House of Wine von Chybik+Kristof fasst zusammen, was vorher ohne Zusammenhalt war. Und das obwohl sie in der Altstadt des tschechischen Znojmo direkte Nachbarn waren: Eine ehemalige Brauerei aus dem 19.Jahrhundert und eine Technikhalle aus den 70iger Jahren. Nun finden sie endlich, im Jahre 2019, zu einer ästhetischen Einheit. Teils orthodox saniert und teils experimentell umgestaltet locken sie sowohl Wein- als auch Architekturliebhaber gleichermaßen an.
14. Dezember 2019 | Özlem Özdemir
House of Wine, entworfen vom tschechisch-slowakischen Architektenduo Chybik+Kristof, steht in Znojmo, einer geschichtsträchtigen kleinen Stadt, nicht weit von der österreichischen Grenze. Diese südliche Region von Tschechien gehört zu Morava, zu deutsch Mähren, und ist bekannt für seine Vielfalt an Weinsorten. Das 550 m² umfassende Restaurierungsprojekt besteht aus zwei Abschnitten: Einer Weinbar mit zeitgenössischem Design und einem Raum für Degustationen, das in seinem historischen Ambiente belassen wurde.


Da ist zunächst die Brauerei aus dem 19. Jahrhundert, die noch bis 2009 in Betrieb war: Sie wird in einen historischen Ausstellungs- und Verkostungsraum verwandelt, in dem die Architekten um eine authentische Bewahrung bemüht sind. Das alte Gebäude, als Kulturerbe behandelt, steht bei diesem „Doppelprojekt“ vielleicht für den konventionellen Ansatz der Restaurierung: Hier geht es um Erhaltung und Hervorhebung der Substanz und Wahrung der ursprünglichen Atmosphäre. Hinzugekommen ist lediglich die neue Funktion. Ein kurzer Überblick zeigt schnell die wichtigsten Raum-und Gestaltungselemente. In der Mitte stehen zwei (offensichtlich) gußeiserne dunkle Säulen, die oben an ein Kappengewölbe anstoßen. Pilaster gliedern die schlicht und hell gehaltenen Wände, die am oberen Rand einen schlichten Fries aufweisen. Die jeweils leicht gewölbten hohen Fenster (je zwei an einer Frontseite) sind einfach verglast und mit grazilen Rahmenelementen in kleinformatige Rechtecke eingeteilt. Einziger funktional-moderner Zusatz: Die seitlich gelegenen niedrigen Holzschränke mit Lochraster, in denen die Weinflaschen liegen. Zusammen mit den eingebauten Holzstufen, die aus demselben Material sind und zu einem der Fensterpaare aufsteigen und für Sitz- und Ausguckgelegenheit sorgen, bilden sie einen vereinheitlichenden Rahmen.

Gleich an die ehemalige Brauerei angeschlossen: Die aus den 70iger Jahren stammende Technikhalle. Errichtet wurde sie speziell für die Brauerei als Standort für das neue Umspannwerk. Weder ihre Form, noch Größe hatte historischen oder konzeptionellen Wert. Daher übernehmen Chybik+Kristof lediglich die äußere Hülle des ehemaligen Technikbaus und gestalten seine Fassade sowohl in ihrer Oberflächenstruktur als auch in ihrem Design (siehe die differenzierte Behandlung der obersten Wandschichten, die mal glatt, mal strukturiert herausgearbeitet wurden und siehe das Layout der Fensterkomposition, die auf neuen Wanddurchbrüchen unterschiedlichster Proportionen basiert). Die einstige Technikhalle erhält aber vor allem innerräumlich eine moderne und innovative Aufwertung, worin auch der Schwerpunkt dieser Besprechung liegen soll.

Chybik+Kristof zeigen auf ihrer Homepage keine Fotos vom Gesamtkomplex „House of Wine“. Wenn man von einigen spärlichen Zeichnungen, 3d-Visualisierungen, Nahaufnahmen von den Frontansichten absieht, verraten sie nichts über das Äußere. Wir sollten dies aber nicht als „Heimlichtuerei“ oder gar Vertuschung auffassen, sondern als eine Aufforderung, die Aufmerksamkeit mehr auf den Bereich zu lenken und unter die Lupe zu nehmen, die den Entwerfern besonders am Herzen zu liegen scheint und das ist das neue Innenleben der ehemaligen Technikhalle. „White Cube“, so nennen sie die Architekten.

Man muss nicht gleich Brian O`Doherty und seine Aufsatzsammlung `Inside the White Cube` bemühen, um nachvollziehen zu können, warum dieser Raum mit der lichten Höhe von etwa 6 Metern diesen „Spitznamen“ erhält. Nur soviel: Der Untertitel ‚The Ideology of The Gallery Space‘ mag genügen, um zu zeigen, dass es den Architekten von House of Wine in diesem Teil der Gebäudeanlage um Dinge ging wie Präsentation, Kunst, Installation, Betrachtung, Beziehung von Objekt und Raum oder ähnliches. Aber dies ist nur eine Vermutung, fest steht: Damit etwas Neues entstehen konnte, musste hier, neben der einstigen Brauerei zunächst einmal eine Tabula Rasa stattfinden. Und ab dieser Stelle wird es spannend.
Im Juli 2018 gab das Büro auf seiner Homepage etwas von seinen ersten Ideen zu diesem Bauabschnitt bekannt. Unter der Überschrift „It’s Wine Time!“ ¹ erklärten die Architekten, dass sie eine Reihe von tragenden Wänden entwickeln wollen – eine isometrische Darstellung zeigt bereits die charakteristischen kreisförmigen Galerien des aktuellen Entwurfs. Aufällig ist jedoch, dass deren Wände und Brüstungen aus einem ganz anderen Material gedacht waren. Kurz gesagt: Chybik+Kristof hatten usprünglich die Idee, Glasbausteine zu verwenden. Also deswegen auch die runden Formen, denkt der nachdenkliche Betrachter, sie sollen vielleicht an Gläser und Flaschen erinnern. Der congeniale Clou: Jeder dieser Steine sollte aus recycelten Weinflaschen hergestellt sein.
Es soll an dieser Stelle nicht interessieren, warum die Architekten vom transparent-kühlen Glas auf das opak-warme Holz umstiegen. Die kleine Hintergrundinformation mag aber vielleicht zum Teil erklären, dass man „jetzt-erst-recht“ sagte und die helle, fast unsichtbare und leicht anmutende Farbe der natürlich belassenen Glasbausteine ersetzte durch eine dunkle, fast schwarze Farbe, die eine gewisse erdige Schwere suggeriert.

Was trotz Materialwechsel bleibt und gelingt ist natürlich der Effekt, der bereits beim Glas – wie bewusst auch immer – erzielt wurde. Die Rede ist vom Effekt der Architecture Parlante. Es würde zu weit gehen zu spekulieren, dass Chybik+Kristof sich etwas bei ihren französischen Kollegen aus fernen revolutionären Zeiten umgeschaut hätten. Und sicher, die an aufgeschlagene Bücher erinnernde Bibliothèque National (1989-1995) von Dominique Perrault ist eher etwas in der Größenordnung und im Geiste von Ledoux, Boullée & Co. Dennoch spricht etwas aus dem Entwurf der Architekten von House of Wine, insbesondere in Hinblick auf die hölzernen aufeinandergestapelten Ebenen und das ist die Erinnerung an Weinfässer.

Nebenbei bemerkt kommunizieren diese „Weinfässer“ nicht gleichsam auch mit dem bestehenden Raum? Denn sowohl die vertikal gesetzten Holzprofile der schwarzen Wände und Brüstungen als auch die horizontalen, sichtbar belassenen Tragkonstruktionen der Galerien suggerieren nicht nur die Struktur von originalen Weinfässern, sondern spiegeln gleichzeitig die Balken der komplett weiß gestrichenen Holzdecke wider.

Ein Wort noch zu der Art, wie die Galerien übereinander liegen und abgestuft sind: Laut Büro soll diese Anordnung eine abgewandelte Form der traditionellen Weinkellerräume widerspiegeln, so wie sie in der Region zu finden seien. (Es war übrigens sicherlich nicht einfach, eine derart weitläufige Anlage in diesem kompakten Kubus unterzubringen.)

Ein weiterer Exkurs sei an dieser Stelle erlaubt: Das Büro Chybik+Kristof hat vielleicht auf zwei Bereichen besonderen Erfolg. Und zwar glänzten sie schon zuvor sowohl mit der Erneuerung von Gebäuden und dem Phänomen der „sprechenden Architektur“. Beides vereint war bereits bei einem vorherigen Projekt der Architekten: Gallery of Furniture², einem ehemaligen Auto-Showroom in Brno-Vinohrady. (Interessanterweise weist dieses ältere Projekt mit seinen 550 m² exakt denselben Flächenumfang wie House of Wine auf, aber das nur nebenbei.) Dass der damalige einstöckige Bau absofort auf Stühle umgesattelt war, war nicht zu übersehen: Dafür war die lückenlose Verhüllung seiner einstigen unscheinbaren Fassade mit Stühlen der Firma, die den Innenraum absofort als Showroom nutzen wollte, allzusehr zum Hingucker mutiert. Schon 2016 hatten die Architekten also bei diesem Showroom Erfahrungen gesammelt, die nun bei House of Wine erneut Früchte tragen. (1.) Sie verwenden bei beiden den sog. und bereits erläuterten „Parlante-Effekt“. (2.) Was bei dem einen das prägnante Schwarz der Stühle war, wurde bei dem anderen zum dramatischen Schwarz der fässerartigen Galerien. (3.) Der Schwarz-Weiß-Kontrast tritt bei beiden Entwürfen klar hervor. (4.) Die kreisförmig abgehängten weißen Vorhänge beim Innenraum des Showroom-Projekts werden genutzt, um die Präsentationsgruppen der Stühle voneinander abzusetzen; was aber beim Showroom nur auf einer Ebene ablief, wurde bei House of Wine räumlich in verschiedenen Höhen eingesetzt, d.h. die Kreise werden hier nicht mit textilen flexiblen Hilfsmitteln, sondern mit stabilen unveränderlichen Galerien aus Holz gebildet.



Bei dieser Gelegenheit sollte nicht verschwiegen werden, dass diese kaskadenartige Galerielandschaft selbstverständlich nicht nur auf Holz allein beruht. Der Hauptkonstruktionsrahmen ist aus Stahlprofilen geschweißt und in der gleichen Farbe wie die Holzelemente lackiert, wobei es sich bei den Holzelementen um strukturelle Fichtenholzbalken und Roliflex Biegesperrholz handelt. (Letzteres ist ein 5mm dickes Ceiba-Holz). Die Holzböden, Stufen und Wand – bzw. Brüstungselemente sind aber in einer solchen Weise in den tragenden Stahlrahmen integriert, dass der Eindruck von Holz überwiegt. Besonders Interessierten können wir verraten: Zur Behandlung der Holzoberfläche wurde eine dunkle Ölfarbe mit transparentem Polyurethanlack verwendet.


Die Besprechung von House of Wine soll nicht mit konstruktiven oder anderen Details enden, sondern vielmehr mit seiner Atmosphäre. Wieder sei der Schwerpunkt gelegt auf die ehemalige Technikhalle, die heutige Bar mit seinen kleinen gestaffelten terrassenartigen Galerien. Wie bereits erwähnt ist mit dem White Cube ein idealer Rahmen geschaffen für einen Raum der Präsentation. Aber was wird präsentiert? Der Wein, der an der Bar überreicht wird? Die Stadtlandschaft mit ihren historischen Attraktionen, die in bilderrahmenartigen Fenstern dargeboten und betrachtet werden kann? Oder ist es der gesamte Innenraum mit dieser „Holzinstallation“, die an gestapelte Fässer erinnert und dazu einlädt von den Besuchern bespielt zu werden? Oder, last but not least, ist es der Weinliebhaber selbst, der sich manchmal von seinem Tisch auf einer der Galerien erhebt und auf Entdeckungsreise geht und sein „Lieblingssprungbrett“ findet? Aber natürlich springt er nicht, sondern hält im Gegenteil fast ehrfürchtig inne und beginnt vielleicht diese Stadt mit ganz neuen Augen zu sehen.
Klingt theatralisch? Nein, nur trunken von House of Wine. ♦

¹https://chybik-kristof.com/its-wine-time/
² https://chybik-kristof.com/portfolio-item/my-dva-showroom/



