Sir John Soane, Baumeister des Regency und Meister des Zeichnens, besaß Zehntausende von Architekturdarstellungen. Vom 22. 9. 2022 bis 15. 1. 2023 gibt die Tchoban Foundation in Berlin zum vierten Mal einen kleinen Einblick in seine große Kunst der analogen Visualisierung.
7. September 2022 | Özlem Özdemir
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ir John Soane, ein produktiver Baumeister und besessener Sammler, gehört zu den interessantesten Figuren der europäischen Architekturgeschichte. Als Sohn eines Maurers kam er 1753 in der Grafschaft Oxfordshire zur Welt und wurde zu einem prominenten Architekten der britischen Regency-Ära, auch wenn seine Entwürfe nicht selten unrealisiert blieben. Innerhalb von 50 Jahren arbeitete er an einer Vielzahl von außergewöhnlichen Projekten. Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehört sein Beitrag für die Bank of England1. Der von ihm entworfene Bauabschnitt blieb bis in die 1920er-Jahre in Betrieb und wurde dann abgerissen. Andere seiner Londoner Bauwerke kann man aber heute noch besichtigen, so etwa Pitzhanger Manor House, Moggerhanger Park und Wimpole Estate. Von 1806 bis zu seinem Tode lehrte Soane Architektur an der Royal Academy of Arts in London. Er war bekannt für seine sorgfältig vorbereiteten Vorlesungen und sein besonderes Interesse an der Architekturausbildung.
Auch wenn er schon während seiner Reisen durch Europa (1778-1780) – der obligatorischen Grand Tour – auf den Geschmack des Sammelns gekommen war (Münzen, Amphoren und noch größere Souvenirs gehörten zum guten Stil), wurde der eigentliche Funke für diese Leidenschaft erst mit seiner akademischen Karriere entfacht. Schon bald nach seiner Ernennung zum Architekturprofessor begann Soane – als Anschauungsmaterial für seine Schüler und Studenten – Antiquitäten, Bücher und Kunstwerke zu sammeln. Mitenthalten sind am Ende über 30.000 Architekturzeichnungen von renommierten Personen wie etwa James Gibbs, Christopher Wren, John Nash – und Sir John Soane selbst. 1.080 dieser Exemplare waren vorgesehen für die Vorlesungen der Royal Academy. Natürlich bewältigte Soane diese Leistung nicht allein. Für die Zeichenarbeit konnte er auf diverse Assistenten, Schüler oder Studenten zurückgreifen: das Sir John Soane’s Drawing Office2. Ein besonders wichtiger Zeichner und kreativer Partner von Soane war außerdem Joseph Michael Gandy. Die Sammlung beherbergte Soane schon zu seinen Lebzeiten in seinem Privathaus in London, das man nach seinem Tode 1837 zu einem Nationalmuseum erhob.
Für die Ausstellung Die klassischen Ordnungen: Mythos, Sinn und Schönheit in den Zeichnungen von Sir John Soane leiht das Sir John Soane‘s Museum 30 Blätter an die Tchoban Foundation in Berlin aus. Die Arbeiten basieren auf Techniken und Materialien wie Bleistift, Feder, Aquarell, farbige Lavierung und Büttenpapier. Viele von diesen herausragenden Stücken entstanden für Soanes akademische Arbeit. Mit ihrer Hilfe erklärte er seinen Studenten die klassischen architektonischen Ordnungen. Ohne die drei wichtigsten unter ihnen – dorisch, ionisch und korinthisch – begriffen zu haben, war für ihn die Ausübung der Architektur nicht denkbar. Die Tchoban Foundation gibt vom 22. September 2022 bis 15. Januar 2023 die Gelegenheit, diese von der Antike überlieferten Säulenordnungen so kennenzulernen, wie sie Soane per Zeichenkunst anpries. Die Ausstellung zeigt die Legenden über die Ursprünge der klassischen Ordnungen und wie sie der britische Architekt in seinem Werk nutzte.




In mindestens einem Punkt sind sich Ausstellungsthema und Ausstellungsort verwandt und das ist das Sammeln. Soane interessierte sich u. a. für Möbel, Skulpturen, Architekturfragmente und -modelle, Bücher, Zeichnungen und Gemälde, darunter Werke von Hogarth, Turner und Canaletto. Die Objekte, die er jahrzehntelang zusammenraffte, umspannen verschiedene Kontinente und mehrere Jahrtausende. Sergei Tchoban, Gründer der gleichnamigen Foundation (und selbst ein virtuoser Zeichner und ehemaliger „Papierarchitekt“), begann seine Sammlung mit einer Zeichnung von Pietro di Gottardo Gonzaga, die er 2001 erwerben konnte. (Der italienische Maler und Bühnenbildner gehörte seit 1792 zu den importierten Künstlern des russischen Hofs von St. Petersburg.) Seitdem ist die Sammlung des deutschen Architekten russischer Abstammung angewachsen; Blätter aus verschiedenen Epochen sind hinzugekommen. Tchoban besitzt Meisterzeichnungen, angefangen im 16. Jahrhundert bis hin zu Werken zeitgenössischer Architekten. Zu den Älteren gehören Jacques Androuet du Cerceau, Hubert Robert, Sir John Soane und Karl Friedrich Schinkel. Unter den Modernen befinden sich z. B. Frank Lloyd Wright und Lebbeus Woods.
Der Unterschied jedoch zwischen Soane und Tchoban liegt in ihrer Art, ihre Sammlung auszustellen. Soane bot seine in einem Komplex aus drei bestehenden Londoner Gebäude dar. (Das Erste davon kaufte er 1792, und da die ausufernde Sammlung mit der Zeit immer mehr Raum verlangte, kamen später die Nachbarhäuser dazu; das zweite folgte 1807 und das dritte 1823.) Die Adresse, Lincoln’s Inn Fields, liegt ganz in der Nähe des British Museum und hier wohnte er auch, inmitten seiner Schätze. (Und bei diesen Schätzen hat man den Eindruck, sie haben eine deutlich persönliche Note. Mehr noch, es kommt der Verdacht auf, der Bildungszweck der Sammlung ist doch nicht so „selbstlos“ gewesen. Sophie Thomas spricht bei diesem Hausmuseum sogar von einer „selbstreflexiven Konstruktion“ und nennt seinen Besitzer „Archivist des Selbst“3.) Soane bestückte und besetzte praktisch alles – neben den Fußböden jede Wand, jeden Pfeiler, jede Nische, jedes Möbel. Bis zu den Raumdecken und fast in die Lichtkuppeln hinein kann man Ausstellungsobjekte entdecken. Zu seinem überwältigenden Reichtum an Artefakten gehörte sogar ein ägyptischer Sarkophag. (Der Sarkophag von Seti I., 1817 von dem italienischen Entdecker Giovanni Battista Belzoni entdeckt, wurde – so wird erzählt – vom Britischen Museum als zu teuer abgelehnt, Sir John Soane aber griff zu.) Das Ambiente der Räume hat etwas von einem System aus Wohnhöhlen, manche Ecken erinnern an einen geheimen Hort. Die Räume sind überladen von Gegenständen; es weht ein Wind von einem ganzen Historien-Mix. (Dieser Hang, der auch seine Bauentwürfe auszeichnete, war nicht bei jedem beliebt. So etwa musste er 1824 viel Kritik und Spott über sich ergehen lassen, weil er seine Entwürfe mit Ornamenten überhäufen würde; ein satirischer Angriff auf ihn führte sogar zu einer erfolglosen Verleumdungsklage4.) Es ist nicht zu übersehen: Soane ging es in seiner Arbeit und Dauerausstellung oftmals darum, die Architektur der Vergangenheit und verschiedene Kulturen in einer bis zur Verwirrung grenzenden Mischung darzubieten und zu reflektieren. (Der Einsatz von Spiegeln in seinem Hausmuseum kommt auch deshalb wohl nicht von ungefähr.) Darüberhinaus betrachtete Soane die alten Stile als eine allumfassende Referenz, eine immerwährende Richtlinie, und das galt auch für die Bauwelt seiner Zeit.







Tchoban hingegen verleiht seiner Sammlungsstätte, dem Museum für Architekturzeichnung in Berlin, einen ganz anderen Rahmen. Er präsentiert die auserwählten Werke in einem zurückhaltenden Stil, die der Gegenwart verpflichtet ist. Die kaleidoskopische und verspielte, fast unaufgeräumte Atmosphäre von Soane wird bei Tchoban gesetzt und organisiert. Das Bauwerk, in dem seine Sammlung zu besichtigen ist, entstand 2013 in Berlin und wurde von Tchobans Moskauer Büro eigens für Ausstellungszwecke entworfen. Der Anblick der vier Geschosse erinnert an aufgestapelte Bauklötze oder Container. Ihre Fassaden aus Beton und Glas leben von Textur, Kontrasten und Schichten. So überraschen die sandsteinfarbenen Betonoberflächen durch eine besonders dezente Spezialität: Sie sind behandelt mit fräsenhaften Längsrillen, aber auch mit maximal vergrößerten Fragmenten architektonischer Skizzen in Reliefform. Diese abstrahierten dekorativen Muster der Betonoberflächen lassen ihre architektonischen Motive zuerst nur erahnen und liefern damit einen unaufdringlichen, versteckten Hinweis auf den Inhalt und die Funktion des Gebäudes. So signalisiert das Museum von Tchoban, dass es hier zwei Seiten zu entdecken gibt: Alt und Neu, das Traditionelle und Unorthodoxe, das Technische und Handwerkliche, die Vorlage und die Interpretation. Und beide Seiten können miteinander harmonieren und einander beleben.




Bei einer gefilmten Führung5 im Sir John Soane‘s Museum kann man dabei zusehen und zuhören, wie sich zwei der einflussreichsten Figuren der Architektur des 20. Jahrhunderts, Robert Venturi und Denise Scott Brown, im Haus von Soane umschauen. Robert Venturi, der zusammen mit seiner Partnerin die Funktionalität und den Purismus der Moderne anprangerte und der in den 60-iger Jahren für Komplexität und Widerspruch in der Architektur plädierte, ist begeistert. Was er hier erblickt ist eine durchgehende Idee: Es gibt ein Element und dahinter ein anderes Element und dahinter noch ein weiteres. Venturi und Scott Brown nannten es „Räumliche Schichtung“. Von diesem Spiel der Ebenen gehe ein Gefühl des Reichtums, der Widersprüche und Vielfalt aus. (Dinge, die die Moderne ausrottete). Der Anblick von Soanes Hausmuseum erinnert Venturi an Mies van der Rohe, den Modernisten und sein Motto „Less is more“ und daran, wie er selbst Mitte des Jahrhunderts als Postmodernist verkündete: „Less is a bore“.
Auch wenn Tchoban bekennt, dass die Moderne einiges verlernt hat6, zeigt er sich unabhängig von postmodernistischen Vereinnahmungen. Er versucht, Gegenwart und Vergangenheit zu verbinden, ohne Idealisierung oder Nachahmung, sondern mit Authentizität und auf Augenhöhe. Der Entwurf der Tchoban Foundation ist gebauter Ausdruck davon. Dennoch ist es bedeutungsvoll, dass er dieses Museum genau in jener Zeit gründete, als der digitale Entwurfsprozess die Architekturzeichnung zu verdrängen begann.
Sir John Soane – für den es nichts Ungewöhnliches war, mit Federkiel zu schreiben und zu zeichnen, und man darf annehmen, dass er dafür ein antiquarisches Modell bevorzugte – ist zum regelmäßigen Gast im Museum der Tchoban Foundation geworden, spätestens mit dieser vierten temporären Ausstellung. Die analogen Zeichnungen seines Studios beeindrucken mit feinsten Schattierungen und Details, mit dem lebendigen Spiel von Licht, von Hell und Dunkel, mit Farbpaletten von erdig bis strahlend. Die Arbeiten geben Einblick in Soanes Beziehung zu den antiken Baustilen und wie sie sich in seiner Praxis niederschlugen. Als zeitlose Inspirationen laden sie gleichzeitig dazu ein, sie zum eigenen Gewinn zu studieren, über die Geschichte der Architektur, ihre Stellung in der heutigen Baukultur, aber auch über Architekturausbildung nachzudenken. Die Präsentation ist, nicht zuletzt, ein erneutes Plädoyer für ein Revival der Handzeichnungen. Und: Sie ist garantiert nicht „langweilig“. ♦
¹ https://www.bankofengland.co.uk/museum/online-collections/archive-gallery/soane-bank; letzter Zugriff 7.9.2022
² https://www.soane.org/drawing-office; letzter Zugriff 7.9.2022. Das Zeichenbüro gehört zu den ältesten erhaltenen Beispielen eines architektonischen Zeichenbüros dieser Art und befindet sich direkt unter dem Dach des Sir John Soane Museums und kann ab Anfang 2023 besichtigt werden.
³ Siehe Sophie Thomas‘ Essay „A “strange and mixed assemblage”: Sir John Soane, Archivist of the Self” (https://muse.jhu.edu/article/739844/pdf; letzter Zugriff 7.9.2022).
⁴ http://www.berkshirehistory.com/bios/jsoane.html; letzter Zugriff 7.9.2022
⁵ https://www.britannica.com/video/164470/tour-documentary-London-Sir-John-Soanes-Museum; letzter Zugriff 7.9.2022
⁶ https://www.bauwelt.de/themen/Es-geht-um-den-aesthetischen-Genuss-Museum-fuer-Architekturzeichnung-Berlin-Sergei-Tchoban-Fassade-2102770.html; letzter Zugriff 7.9.2022



