Yayoi Kusama Retrospektive in Berlin
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YAYOI KUSAMA: A RETROSPECTIVE. A BOUQUET OF LOVE I SAW IN THE UNIVERSE

Sie ist eine der international prominentesten Figuren der Gegenwartskunst: Yayoi Kusama. Vom 23. April bis 15. August 2021 zeigt der Gropius Bau in Berlin eine Ausstellung ihrer Werke aus acht Jahrzehnten. Es ist die erste umfassende Retrospektive der Japanerin in Deutschland.

7. Mai 2021 | Özlem Özdemir

 

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ayoi Kusama ist eine fulminante Erscheinung der internationalen Gegenwartskunst, und von gleicher Qualität ist auch der Titel ihrer diesjährigen Ausstellung in Berlin, benannt nach ihrer Installation von 2021. Er klingt gigantisch, geheimnisvoll und poetisch: A Bouquet of Love I Saw in the Universe.

Die heute 92-jährige Künstlerin hat dieses „Bouquet“ eigens für das große historische Atrium des Gropius Baus entworfen. Heiter und gespenstig streben riesige aufblasbare Krakenarme in Richtung Glasdach. Man könnte auch sagen, es sind tanzende Schlangen, wogende Gräser, züngelnde Flammen, büschelige Seeanemonen, oberirdische Riesenwurzeln, wirbelnde Galaxien. Denkbar wären auch herausquellende Dämonen oder brodelnde Science-Fiction-Wesen. Einfacher zu beschreiben sind die schwarzen Punkte. Sie sind das Kusama-Kennzeichen: Polka Dots. In verschiedenen Formaten und mehreren Reihen zieren sie das pinkfarbene Material. Sie lassen das Reglose visuell pulsieren und akzentuieren das spitze Zulaufen der schlauchartigen Körper, die in Richtung Himmel und Licht weisen. Dasselbe Muster und dieselbe Farbe finden sich auf dem Boden. Exponat und Fundament gehen ineinander über. Ausweitung und Auflösung liegt in der Luft. Beim Wandeln und Treiben durch das Werk lässt sich trefflich sinnieren. Das Endlose des Meeres, die unschätzbare Weite des Raums, das Umsichgreifen von vernetzten Systemen – all das wird heraufbeschworen. Wie ein explosives Credo steht das Werk im Zentrum des Ausstellungsorts. In voller Blüte in Pink streckt Kusama es uns entgegen, ihr Arrangement von Assoziationen, das changiert zwischen floristisch, animalisch und kosmisch.

Installation in Gropius Bau 2021
Courtesy of Gropius Bau // Yayoi Kusama: A Bouquet of Love I Saw in the Universe, 2021, Gropius Bau // Photo © Luca Girardini

 

Wer ist die Schöpferin dieses grandiosen Ausstellungsauftakts? Yayoi Kusama, die weithin als die bedeutendste Künstlerin der japanischen Nachkriegszeit gilt, wurde 1929 in Matsumoto, Japan, geboren. Nach einer Aufforderung von Georgia O’Keefe, der sie als Bewunderin und Ratsuchende geschrieben hatte, kam sie 1957 in die USA, machte dort Karriere, wurde auch in Europa bekannt und kehrte 1973 wieder zurück nach Japan. Seit 1977 lebt sie, u.a. aufgrund eines Nervenleidens, freiwillig in einer psychiatrischen Einrichtung in Tokio. Gleichzeitig arbeitet sie weiterhin in ihrem Atelier an ihrem Schaffensspektrum, das von Kunst über Film und Mode bis hin zur Literatur reicht.

Nach eigenen Angaben begann Yayoi Kusama schon als Kind zu malen. Damals erlitt sie furchterregende Halluzinationen: So erschienen ihr die Felder, von denen ihr Zuhause umgeben war, wie ein allumfassendes, expandierendes gesprenkeltes Muster, das sich vom Himmel bis zur Erde erstreckte, sie erfasste und zu verschlingen drohte. Und wie diese grenzauflösende Erfahrung wurde eine Grenzüberschreitung ganz anderer Art zu einem weiteren Ausschlaggeber für ihr zukünftiges Schaffen: Als Kusama ein kleines Mädchen war, ließ sie die Mutter, die Kusamas Vater einer Affäre verdächtigte, das Liebespaar ausspionieren und Bericht erstatten. Der ausgeführte Auftrag lies die Tochter traumatisiert zurück. Die Extremsituationen ihres Lebens hatten schöpferische Konsequenzen.

Kusama Infinity Net
Courtesy of Gropius Bau // Yayoi Kusama, Kusama in ihrem Studio, New York, ca. 1961 // Photo © YAYOI KUSAMA

 

In den 50er-Jahren begann Kusama ihre alles umhüllenden Visionen in riesige, akribisch gemalte Infinity Net Gemälde zu übertragen. Ihre erste Arbeit dieser monoton-hypnotischen Art, bestehend aus kleinen Kreisen auf übergroßen Leinwänden, wurde 1959 in New York ausgestellt. Der Entstehungsprozess dieser Bilder war eine Form der Katharsis für sie: Mit dem Akt der Wiederholung versuchte sie, ihre Ängste und sogar sich selbst auszulöschen.

Installation : One Thousand Boats Show
Courtesy of Gropius Bau // Yayoi Kusama, Aggregation: One Thousand Boats Show, 1963 / 60.0 x 130.0 265.0 x cm / 2) oar: (l)169 x (h)12 x (b)13 / Boot mit Rudern, bedeckt von Gipsabgüssen in weißer Watte, ein Paar Damenschuhe // Photo © YAYOI KUSAMA, Courtesy: Collection Stedelijk Museum Amsterdam

 

One Thousand Boats Show von 1963 ist eine ihrer Akkumulationen (oder Aggregationen), worin sie Möbel, Böden und andere Gegenstände von weichen Formen, die männliche Glieder darstellen, überwuchern lässt. Bei diesem Stück ist es ein Ruderboot, das sie derart behandelt, sowohl innen als auch außen. Gefährt und Glieder sind quasi in weißer Farbe vereint. Die Raumwände sind schwarz und verziert mit gleichmäßig verteilten identischen Fotokopien davon. (Andy Warhol, dem sie später vorwarf, ihre Ideen zu stehlen, verwendete bei einer Ausstellung 1966 eine Tapete ähnlicher, wenn auch in farbiger Version. Das überbordend männlich besetzte Boot der Kusama ersetzte er durch einen sich wiederholenden Siebdruck mit einem sehr weiblichen Motiv: dem Porträt einer Kuh.)

“By translating hallucinations and fear of hallucinations into paintings, I have been trying to cure my disease”1, sagt die Künstlerin in einem Interview. Und in einem Gespräch mit Andrew Solomon, einem promovierten Psychologen, gibt sie preis: „I was afraid of sex. I don’t do any sex. Never. The sexual obsession and the fear of sex sit side by side in me.”2 Kusama ist Meisterin in der Verwandlung ihrer Ängste: Heraus kommt eine Welt der Faszination, wenn nicht sogar Entertainment.

Yayoi Kusaa in Infinity Mirror Room – Phalli’s Field
Courtesy of Gropius Bau // Yayoi Kusama, Infinity Mirror Room – Phalli’s Field, 1965 / Installation, Mixed Media // Photo © YAYOI KUSAMA, Courtesy: Ota Fine Arts, Victoria Miro

 

Infinity Mirror Room – Phalli’s Field (1965) ist hierfür ein berühmtes Beispiel. Der eigens für die New Yorker Ausstellung Floor Show konstruierte Spiegelraum maß in der Höhe etwas mehr als zweieinhalb Meter und hatte eine Grundfläche von 25 Quadratmetern. Die vier durchgehend verspiegelten Wände führten zu Endlos-Reflexionen der Betrachter. Der Boden des Raumes war fast restlos mit einem Teppich aus weichen Stoffausstülpungen bedeckt. Diese von Kusama aus rot-weißem polka-dot-bedrucktem Baumwollstoff hergestellten Säcke waren mit Watte ausgestopft. Sie mussten so verpackt sein, dass sie straff und aufrecht stehen konnten³. So baut sich Kusma ein „Erfahrungsfeld“, das sie unterschiedlich „bespielen“ kann (mal liegend und mal stehend und immer in unterschiedlicher Kleidung).

Infinity Mirror Room – Phalli’s Field ist Kusama’s erstes Werk, in dem sie den Spiegel verwendet. Befreit von dem phallischen Teppich, konzentriert sie sich in ihren späteren Spiegelarbeiten immer mehr auf das bloße Phänomen der Spiegelungen und der irritierend grenzenlosen Vervielfältigungen von Raum und Mensch, kombiniert mit sich vermehrenden Mustern etwa aus Kreisen und Kugeln. Einige dieser Spiegelkabinette à la Kusama sind im Gropius Bau aufgebaut. Außerdem gibt es eine weitere Version des Infinity Mirror Room, die eigens für diese Ausstellung enstand: The Eternally Infinite Light of the Universe Illuminating the Quest for Truth. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie laden zum Eintauchen ein und fordern dazu auf, sich zu verlieren und dabei zu entdecken.

Installationsansicht, 2021 Gropius Bau
Courtesy of Gropius Bau // Yayoi Kusama: The Spirits of the Pumpkins Descended into the Heavens, 2021, Gropius Bau // Photo © Luca Girardini
Kusama Installation Gropius Bau
Courtesy of Gropius Bau // Yayoi Kusama: Infinity Mirror Room – The Eternally Infinite Light of the Universe Illuminating the Quest for Truth, 2021, Gropius Bau // Photo © Luca Girardini
Spiegelinstallation von Yayoi Kusama, 2021 Gropius Bau in Berlin
Courtesy of Gropius Bau // Yayoi Kusama: Infinity Mirror Room – The Eternally Infinite Light of the Universe Illuminating the Quest for Truth, 2021, Gropius Bau // Photo © Luca Girardini

 

Passend zu Kusamas Visionen übergriffiger Grenzenlosigkeit gibt es bei dieser Ausstellung der visuell-körperlichen Entdeckungen unendlich viel.  Genauso mannigfaltig sind die Möglichkeiten, sie kunsthistorisch einzuordnen. Gilda Williams, ausgewiesene Kennerin von Warhol (Kusamas „kopierender Kollege“), staunt in ihrem Essay Infinite Nature: On Yayoi Kusama’s Pumpkins4 über diese lange Schaffenszeit, in der sie viele kunsthistorische Momente vorweggenommen hätte. Laut Williams produzierte Kusama großformatige weiche Skulpturen noch vor Claes Oldenburgs Soft Sculptures, schuf Akkumulationsskulpturen mit repetitiven Formen noch vor ihrer Freundin Eva Hesse, deren Werk vom Prinzip der Wiederholungen lebt, fabrizierte phallusbestückte Objekte noch vor Louise Bourgeois und sie erdachte Tapeten mit sich wiederholenden Formen sowie silbrige Objekte noch vor Andy Warhol. Auch Kusamas Einfluss auf die Gegenwartskunst ist frappierend, siehe die psychotisch wirkenden Videos der Pipilotti Rist oder die bunten Punkt-Obsessionen bei Damien Hirst.

A Bouquet of Love I Saw in the Universe ist die erste institutionelle Kusama-Retrospektive in Deutschland. Allein das ist schon erstaunlich. Eine Entschädigung für die Verspätung: Die Ausstellung erstreckt sich über fast 3000 m² und zeigt fast 300 Werke aus den letzten 80 Jahren. Kuratorin der superlativen Präsentation ist Stephanie Rosenthal, Direktorin des Gropius Bau. Sie arbeitete eng mit der Künstlerin und ihrem Atelier in Tokio zusammen. Man stützte sich weitgehend auf Kusamas eigenes Archiv, das Rosenthal und ihr Team persönlich besucht haben. Ausgewählt wurden Gouachen auf Papier, akkumulative Skulpturen, Happenings und Modearbeiten. Lichtblicke sind auch Kusamas jüngste Gemälde.

Die Eröffnung der Ausstellung war ursprünglich früher geplant. Aber ein Leid von geradezu kusamascher Dimension brach weltweit aus. Wegen einer Pandemie jedoch den Berliner Auftritt einer Künstlerin, die das Londoner Christie’s zu den Titanen der Pop-Art zählt, nicht zu besuchen, ist keine Entschuldigung. Der Gropius Bau bietet einen Digital Guide5 mit lebendigen Einblicken und geistigen Appetithäppchen. Eines der gezeigten Fotos ist seltsam berührend. Die Rede ist von der Schwarz-Weiß-Aufnahme, die die Grande Dame der zeitgenössischen Kunst als 10-jähriges Kind zeigt. Sie hält einen großen Blumenstrauß in der Hand. Fast nur ihr Gesicht schaut hervor. Es ist ernst und starr. Mehr noch, es wirkt wie versteinert – vielleicht vor Verletztheit, vielleicht vor Langmut. Dieses junge Gesicht ist von ähnlicher Größe wie die Blüten um sie herum. Das Mädchen reiht sich ein in die florale Komposition, verschmilzt mit ihr und ragt doch hervor. Das Ganze erscheint einem wie ein irdisches und doch transzendentes Andachtsbild, eine Ikone. Die Worte daneben sind Kusama-Feeling pur: „Auch wenn die Vollendung der vor mir liegenden Arbeit vierhundert Jahre dauern würde, ich würde genau in diesem Moment damit beginnen – so fühle ich mich.“6  

 

¹ https://bombmagazine.org/articles/yayoi-kusama; letzter Zugriff 4.5.2021

² https://www.artforum.com/print/199702/dot-dot-dot-the-lifework-of-yayoi-kusama-32905; letzter Zugriff 4.5.2021

³ Angaben nach: Applin, J. (2012). Yayoi Kusama: Infinity Mirror Room – Phalli’s Field. London: Afterall Publishing.

Gilda Williams: Infinite Nature: On Yayoi Kusama’s Pumpkins in Ausst.-Kat. Yayoi Kusama – Pumpkins; Published October 31st 2014 by Victoria Miro Gallery

5  https://kusama-digital-guide.gropiusbau.de/de; letzter Zugriff 4.5.2021

6 Yayoi Kusama: Infinity Net. Meine Autobiographie; Bern/Wien 2017

 

Yayoi Kusama Potrait
Courtesy of Gropius Bau // Yayoi Kusama, Portrait // Photo © YAYOI KUSAMA, Courtesy: Ota Fine Arts, Victoria Miro & David Zwirner

 

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