Stefano Boeri Pavillon Vaccine
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PRIMEL CONTRA PANDEMIE

Stefano Boeri präsentiert ein Konzept für die COVID-19-Impfungen. Kernstück ist ein Pop-up-Pavillon aus Holz und Textilien mit floralem Motiv. Stehen soll er auf jedem wichtigen Platz Italiens.

27. Dezember 2020 | Özlem Özdemir

 

A

llein die Namen seiner Projekte verraten es: Liuzhou Forest City, Pallazo Verde, Prato Urban Jungle. Er ist ein Pflanzennarr, der italienische Architekt Stefano Boeri. Zwei seiner Werke seien hervorgehoben: Bosco Verticale, ein begrünter Zwillingsturm in Mailand (2014) und das landmark-artige La Radura della Memoria (2020) zu Füßen der neuen Brücke von Genua, der Nachfolgerin der eingestürzten Ponte Morandi. Woran man sieht: Boeri ist erfahren in Sachen alarmierende Zustände wie städtische Luftverschmutzung und andere tragische urbane Themen. Auch wenn es in Mailand und Genua auf den ersten Blick nicht zu sehen ist: Sein neuestes Konzept für die Impfkampagne gegen Covid-19 hat (wie sich zeigen wird) von beidem etwas.

Wie kam es zu dem ungewöhnlichen Auftrag? Italiens Sonderkommissar für den Covid-19-Notstand, Domenico Arcuri, hatte den Wunsch nach einem nicht nur durchdachten, sondern auch ansprechenden Feldzug gegen die Pandemie. Erfüllt wird er nun – unentgeltlich – von Boeri und einem Beraterteam.

An vorderster Front des Gesamtkonzepts steht das Kampagnenlogo: ein einprägsames Blütenmotiv (dazu später mehr). Kern des Entwurfspakets sind temporäre Pavillons, worin sich die Einwohner auf den wichtigsten italienischen Plätzen impfen lassen können. Und schließlich bietet der Vorschlag von Boeri auch mobile Informationswände für öffentliche Plätze. Diese sollen die Bevölkerung dazu einladen, mehr über den Impfstoff und die Bedeutung der Impfung zu erfahren.

Zur Konstruktion und zu den Materialien: Der runde Pavillon mit dem großen Blumenlogo auf dem flachen Dach und anderen Stellen ist in Leichtbauweise konstruiert. Die Hauptelemente sind Holzrahmen und Stoff, die man leicht demontieren und wieder aufbauen kann. Zuunterst gibt es einen vorgefertigten Sockel, der ebenfalls aus Holz ist. Er unterstützt gleichzeitig das technische System für die Innenräume. (Parallel dazu wird das Dach zur Energieversorgung genutzt: mithilfe von Fotovoltaik-Paneelen.) Der tragende Rahmen ist aus Konstruktionsholz; die textile Außenverkleidung besteht aus recycelbaren, biologisch abbaubaren und wasserfesten Naturmaterialien. Ein weiteres charakteristisches Element sind die Trennwände der Innenräume; sie sind aus vorgefertigten Textilsystemen hergestellt, haben ein geringes Gewicht und sorgen für Flexibilität, Schallabsorption und Transparenz.

Axonometrie Stefano Boeri Pavillon für Covid-19 Impfkampagne Italien
Courtesy of Stefano Boeri Architetti
Stefano Boeri Pavillon-Innenraum für Impfkampagne Italien
Courtesy of Stefano Boeri Architetti

 

Die innere Organisation des Pavillons spiegelt das Blumen-Logo wieder; es gibt sowohl ein punktförmiges Zentrum als auch strahlenartig angelegte Fächer. Ersteres ist vorgesehen für die Verwaltung, Lager, Umkleideräume, spezielle Toiletten usw. Zweitere umfassen die Räume sowohl für die Verabreichung des Impfstoffs als auch jene für die Patientenaufnahme und das Warten nach der Impfung.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Blüte. Das Projekt zur Impfkampagne erhebt sie – und ihre grafische Darstellung und botanischen Prozesse – zur Metapher. Sie ist das, was sich öffnet, anlockt und sammelt und schließlich verteilt. Der Gesellschaft wird diese Botschaft nicht entgehen: Sie ist geplagt, sowohl von der Ausbreitung des Coronavirus als auch von der allgemeinen „Impfsehnsucht“, der großen Erwartung eines Vakzins.

Die Art, wie sich diese Blüte und damit das Projekt ausbreitet über das ganze Land (als wäre es eine einzige Wiese) ist verwurzelt im Werk des Architekten. Denn vom Bosco Verticale – bei dem verschiedenste Baumsorten auf den Balkonen eines Wohnturms wachsen – hat es das Übersäte, Verstreute, fast Überwuchernde. Von La Radura della Memoria hat es die Geometrie und Komposition: das Kreisförmige und Zentrierte und damit das Emblematische. Bei diesem Ort des Gedenkens stehen einzelne Bäume im Kreis, unter dem Ende des neuen Brückenbaus von Renzo Piano, dort also, wo vorher eine Brücke eingestürzt war und für viel Leid gesorgt hatte. Von La Radura geht eine feierliche Stimmung aus, ein Sinn für das Zusammensein und die Gemeinschaft. Und genau das bietet auch der Impf-Pavillon: Seine Form ist kreisrund, seine Funktion ist sozial.

Bosco Verticale geht gegen Luftverschmutzung an, La Radura gegen Verzweiflung, Trauer und Angst. All das fällt nun zusammen in einer rund angelegten, abstrakt-symmetrischen Blüte mit herzförmigen Blättern. So dekorativ das Impfkampagnen-Projekt von Boeri anmutet: Auch dieser Entwurf manifestiert eine Art von Kampf. Nur diesmal geht es um die Überwindung eines Krankheitserregers, die die Weltbevölkerung in traumatische Zustände versetzt hat. Der Architekt tut das auf bemerkenswerte Weise: Es ist, als würde der lebensgefährdende Übeltäter unter seinen Händen zu einer harmlos-hübschen Blume mutieren. Denn aufgrund ihrer Farbe, ihrer kreisförmigen Anordnung und ihren Kronblättern beschwört sie eine Assoziation: Sie erinnert an das meist rot dargestellte, mit Kronenzacken bestückte kugelige Spike-Protein, genannt Coronavirus. Diese florale Grafik ist daher fast etwas gewagt. Und doch: Die Transformation gleicht einem Triumph.

Die inspirierende Blume hinter dem Konzept ist die Primel. Damit wählte das Entwurfsteam ganz bewusst eine solche Art aus, die als erste nach einem langen Winter blüht und für das Wiedererwachen der Natur, den Frühling und den Neubeginn steht. Stefano Boeri sagt dazu: „Mit dem Bild einer Frühlingsblume wollten wir eine Architektur schaffen, die ein Symbol der Heiterkeit und Erneuerung vermittelt“.

Italien leitet mit diesem Projekt das erste Stadium der Post-Pandemie ein. Es ist Zeit, dass die Depression versiegt, es ist Zeit für Leichtigkeit und – passend und pünktlich zum Jahreswechsel – für Zuversicht. „Mit einer Blume erwacht Italien wieder zum Leben“ – so lautet der Slogan der Kampagne, das ist die unübersehbare frohe Kunde. Wobei diese Unübersehbarkeit am ehesten aus der Vogel- oder Satellitenperspektive zu genießen ist. Denn: Das sprießende, feuerwerkartige „Blumenmeer“, die quasi explosive Ausbreitung des Mittels gegen die ebenso explosive Ansteckungskraft von Corona kommt erst aus der Ferne zur Geltung. (Diametral entgegengesetzt zu dem, was es bekämpft, das Virus, das nur aus nächster Nähe – unter dem Elektronenmikroskop – wahrnehmbar ist.)

Italien Satellitenaufnahme übersät mit Pavillons von Stefano Boeri für Covid-19 Impfkampagne
Courtesy of Stefano Boeri Architetti
Pavillon für Covid-19 Impfkampagne auf einem italienischen Städteplatz
Courtesy of Stefano Boeri Architetti
Stefano Boeri Pavillon für Covid-19 Impfkampagne Italien
Courtesy of Stefano Boeri Architetti

 

Ob Piazza del Campo in Siena, Piazza del Duomo in Mailand oder Piazza del Plebiscito in Neapel: So wie die Menschen ihre Injektion erhalten, erhalten die Plätze ihren Boeri-Stempel. Wo mancherorts für Massenimpfungen nur pure Funktionalität in Frage zu kommen scheint, wenn möglich in den Randzonen der Stadt (im Flair einer Messehallen-Raumökonomie), geht Italien einen anderen, einen (wen wundert es) ästhetischeren Weg. Das Land baut statt auf den klaustrophobischen Kabinen- oder Container-Look, statt auf labyrinthhafte Abteilungen auf die luftige und menschennahe Pavillon-Kultur, die ohnehin besser zum Südländischen passt. Diese Impfung ist integriert, ist ein alltäglicher Bestandtteil wie ein Coffee-to-go. Das Motto: ein fröhliches und lebensbejahendes „Design First“. ♦

 

Pavillon für Covid-19 Impfkampagne in italien
Courtesy of Stefano Boeri Architetti

 

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