dabei entstehen Effekte wie Überbrückungen, Auskragungen, Auflagerungen und Hohlräume. Das Ergebnis ist eine Geste, die an eine sich öffnende Muschelschale erinnert. Die Menschen der Umgebung sollen sich, zumindest an warmen Tagen, eingeladen fühlen, die Terrasse mit den Sonnenschirmen zu betreten und den Blick auf das Bahnhofsgebäude schweifen zu lassen und aus einem ursprünglich ungemütlichen Ort einen Platz zum Verweilen zu kreieren: Bélaroïa.

Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture
Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture / Photo by Julien Thomazo

 

Google Maps sei Dank können sich Interessierte, die sich über die Neuzugänge in der Welt der zeitgenössischen Architekturwelt informieren wollen, per Klick in die Ebene der Straßen begeben, um nicht nur die Bauwerke, sondern auch ihre Umgebungen zu erkunden. So braucht man sich also nicht nach Montpellier zu begeben, um sich umzuschauen und zu sehen, dass ganz verschiedene Kräfte auf diesen Standort wirken. (Die Satellitenaufnahmen sind übrigens nicht auf dem letzten Stand, denn erst seit September ist Manuelle Gautrands neuestes Projekt fertig.) Gleich gegenüber der langgestreckte Bahnhof: Montpellier Saint-Roch von AREP, fertiggestellt 2014. Ein einschüchternd großes Parkhaus auch fast gegenüber: Parking Saint-Roch, nach einem Entwurf von archikubik und fertiggestellt 2015. Dies sind die beiden Nachbarn in südöstlicher und südwestlicher Richtung. Knapp hinter Belaroia, getrennt von der Rue Pagezy, steht ein altes, früher vielleicht herrschaftliches, Haus mit baumbewachsenem Garten und nördlich angrenzend steht – wen wundert es in einer Bahnhofsgegend – ein Hotel.

Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture / Photo by Julien Thomazo
Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture / Photo by Julien Thomazo

 

Erster Eindruck: Das Grundstück, das dem Architekturbüro zur Bearbeitung gegeben wurde, befindet sich in einer recht heterogenen, uneindeutigen und insofern in einer ungemütlichen Zone. Nicht von ungefähr taucht in der Projektbeschreibung des Büros immer wieder ein Begriff auf, der sich auch im breiten Feld des Urban Design oder neuerdings auch Urban Social Design immer größerer Beliebtheit zu erfreuen scheint: Urban Living Room.

Nur zu verständlich, dass dieses Bauwerk ein wichtiges Projekt ist für die Stadt Montpellier und SERM (Société d’Equipement de la Région Montpelliéraine / Erschließungsgesellschaft der Region Montpellier). Denn man sieht in ihm eine strategische Position zwischen dem Zentrum von Montpellier und den neuen umliegenden Stadtteilen. Dementsprechend waren die funktionalen Forderungen der Stadt an das Gebäude von Anfang an breitgefächert. Und später schlug das Architekturbüro sogar vor, das Spektrum noch zu erweitern und Wohnungen anzubieten (diese waren im Programm des vorangehenden Architekturwettbewerbs nicht vorgesehen). Der Grund ist einleuchtend: Verantwortungsbewusste Architekten denken über den eigenen Tellerrand hinaus. Mehr noch, sie denken nicht vor sich hin, sondern sie versuchen, ihre Überzeugungen in Taten umzusetzen. Und um diesen neuen urbanen Ort nicht gänzlich zu einer nomadenhaften Übergangszone verkümmern zu lassen (ohnehin eine immer schwelende Gefahr in Bahnhofsnähe), bieten sich reizvolle Räume für einen dauerhaften Wohnsitz an. Kompliment an die Stadt, möchte man sagen, die sich derartig offen für sinnvolle Vorschläge zeigt.

So entstand also ein Hybridprojekt mit einem Vier-Sterne-Hotel („Golden Tulip“ mit 102 Zimmern), einem Drei-Sterne-Hotel („Campanile“ mit 80 Zimmern), 12 Apartments, ein Restaurant, ein Business Center, eine Wellness-Einrichtung und, ja, auch eine Tiefgarage.

Das Team von Manuelle Gautrand arbeitete zwei Jahre an dem Entwurf für Bélaroïa (2011 – 2013). Nach zweieinhalb Jahren Bauzeit wurde das Projekt 2019 beendet. Die Form des Grundstücks ist ein Trapez. Oder ist es doch eher ein gestauchtes Dreieck? Sicher ist, die Lage wirkt wie eingezwängt. Aber Manuelle Gautrand hat spätestens seit ihrem Entwurf für Residence Hotel Hipark in Paris (fertiggestellt 2016) Erfahrung mit komplizierten baulichen Bedingungen. Wie schon damals eine direkt ans Grundstück angrenzende und hochgelegene Trasse eine besondere Herausforderung darstellte, liegt Bélaroïa an einer Schnittstelle von zwei Verkehrswegen, von der der eine (Rue de Grand Saint-Jean bzw. Pont de Sète) wie eine Brücke über den anderen läuft (Rue Jules Ferry zusammen mit der Straßenbahnstrecke). Und ausgerechnet an dieser beengten Kontaktstelle positioniert sich nun der urbane Neuling mit seinen insgesamt zwölf Geschossen, als wäre es die natürlichste Sache der Welt.

Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture / Photo by Luc Boegly
Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture
Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture / Photo by Luc Boegly

 

Man fragt sich unwillkürlich, was lässt sich machen an einer derartig kritischen Stelle mit Verkehr und Lärm, kombiniert mit wenig erfreulichen Ausblicken für das menschliche Auge (wenn man von der Toplage der obersten Geschosse einmal absieht). Da ist erst einmal das Erdgeschoss. Es schmiegt sich unbekümmert an die Stützmauer der Straßenbrücke Pont de Sète. Teilweise ist es unter der Erde und entlang der Brückenseite eingeschlossen. Dafür aber zeigt es sich an der Ost- und Südseite großzügig offen und beherbergt hier auch das Restaurant samt Terrasse, die beide öffentlich zugänglich sind. (Unschwer zu erraten: Die Ankömmlinge auf dem gegenüberliegenden Bahnhof sollen zu einem Zwischenstopp bewegt werden.) Hier ist auch der einzige Bereich des Gebäudes, der eine durchgehende Glasfassade aufweist. Und das wiederum gibt dem Betrachter das eigentümliche Gefühl, als würde das restliche Bauwerk über einem gläsernen Sockel mehr schweben als auflagern. Aber das nur nebenbei.

Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture

 

Um nicht allzu ausführlich auf das Raumprogramm von Bélaroïa einzugehen: Dass es vom Architekturbüro als ein dreidimensionales Puzzle bezeichnet wird, ist vielsagend genug. Einfach formuliert: Die gemeinschaftlich  genutzten Räume, wie Seminar-, Wellness- und Gastronomiebereiche liegen zuunterst, darüber folgen mehr oder weniger in zwei Zonen aufgeteilt die beiden Hotels und als Krönung und abseits vom Rest und mit einem sicherlich beeindruckenden Ausblick in die entferntesten Stadtteile von Montpellier schließlich die privatesten Räume, sprich die Apartments. All diese Funktionen mussten gut überlegt in Schichten verteilt werden und die Erschließung musste dementsprechend ausgeklügelt sein. Ein Beförderungssystem von mehreren Aufzügen und Treppen in mehreren Variationen durchzieht die Ebenen. Auch hierin spiegelt sich der dezentrale Charakter des Gebäudes.

Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture

 

Weiter mit der äußeren Erscheinung: Manuelle Gautrand erliegt nicht der Versuchung, den eher geradlinigen Tanz der vorher dagewesenen Neuzugänge des Stadtviertels mit zu tanzen. Sie macht nicht mit bei der Geste der glatten oder langen Baukörper. Siehe Bahnhof, siehe Parkhaus. Stattdessen scheint sie das Langgestreckte beider Vorgänger aufzugreifen und aufzubrechen, um damit etwas anderes zu machen, um seine Teilkörper aufzuschichten, zu knicken und zu überbrücken. Bélaroïa scheint sich um den Raum, der ihr zur Verfügung gestellt wurde, zu winden und zu krümmen und zu beugen, als wollte hier etwas Wertvolles geschützt werden (man erinnert sich wieder an die Muschel). So entsteht aber auch ganz nebenbei aus der Not der Klötze und Riegel eine Tugend – wenn man denn eine Skulptur als Tugend bezeichnen mag. Eine ähnliche Leistung hatte sie übrigens bereits 2011 in Saint-Etienne mit ihrem Projekt Cité des Affaires vollbracht; Bélaroïa könnte man als Nachkömmling bezeichnen, denn beide Bauwerke folgen dem Prinzip des Kontinuums, wodurch ein Volumen gegliedert wird, indem jedes ihrer Teile aus einem anderen hervorzugehen scheint und damit wiederum Einheit stiftet.

Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture

 

Und was macht man aus der Fassade? Bei hybriden Strukturen, in denen die Einheitlichkeit der Funktion per definitionem nicht gegeben ist und die doch aus Rücksicht auf das städtische Gefüge nach einer Auseinandersetzung mit dem visuellen Zusammenhalt verlangt, ist die Frage nach der äußeren Hülle besonders interessant. Da ist zunächst einmal die Farbe. Die Wahl fällt auf Weiß. Sie bildet den immateriellen Rahmen der Volumen. Und auch aus physikalischen Gründen ist ein heller Farbton in dieser mediterranen Klimazone naheliegend, denn Weiß minimiert die Wärmeabsorption. Dieser kulturelle Trick taucht in vielen südländischen Regionen auf, aber hier wird er großflächig eingesetzt und wirkt je nach Lichtverhältnissen mal leuchtend hell, mal pastellartig getönt oder einfach nur wie ein beruhigender Hintergrund für umliegende Graffitti-Wände.

Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture / Photo by Luc Boegly

 

Eintönig ist die Fassade aufgrund seiner Monochromie keineswegs, siehe ihr zweites Charakteristikum: Punkt und Kreis. Diese geometrischen Formen nutzt die Architektin in diversen Kombinationen, Anordnungen und Mustern. Überwiegend werden die in zwei Größen daherkommenden kreisförmigen Ausschnitte in vertikalen Linien aneinandergereiht. Wie Tropfen, die am Gebäude abperlen. Hinter ihnen liegen die Hotelfenster. Aber auch im Bereich der Wohnungen finden wir dasselbe Motiv wieder. Genauer gesagt in den Schiebewänden ihrer Terrassen, die für die Bewohner sinnvoll sind, um gegebenenfalls für mehr Schatten zu sorgen. Aber auch für die Fassadengestaltung bringen diese Schiebeelemente mit den kreisrunden Ausstanzungen eine zusätzliche Komponente und das ist die Bewegung. Aufgrund der gleitenden Metallscheiben, die auch in sich von perforierter Struktur sind, ist zumindest in den obersten vier Etagen für ein veränderliches, ein abwechslungsreiches Aussehen gesorgt.

Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture / Photo by Julien Thomazo
Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture / Photo by Luc Boegly

 

Bleibt noch ein Blick auf die dritte Variante der Fassadenabschnitte: Die drei Flächen der Innenseite der sogenannten Muschel, die die öffentliche Terrasse umhüllen und den Besuchern ein wenig das Gefühl eines geschützten Innenhofes geben, in dem man aber nicht nur hochschauen kann, um einen Ausschnitt des Himmels zu erhaschen, sondern (völlig artfremd für einen Innenhof) einen freien Ausblick in die Umgebung hat. Hier setzen sich die Kreise zu Rauten zusammen. Und mit diesem Musterteppich sind wiederum alle drei Flächen gefüllt, sowohl die zwei vertikalen, die die Terrassengänger im Rücken abschirmen, als auch die horizontale Fassadenfläche, die sechs Etagen weiter oben über ihren Köpfen liegt.

Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture / Photo by Luc Boegly
Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture / Photo by Luc Boegly

 

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Manuelle Gautrand vielleicht eine ganz persönliche Schwäche hat für das „Punktuelle“. Vor etwa drei Jahren schloss sie in Toulouse ihr Projekt Cartoucherie Housing Block ab. Die dortigen bullaugenartigen Öffnungen mit den halbkreisförmigen klappbaren Fensterelementen bezeichnet die Architektin in einem Interview schlicht und einfach als ein fröhliches Augenzwinkern.

Dies ist genau der richtige „Punkt“, um diese kleine Abhandlung über das neueste Werk von Manuelle Gautrand abzuschließen. Vieles mehr könnte noch behandelt werden, so zum Beispiel der Effekt des Entwurfs, dass das Gebäude nicht nur gegen die Hitze des Südens geschützt wird, sondern durch seinen wallartigen Aufbau auch gegen den kalt wehenden Mistral gewappnet ist. Und selbstverständlich sind da auch die besonderen technischen Leistungen, die für das Errichten notwendig waren. Immerhin wurden 80 Tonnen schwere Stahlkonstruktionen in 21 Metern Höhe montiert, um den überbrückenden Abschnitt zu realisieren. Aber auch andere formale Entscheidungen fallen vielleicht erst beim genaueren Hinsehen auf, so z. B. die kleinen gitterbettartigen Abgrenzungen auf der kleineren Ebene über der eigentlichen Terrasse, offensichtlich vorgesehen für die besonders privilegierten Gäste des Hauses (wie will man diese großzügigen Austritte nennen, vielleicht Zwitter, die weder Terrasse noch Balkon sind?).

Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture / Photo by Luc Boegly

 

Viele andere Details könnten noch erwähnt und viele andere Fragen noch gestellt werden. Stattdessen ein allgemeines abschließendes Wort: Manuelle Gautrand gehört nicht zu den „Stars“ (da ist er wieder, der Punkt), die sich neu erfinden müssen, denn stattdessen kombiniert sie sich lieber neu und zeigt damit, wie spannend Kontinuität sein kann. Und mit wie viel Spielfreude das verbunden ist. Mit Bélaroïa hat sie dies aufs Neue bewiesen.

Kommentar

Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture / Photo © Studio Gaudin Ramet

 

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