Mai von Nendo: Ceci n’est pas un sac à main!

 

17. April 2020 | ÖZLEM ÖZDEMIR

Ein einziges Stück lasergeschnittenes Leder, ein paar Nietverschlüsse, ein wenig Formenvariation, ein Schuss dezente Farbe: All das ist Mai, eine Handtaschen-Kreation von Nendo, an die man vor dem Tragen selbst Hand anlegen muss.

Nendo Mai
Courtesy of Nendo / Photo by Akihiro Yoshida

 

Sich eine Tasche von Nendo zu Hause an die Wand zu hängen wie ein Bild wäre eine Überlegung wert – vor allem wenn es sich dabei um das Modell Mai handelt, sowohl in seinem zwei- als auch dreidimensionalen Zustand. Aber auch so manch renommierter Ausstellungsort ist vom künstlerischen Wert vieler Nendo-Werke überzeugt. Das beweist die lange Kollektionsliste des Architektur- und Designbüros: Sie fängt an mit dem Museum of Modern Art in New York und hört auf mit der National Gallery of Victoria in Melbourne.

Mai ist von einem ähnlichen Kaliber. Dennoch ist es kein museales Objekt, sondern eine robust-herbe und dennoch fein und weich wirkende kleine Handtasche. Sie ist ein Entwurf für die Online-Plattform Up To You Anthology, die auf Taschen spezialisiert ist. Was der Kunde auf Bestellung erhält ist: ein „Mai“. Der Esprit dieses Namens liegt im Folgenden: Der Begriff mai gehört zu einer großen Gruppe von faszinierenden japanischen Zähleinheitswörtern und findet Anwendung bei dünnen, flachen Gegenständen wie Papier, Fotografien, Bettlaken usw. (Ichi-mai wäre demnach eins, ni-mai wären zwei.)

Und in diesem Fall dreht sich diese melodisch klingende Einheit um ein Stück Leder, zugeschnitten mit Lasertechnik, das in wenigen Schritten seiner Tragefunktion zugeführt werden kann. Bevor man aber damit beginnt, darf der künftige Nutzer das quasi vorbereitete Rohmaterial ruhig etwas auf sich einwirken lassen.
Kneift man die Augen zusammen, erinnert das Stück Leder ein wenig an ein Puzzleteil. Die Fläche ist nach dem Prinzip eines vierblättrigen Kleeblatts strukturiert. Zwei von diesen Einzelblättern enden in den Handgriffen. Die Ränder des Leders sind übrigens unbearbeitet. An verschiedenen Stellen gibt es zwölf Metallelemente für die Nietverschlüsse, zu denen die 18 Ausstanzungen gehören. (Ein Paar von ihnen sind länglich und gelten den Handgriffen, die restlichen sind schlichte Löcher.)

Nendo Mai Puzzle
Courtesy of Nendo / Photo by Akihiro Yoshida

 

Ist die Tasche fertig, kann man sie von allen Seiten betrachten. Der Henkel ist je nach Variation kreisrund oder rechteckig (aber selbst beim Letzteren sind die Winkel sanft abgerundet). Manche Tasche geht in die Breite, manche eher in die Höhe, manche liegen dazwischen. Gemeinsam ist allen – von vorne betrachtet – ein Schlitz, der nicht ganz bis zur Mitte der Frontseite geht. Hier sind zwei der „Blätter“ übereinandergelegt und zwar nur so weit, dass sie durch einen Nietverschluss zusammen gehalten werden können. (Das Ganze erinnert entfernt an einen Rundhals-Ausschnitt einer Bluse mit Knopf.) Vom Profil ergibt sich ein ganz anderer Anblick. Hier offenbart Mai wie geräumig es in ihr ausschauen muss. Die soeben beschriebene Überlappung macht nun sogar noch mehr Sinn. Denn durch sie erhält die Tasche, die von vorne trügerisch flach erscheint, eine pyramidenartige Ausbeulung oder Aufblähung und gleicht somit auch einem Beutel.

Nendo Mai
Courtesy of Nendo / Photo by Akihiro Yoshida
Nendo Mai Profil
Courtesy of Nendo / Photo by Akihiro Yoshida

 

Der Entwurf für Mai stammt von Oki Sato. Geboren in Kanada hatte sich der Japaner bereits 2002, im Alter von etwa 25 Jahren, in Tokyo selbstständig gemacht. Sein Büro nannte er Nendo, was im Japanischen etwa „in Ton modellieren“ bedeutet. Ausgebildet als Architekt, sieht er die Architektur auch in Dingen des alltäglichen Gebrauchs. Aber vor allem sind es die kleineren Objekte, die ihn lehrten, welche große Entfaltungsmöglichkeiten das Gestalten von Gegenständen bergen.

Eine solche Lektion der kreativen Befreiung erlebte Oki Sato, als er 2007 mit dem Modeschöpfer Issey Miyake einen Hocker entwarf, der auf einer Rolle von plissiertem Papier basiert und der so aufgeblättert ist, dass er einem strahlend weißen Kohlkopf gleicht. Somit hatte Oki Sato spätestens mit Cabbage Chair zu seinem Sinn für gestalterischen Witz gefunden. Der Stuhl Fadeout-Chair (2009 / 2010) folgt einem ähnlichem Geist. Hier sind es die unscheinbaren vier Stuhlbeine, die ihren ungewöhnlichen Auftritt haben. Der Grund: Die dunkel gefärbten Acrylprofile laufen an ihren Enden durchsichtig aus und lassen den Eindruck entstehen, als würde sich das Mobiliar in diesem Bereich auflösen oder über dem Fußboden schweben. Kurzum: Nendos Welt ist eine Fundgrube von skurril-fantasievollen bis surrealen Antworten auf vorgeblich herkömmliche Anforderungen des Alltags.

Vor diesem Hintergrund nimmt sich Mai fast bodenständig und sehr praktisch aus. Das Leder der Tasche ist mit pflanzlichem Tannin gefärbt. Tannine sind Gerbstoffe, die zum Beispiel in Wein und Tee vorkommen. Und konsequenterweise wirken die Farbtöne dieser Kollektion, abgesehen von der naturbelassenen Variante, erdig-organisch, manchmal sogar appetitlich. Sie wecken Erinnerungen an verschiedene Marmeladensorten oder an bestimmte opake Fruchtgummis; aber auch Algen, Korallen, Henna oder Matcha kommen als Assoziationen in Betracht.

Eine Montageanleitung erübrigt sich. Man kann das Leder völlig flach ausbreiten und hat sofort den Durchblick. Ohne irgendwelche Werkzeuge können die Kunden es zu einer dreidimensionalen Tasche zusammenbiegen und -falten. Es ist ganz einfach: Nur ein paar eingearbeitete Nieten müssen durch die Löcher der Tasche gesteckt werden. Und wahrscheinlich ist man danach so fasziniert davon, dass man noch mal von vorne anfängt und mit der Konstruktion und Dekonstruktion der Tasche gar nicht mehr aufhören mag.

Und dies führt direkt zu der Frage: Wie steht es eigentlich mit der Beziehung eines Nutzers zu seiner Tasche, die er vorher selbst zusammengebaut hat? Ist sie Inniger? Steigert sich das Gefühl des Besitzens oder hat man gar das Gefühl eines Geburtshelfers? Mit eigenen Händen die eigene Handtasche hervorzubringen hat einen fast philosophischen Nebeneffekt.

Nendo Mai Hand
Courtesy of Nendo / Photo by Akihiro Yoshida

 

Überhaupt hat Mai phänomenologisch gesehen Interessantes zu bieten. Da ist, um nur ein Beispiel zu nennen, der Hygiene-Aspekt. Man kann Mai jederzeit wie eine Stoffbahn ausbreiten, um sie von beiden Seiten ordentlich abzuwischen. Allerdings dauert diese glatte Qualität nach ausgiebiger Nutzung wahrscheinlich nicht allzu lange an: Mit der Zeit wird sich das Leder auf ihre Taschenform im wahrsten Sinne des Wortes versteifen. Vorstellbar wäre als Gegenmaßnahme, die Tasche regelmäßig wieder auseinanderzunehmen, sie vielleicht hin und wieder an die Wand zu hängen oder sie zusammen zu rollen, mal in die eine und dann in die andere Richtung. Und vorher kann man sie sogar aus dem Fenster schütteln wie ein Staubtuch.

Fazit: Mai ist ein Designobjekt von reduktionistischer Eleganz; es ist ein Accessoire mit einem Hauch von elementarer Kindlichkeit ohne aufgesetzt verspielte Elemente; es ist ein Gegenstand, mit dem man sich spielerisch beschäftigen kann. (Wer wird nicht versucht sein, andere Möglichkeiten des Zusammensteckens auszuprobieren?). Vielleicht regt Mai sogar zur Reflexion und zum genaueren Hinschauen und zum Entdecken ein. Eine Handtasche ist schließlich nicht einfach nur eine Handtasche. Oder um es im Magritte-Modus zu formulieren: Ceci n’est pas un sac à main!

Kommentar

Courtesy of Nendo / Photo by Akihiro Yoshida

 

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