Elefant und Mensch – für das Volk der Kui gehören beide zusammen. Dieser innigen Verbundenheit hat Boonserm Premthada eine Freilicht-Anlage in Thailand gewidmet. In unserem Interview erklärt er seine Welt der ortsbezogenen Architektur.
13. Februar 2021 | Herbert Wright
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urin, eine bewaldete Provinz im Landesinneren Thailands, ist die Heimat sowohl von Elefanten als auch von einem großen Teil der Kui (oder Kuy), einem einheimischen Volk in der Region. Die Beziehung zwischen den Kui und den Tieren hat sich zu einer Symbiose entwickelt; die Häuser der Kui werden sogar mit den Elefanten geteilt. Abholzung ist in Surin weit verbreitet, und der Tourismus hat die Elefanten ausgebeutet, was Grausamkeiten mit sich bringt und den Lebensraum und die Koexistenz von Kui und Elefanten stört. Die Dörfer der Kui sind arm. Elephant World, eine von der Provinzregierung entwickelte Touristenattraktion, versucht, all diese Probleme zu lösen. Die Anlage wurde neben einem Kui-Dorf auf einem Plateau errichtet, für das keine Bäume gefällt werden mussten. Die drei Hauptgebäude entstanden im Jahr 2020; der Entwurf stammt vom Bangkok Project Studio, das von Boonserm Premthada geleitet wird. Die Praxis legt Wert darauf, die handwerkliche Verarbeitung, Produktionsmethoden und Materialien der lokalen Region zu verwenden und mit modernen Elementen zu verbinden.
Das Elefantenmuseum ist ein Bauwerk, das sich in seinen orthogonalen Achsen sternförmig bis zu 140 m ausstreckt und 5.400 qm einnimmt. Die sich kreuzenden, begehbaren Wände sind aus mehr als 480.000 Ziegeln aus lokalem Lehm errichtet; sie wurden mit traditionellen Methoden handgefertigt. Von den Rändern aus steigen sie sanft an und bilden ein offenes, fast labyrinthartiges Netzwerk aus Gängen, groß genug für Elefanten und Höfen, von denen einige mit Wasserbecken ausgestattet sind. Außerdem gibt es vier Ausstellungsgalerien, in denen Exponate über die Kultur der Kui und über Elefanten zu finden sind.
Der Brick Observation Tower ist eine 28 m hohe, durchlässige Struktur, die Wind und Sonneneinstrahlung mildert und sie in die inneren Treppenhäuser leitet. Er ermöglicht nicht nur einen Rundumblick über Elephant World, sondern bietet auch eine Aussaatplattform für die Samen des Apitong-Baumes, die der Aufforstung dient. Die Ziegel sind aus Materialien hergestellt, die für die Anlage eines Wasserreservoirs ausgegraben wurden.
Der Cultural Courtyard ist ein stattliches Gebäude mit einer Fläche von 8.130 qm, das nicht nur die Elefanten in den Mittelpunkt stellt, sondern auch eine geschützte landschaftliche Umgebung unter einem 70 m x 100 m großen, mit Holz verkleideten Dach schafft, das an die Satteldach-Architektur der Dorfhäuser erinnert, allerdings in großem Maßstab. Es ist so unterbrochen, dass Bäume hindurchwachsen können. Darunter befinden sich sechs bis zu 4 m hohe Hügel, die Bänke tragen und in einem Bogen angeordnet sind. Sie bestehen aus Erde, die für einen angrenzenden Regenwasser-Sammelteich ausgehoben wurde, um den Bedarf der Elefanten zu decken. Auch Basaltfelsen, die aus dem weiter entfernten Stausee abgebaut wurden, sind in die überdachte Landschaft mit einbezogen.
Boonserm Premthada erklärte sich bereit, unsere Fragen über das Elephant World Projekt zu beantworten.
Herbert Wright: Das Volk der Kui und ihre gemeinsame Kultur ist das Herzstück des Konzepts von Elephant World. In welcher Form wurden sie mit einbezogen? Gab es einen regelmäßigen Dialog und wurde die Zusammenarbeit auch während des Baus fortgesetzt?
Boonserm Premthada: Das Volk der Kui ist von Natur aus introvertiert und bescheiden und lebt nach seinen Überzeugungen. Für sie werden Elefanten von Engeln beschützt, und die Pflege von Elefanten ist eine Praxis, die seit der Zeit ihrer Vorfahren weitergeführt wird. Elefanten sind daher das Wichtigste im Leben der Kui. Sie sind Pflanzenfresser, daher sind Wälder, Pflanzen, Erde und Wasser für sie überlebenswichtig. Elefanten sind soziale Tiere; sie haben Geschwister und Eltern, genau wie wir. Elefanten aufzuziehen ist dasselbe wie Tiere aufzuziehen, aber man vergleicht es mit der Fürsorge für die eigenen Eltern, um Dankbarkeit zu zeigen. Elefanten können wie Menschen stur, clever oder ungestüm sein. Diese Verhaltensweisen beeinflussten die Gestaltung der Gebäude und der Landschaft. Die Beziehung zwischen dem Volk der Kui und mir verlief glatt. Von Baubeginn an bis heute haben wir das Gebiet weiterentwickelt, um Arbeitsplätze zu schaffen und Einkommen für die Gemeinschaft zu generieren.
HW: Hatten Sie die Gelegenheit, ein Kui-Haus zu besichtigen, das von seiner Familie mit Elefanten geteilt wurde, oder gehören solche Behausungen der Vergangenheit an? Wenn Sie eines gesehen haben: Was haben Sie dabei herausgefunden?
BP: Ich erhielt von den Dorfbewohnern die Erlaubnis, Vermessungsarbeit und Aufnahmen durchzuführen. Sie leben in Häusern, die komplett aus Holz gebaut sind. Die Dächer sind mit Zinkplatten gedeckt und die Böden hochgezogen, sodass unter den Hauptstrukturen offene Räume bleiben. Unter diesen Dächern leben auch Elefanten. Ich bin weltweit der Erste, der Häuser untersucht, in denen Elefanten und Menschen zusammen leben. Die Elefanten sind keine Haustiere, sondern Familienmitglieder. Diese Menschen verkaufen keine Elefanten, denn das wäre so, als würden sie ihre Nachkommen zum Verkauf anbieten. Von ihnen habe ich gelernt, Häuser zu bauen – als eine Form des Überlebens. Jedes Teil ist aus einem ganz bestimmten Grund da, aus einer Notwendigkeit heraus. Diese Häuser, die nicht von einem Architekten gebaut wurden, haben mich dazu inspiriert, für dieses Elephant-World-Projekt Bauten zu schaffen, die „nicht architektonisch“ sind.

HW: Wie unterscheidet sich die Erfahrung eines Elefanten mit seiner Umwelt von der eines Menschen? Gibt es neben dem Größenmaßstab und dem Wasser, dem Tummelplatz und den schattigen Stellen zusätzliche Faktoren, die das Projekt elefantenfreundlich machen?
BP: Das Elefantenmuseum versucht den Besuchern zu vermitteln, wie einzigartig die Sichtweise der Menschen in diesem historischen Dorf auf die Elefanten und die freundschaftliche Bindung zu den Elefanten ist, die sich ständig verbessert. In diesem Projekt sind Menschen und Elefanten ein untrennbares Element. Sie sind füreinander da. Die Regierung gibt jedem Elefanten ein monatliches Gehalt von 360 USD und 600 kg Napier-Gras pro Woche. Wenn ein Elefant stirbt, erhält der Dorfbewohner, der sich um ihn kümmert, kein Geld mehr. Deshalb müssen die Menschen ihr Bestes geben, um sich um die Elefanten zu kümmern. Sie sagten mir sogar: „Menschen können verhungern, aber Elefanten nicht.“ So sehen die Dorfbewohner ihre Elefanten.



HW: Das Elefantenmuseum ist auf die Unterbringung von Elefanten ausgelegt, aber ist seine Funktion nicht eher die, Menschen zu beherbergen? Betreten die Elefanten zum Beispiel die Pools im Innenhof, um sie zu nutzen?
BP: Ich habe den Gehweg als Eingang für die Elefanten in den Museumsbereich entworfen, wodurch den Besuchern signalisiert wird, dass die Elefanten Teil des Gebäudes sind – eine Nachahmung der Kui-Häuser, in denen die Elefanten leben. Die Anwesenheit dieser Tiere im Museum vermittelt das Gefühl eines Openair-Raumes. Die Architektur dient als Kulisse. Es ist ein Museum mit lebenden Objekten im Inneren, und das schafft ein Überraschungsmoment für die Besucher, während es gleichzeitig Menschen und Elefanten näher bringt.



HW: Die Verwendung lokaler Materialien und die volkstümliche Komponente (insbesondere beim Dach des Kulturhofs) verleihen dem Projekt eine starke Authentizität. Aber gibt es eine ebenso authentische Beziehung zu der schönen, komplexen und verzierten Architektur der lokalen Tempel?
BP: Mir sind der Ort und seine Geschichte immer wichtig. Im Elephant World Project respektiere ich die bestehenden Gebäude wie die Kui-Häuser, den Tempel, den Elefantenfriedhof und die natürlichen Ressourcen, einschließlich der Landschaften, Bäume, Hügel, Wege und lichten Wälder, die die Geschichte des Ortes und auch die Atmosphäre widerspiegeln, die einst von Menschenhand zerstört wurde. Das ist es, was ich den Menschen durch meine eigene Sicht, Denkweise und Einstellung zu diesem Landstrich vermitteln möchte. Ich möchte die Geschichte nicht imitieren.



HW: Sie verwenden Materialien, Hilfsmittel und Fertigkeiten aus der unmittelbaren Umgebung, aber auch Strukturbeton und Stahlelemente. Gibt es hier nicht einen Widerspruch zwischen lokalem, alteingesessenem kohlenstoffarmen Bauen und dem Einsatz moderner Materialien und Know-how?
BP: Die Begriffe „lokal, natürliche Ressourcen und Fertigkeiten“ haben für mich nicht den Beigeschmack, rückwärtsgewandt zu sein. Stattdessen beschreibt dieser Ausdruck die Richtung, in die sich die Welt bewegt. Was das Wort „modern“ angeht, so ist es so überstrapaziert worden, dass es fast bedeutungslos ist, weil man es überall antrifft. Meine Architektur setzt beim Materialdesign und bei Konstruktionsmethoden an, die lokale Bauherren ausführen können.
Alles basiert auf dem Wesen der Konstruktion und auf den Erbauern. Ich vertraue der menschlichen Intuition, um ein Gleichgewicht zwischen lokalen und industriellen Materialien oder handgefertigten Gegenständen und Technologie herzustellen. Beim Elephant World Project steht die menschliche Arbeitskraft im Mittelpunkt der Konstruktion, daher wurde der Großteil des Budgets in der Gemeinde verteilt. Stahl und Beton wurden nur sparsam verwendet, um die Gebäude stabil zu halten. In meiner Welt wird das Wort „lokal“ auf verschiedene Aspekte angewandt – lokale Materialien, lokale Konstruktion, lokale Ressourcen und lokale Fähigkeiten – als Zeichen dafür, dass man beginnt, sich von der menschenzentrierten Sichtweise zu entfernen.
HW: Im Jahr 2003 haben Sie das Bangkok Design Studio gegründet, und zwar in Bangkok, einer ziemlich großen Stadt. Elephant World versucht, die Natur wiederherzustellen. Kann die urbanisierte Menschheit jemals im Einklang mit der Natur leben?
BP: Oft ist der Mensch die Ursache für die angehäuften Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, sei es Probleme zwischen den Menschen selbst oder Menschen gegenüber anderen Lebewesen oder Naturkatastrophen, Umweltverschmutzung usw. Der Egozentrismus ist zu einer „menschlichen Krise“ unserer Kultur geworden. Die Natur hat ein Leben. Berge, Bäume, Flüsse, Wind, Luft verdienen unseren Respekt. Sie können nicht von der Menschheit getrennt werden. Sie sind alle um uns herum. Inzwischen ist es der Mensch, der versucht, sich von der Natur zu distanzieren. Das Elephant World Project hat mich etwas über eine Zukunft des ausbalancierten Zusammenlebens gelehrt. Ich denke: An der Vergangenheit können wir nichts ändern, aber an der Zukunft können wir es. ♦
Übersetzung aus dem Englischen: Özlem Özdemir
HERBERT WRIGHT
Herbert Wright machte seinen Abschluss in Physik und Astrophysik an der University of London, war bis 2020 Contributing Editor des britischen Architektur-/Designmagazins Blueprint. Er hat Bücher über Wolkenkratzer und Urbanismus geschrieben. Seine neueste Autorenarbeit erscheint 2021 mit der Monografie „Mecanoo: People Place Purpose Poetry“.

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