Ist das Panorama der Dinosaurier der Massenunterhaltung? Yadegar Asisi sagt ganz klar: nein – und beantwortet Fragen zu anderen Panoramen und Panoramamachern der Kunstgeschichte, diversen Themen wie Virtual Reality und den Folgen, die die Ausstellung „9/11“ für seine Arbeit haben wird.
15. März 2023 | Özlem Özdemir
Özlem Özdemir: Sie sagen, das Panorama ist eine körperliche Erfahrung. So ist New York 9/11 – Krieg in Zeiten von Frieden sehr visuell und akustisch. Zugleich wenden Sie sich aber an den Intellekt, denn es kommen Gastautoren ins Spiel, darunter die Schriftstellerin Shida Bazyar, der ehemalige Professor für Ästhetik Bazon Brock, die Theologin Margot Käßmann, der Politik- und Islamwissenschaftler Michael Lüders und Regisseur Wim Wenders. Hatten Sie zu all den Autoren Kontakt und wie sind die Texte in der Ausstellung integriert?
Yadegar Asisi: Ja, es gibt zu allen Autoren einen direkten Kontakt. Manche kenne ich schon lange und andere, die ich gerne dabeihaben wollte, habe ich angerufen, angeschrieben oder getroffen. Alle Texte wurden extra für die Ausstellung geschrieben. Ich wollte bei 9/11 gerne die Sichtweise von anderen Personen zulassen, weil ich es für ein sehr komplexes Thema halte. Alle Autoren haben sich ein Thema herausgesucht, das sie berührt: Wim Wenders zum Beispiel, den ich seit den 80er-Jahren kenne. Ich sagte zu ihm‚ deine Arbeit und Weltsicht, das hätte ich gerne dabei, es wäre toll, wenn du etwas für die Ausstellung machst! Er sagte, er habe damals, kurz nach dem Anschlag, ein Bild fotografiert – und so beschreibt er im Text, was er erlebte: diesen Staub, als Tote gefunden wurden, die Glocken läuteten und es eine Schweigeminute gab, wie plötzlich die Sonne so stand, dass sie sich in einem Wolkenkratzer spiegelte und das Licht direkt in das Loch fiel. Das Bild, ich glaube, es ist 5 Meter hoch, hängt in der Ausstellung und man sieht diesen Lichtstrahl, der in das Loch fällt. Und dazu kommen seine brillanten Worte. Wir haben versucht, die Texte denjenigen Installationen beizufügen, die thematisch am besten passen.
ÖÖ: Ich war auch neugierig geworden auf den historischen Hintergrund des Panoramas und stieß auf Robert Barker …
YA: Natürlich, Robert Barker ist der Erfinder des Panoramas. Er war ein in Schottland lebender irischer Maler. Er ist in Edinburgh spazieren gegangen und hatte plötzlich eine Idee. Er stellte Leinwände im Kreis auf, stellte sich in ihre Mitte, drehte sich im Kreis und malte immer das, was dahinter zu sehen war auf die Leinwände. So entstand die Idee des Panoramas. Barker meldete sie direkt zum Patent an und wurde zum ersten großen Panorama-Macher des 19. Jahrhunderts.
Die Kunstgeschichtler unserer Zeit bezeichnen das Panorama als den Dinosaurier der Massenunterhaltung des 19. Jahrhunderts: Was für ein Begriff! Ich hatte 1993 die Ausstellung in der Bonner Kunsthalle Sehsucht [sic]: Das Panorama als Massenunterhaltung des 19. Jahrhunderts mitgemacht, die von Marie-Luise von Plessen konzipiert wurde. Damals sagte ich, es kann nicht sein, dass das ein Dinosaurier ist, und wir sollten darüber nachdenken, was ein solches Panorama eigentlich kann. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist es in Misskredit geraten, weil es zu viel kostete und dadurch die Aufträge nur durch Institutionen und Regierungen zustande kamen. Im Ergebnis waren sie ideologisch besetzt. Wenn ich etwas geschafft habe, dann das: Ich habe das Panorama von diesem Nimbus befreit. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Auftragsangebote ich in den letzten 20 Jahren abgelehnt habe. Ich bin eben kein Dienstleister. Aber aktuell gibt es wieder intensive Gespräche zu neuen, künstlerisch interessanten Projekten u. a. für Südamerika und die Türkei, die mich wirklich interessieren.
ÖÖ: Kommen wir nochmals zu den historischen Panoramen. Sehr spannend finde ich Mesdag (1881) von Hendrik Willem Mesdag. Ein zylinderförmiges Gemälde der Nordsee bei Scheveningen an der Haager Küste. Darin ist ein nachgebauter Strand integriert, mitten im Rundbau, wobei der Übergang zum Gemälde kaum sichtbar ist und damit eine Illusion der Wirklichkeit entsteht. Als ich Bilder davon sah, fand ich das erstaunlich modern. Illusion ist ein Bereich mehr, mit dem Sie sich beschäftigt haben …
YA: Wenn Sie über Mesdag sprechen, dann können Sie sich auch das Bourbaki-Panorama in Luzern anschauen. Beide folgen dem Prinzip des Faux Terrain, das Gebiet vor dem Bild. In Schlachten liegen dann da z. B. Puppen als tote Soldaten verkleidet, was alles andere als modern ist. Mesdag und Bourbaki sind hierbei aber eine seltene Ausnahme. Ich versuche es mit einem Beispiel zu erklären. Sie stellen ein Wohnzimmer mit einer Fototapete dar, haben aber einen realen dreidimensionalen Stuhl davor. Wenn Sie sich jetzt bewegen, dann bewegt sich auch der Stuhl vor der Fototapete. Auf der Fototapete selbst ist auch ein Stuhl, der bewegt sich in seinem Hintergrund natürlich nicht. Es entsteht eine Diskrepanz zum dreidimensionalen Objekt, weil Sie es bezogen zum illusionistisch Gemalten anders sehen. Mesdag und Bourbaki funktionieren mithilfe „neutraler“ Objekte wie Sand oder Schnee. Wenn aber beispielsweise der Sand eine Kuhle hätte, würde der Effekt verloren gehen.
ÖÖ: Gibt es Künstler und Künstlerinnen oder Stilrichtungen, die Sie inspirieren?
YA: Oh ja. Es gibt zum Beispiel einen russischen Maler, den ich sehr liebe und für seine Komplexität von Gruppenbildern bewundere, Ilja Repin. Ich sehe ihn als einen gegenständlichen Maler, der zu Zeiten von Liebermann oder Menzel fantastische Bilder gemacht hat, unglaublich realistisch, verdichtet und mit einem psychologischem Tiefgang ohne dabei choreografiert auszusehen.
Das war für mich eine Inspiration. So wirken die Szenerien, die ich aufbaue, sehr natürlich. Die Leute wissen immer nicht, wie das passiert. Allein mit Fotografie ist das nicht getan. Sie müssen im Computer die Menschen ummodeln und farbig anders anlegen. Manchmal wechsle ich Köpfe, Blicke oder Hände aus, damit eine Interaktion zwischen den Menschen entsteht.
Bei den zeitgenössischen Künstlern finde ich David Hockney super. Als ich studierte, dachte ich erst, was macht der für Unsinn. Aber ich finde ihn ganz, ganz toll. Oder Edvard Munch … ich könnte da so viele aufzählen.
Wesentlich ist für mich die Trennung zwischen dem Kunstmarkt und dem, was mich wirklich begeistert. Wo immer ich in der Welt hinkomme, sehe ich Künstler und Künstlerinnen, von denen niemand was kennt. Man ist absolut fasziniert, was für fabelhafte Sachen existieren. Leider gibt es für diese oft keine Bühne. Ich habe viel Hochachtung vor den namenlosen Kunstschaffenden dieser Welt.

ÖÖ: Würden Sie sich als Panorama-Künstler bezeichnen?
YA: Ich gebe mir keinen Titel. Ich bin Regisseur, Fotograf, Maler und Zeichner. Ich trenne das nicht. Ich bin auch Architekt. Ohne mein architektonisches Wissen könnte ich diese Bilder nicht machen. Was ich mache, ist wirklich sehr vielfältig, aber eine konkrete Bezeichnung ist mir nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass ich einen Raum für mich erobert habe, in dem es wunderbar ist, zu agieren. Haben Sie eigentlich meinen Youtube-Kanal schon mal gesehen?
ÖÖ: Ja, da habe ich selbstverständlich reingeschaut.
YA: Dann wissen Sie, was ich dort mache. Ich bringe den Leuten nicht das Zeichnen wegen des Zeichnens bei, sondern ich frage mich, was wir in unserer Bildungspolitik machen, wenn wir noch nicht mal den Kindern das Zeichnen erhalten. Was wir brauchen, ist Persönlichkeitsentwicklung, Reflexionsfähigkeit, soziale Kompetenz und Empathie. Das Wissen ist da. Wir müssen aber den Menschen beibringen, wie man mit dem Wissen dieser Welt umgeht.
ÖÖ: Das erinnert an die Romantik, eine Epoche der Empfindungen und Gefühle, als die Gesellschaft gerade diese Fähigkeiten, die Sie andeuten, pflegten …
YA: Ja, da war z. B. Goethe – und der konnte zeichnen. Er hat ein Handwerk gelernt und mit diesem viel gemacht. Ich sage immer, Zeichnen ist so wichtig wie Lesen und Schreiben. Da schauen die Leute mich an und sagen Lesen und Schreiben ist doch wichtiger. Da sage ich Nein, ich wäre nicht das, was ich bin, wenn ich nicht gezeichnet hätte. Zeichnen ist eine andere Form von Weltvereinnahmung. Viele Menschen begreifen das aber nicht und denken, das Rationale ist entscheidend. Aber unsere emotionale Seite, unsere Sinne, sind ebenso wichtig, also Tasten und Riechen. Allein das Riechen ist ein komplexes Kulturinstrument, wenn man es so will. Aber zurück zu YouTube. Wenn man dort reinschaut, dann sieht man auch, welche Art von Herangehensweise ich habe.
ÖÖ: Ihr Youtube-Kanal ist außerdem ein weiteres Beispiel für Ihre extreme Produktivität – in alle Richtungen.
YA: Für mich gehört das alles zusammen. Mich einzuordnen ist daher schwierig. Ich werde höchstwahrscheinlich in drei, vier Jahren eine große Retrospektive in Leipzig machen: sozusagen einen Gesamtwerkversuch, ein Versuch, all die Facetten zu zeigen, die notwendig waren, um das zu machen, was ich mache. Ich habe allein angefangen, fühle mich mit meinem Team aber mittlerweile eher wie in einer Malwerkstatt der Renaissance.


ÖÖ: Sie würden aber nicht so weit gehen zu sagen, dass es keine Panorama-Kunstszene gibt?
YA: Ich bin seit langer Zeit im International Panorama Council (IPC). Seit 30, 40 Jahren ist diese Organisation dabei, die Geschichte aufzuarbeiten und bietet einen internationalen Überblick darüber, wer panoramatisch arbeitet. Die ganze Virtual-Reality-Geschichte ist ja im Prinzip ein panoramatischer Blick. So gesehen war Leonardo da Vinci für mich der Erste, der darüber nachdachte. Er wusste selbst nichts über die Komplexität. Das hat Robert Barker dann mit der Erfindung des Panoramas gemacht.
Kugelprojektionen und all diese Sachen gehören auch dazu. Es war immer der Wunsch der Menschen, in eine 1-zu-1 Realität eintauchen zu können, und mit den virtuellen Welten beginnen wir jetzt damit. Deswegen glaube ich, dass meine Panoramen zwischen Vergangenheit und Zukunft vermitteln.
Letztendlich ist alles Virtuelle panoramatisch. Chinesen und Nordkoreaner etwa machen noch immer ihre klassischen Panoramen. Dort ist das noch sehr ideologisch besetzt. Die Künstler sind Dienstleister für ihre Auftraggeber. Deswegen sagte ich, dass ich das Panorama vielleicht wieder zu einem wirklichen Kunstwerk gemacht habe. Und ich glaube nicht, dass irgendjemand auf der Welt es genauso macht, wie ich es mache.
ÖÖ: Apropos Virtual Reality: Das ist weitverbreitet, Stichwort 3D-Scan-Methoden – die im Bereich Archäologie und Denkmalpflege für virtuelle Rekonstruktionen angewendet werden – oder IMAX DOME Kino oder VR-Entspannungsbrillen für Senioren. Interessanterweise, passt Ihre Richtung gut rein in diese technologische Welle von Virtual Reality & Co.
YA: Ich habe ja angefangen als Virtual Reality etc. so noch gar nicht existierten. Die ersten Kugelprojektionen habe ich in den 80er-Jahren gemacht und die ersten Panoramen 1993. Da war die Technik noch gar nicht da. Ich habe Sachen entwickelt und kurz danach kam die erste Software von Apple: also was Sie jetzt mit jedem iPhone machen können – Sie drehen sich und dann erstellt das Telefon ein Panorama.
Ich habe eines der ersten elektronischen Panoramen in der Hochschule gebaut. Das war Anfang der 2000er-Jahre. Ich sagte damals, dass das der billigste Raumsimulator ist, den es auf dieser Welt gibt. Da waren die Amerikaner schon zugange mit Cave [Cave Automatic Virtual Environment – eine Form von VR, mit der sich Daten räumlich visualisieren lassen, entwickelt von University of Illinois at Chicago; Anm. d. V.] und eine solche Installation hat 2 Millionen gekostet! [Diese „CAVE-Installation“ ist ein Würfel, welcher von 1 bis 6 Seiten mit 2-12 Beamern oder 3D LED Wänden bespielt wird, wodurch ein dreidimensionaler virtueller Raum im Inneren des Würfels entsteht; Anm. d. V.] Also was das betrifft, hatte ich vielleicht Glück, dass ich dieser Bewegung einen halben Schritt voraus war.
ÖÖ: Sie waren also vielen voraus und haben viel Erfolg mit Ihren Panoramen. Manche zeigen Sie sogar im Ausland. Es würde den Rahmen sprengen, auf all Ihre Aktivitäten einzugehen, denn Ihre Schaffenspalette ist so immens wie Ihre Arbeiten. Eine letzte Frage zu Ihrem aktuellen Panorama in Leipzig. 9/11 war global gesehen ein folgenreiches Ereignis. Welche Folgen wird die Ausstellung 9/11 für Sie und Ihr Werk haben?
YA: Ich bleibe bei meinem Narrativ des Werdens und Vergehens dieser Welt. Meine neue Themen, die nun in der Konzeptphase stehen, beschäftigen sich insbesondere mit dem multikulturellen Zusammenleben der Menschen. Die Fragen, die ich mir dabei stelle, sind: Was bedeutet eigentlich Religionsgemeinschaft? Warum können verschiedene Religionen nicht zusammenleben? Ich beschreibe etwas, wozu wir bereits in der Lage sind, denn wir haben es geschichtlich bewiesen. Warum schaffen wir es heute nicht mehr? Wenn ich Fragen provoziere, habe ich vielleicht einen kleinen Beitrag geleistet. 9/11 steht nicht für etwas Neues, sondern ist ganz im Kontinuum meines Gesamtwerks. Und ich rede auch gar nicht mehr von Einzelprojekten, sondern von einem Gesamtwerk. Denn ich merke immer mehr, dass die Panoramen, die ich bisher gemacht habe, einen roten Faden haben. Ich hoffe, dass die Menschen das dann in der Retrospektive sehen werden und sie in einem Zusammenhang verstehen.
ÖÖ: Also eine Retrospektive ist in absehbarer Zukunft geplant?
YA: Ja, 2025 werde ich 70. Das bedeutet nicht unbedingt, dass ich das in dem Jahr mache, aber ich meine, das ist ein gutes Alter, um mal nachzudenken, was man eigentlich so vollbracht hat. ♦


