Ondrej Chybik und Michal Kristof sind ein Team voller Enthusiasmus und Eigeninitiative. Das Wohl von Stadt und Mensch liegt beiden Architekten am Herzen. Ihre Formel seit ihrer Bürogründung vor zehn Jahren lautet: Transformation. Im Interview berichten sie von ihrem neuesten Behandlungserfolg, dem brutalistischen Bus Terminal Zvonařka in Brünn.
13. Juli 2021 | Özlem Özdemir
Özlem Özdemir: „Wir werden über den zentralen Busbahnhof von Brno Zvonařka sprechen. Warum? Was fehlt ihm? Außer Bussen und Fahrgästen praktisch alles.“¹ – Ausnahmsweise möchte ich ein Interview mit einem Zitat beginnen. Er stammt von ihrem Kollegen Petr Brandejský und bezieht sich natürlich auf den ehemaligen Zustand des Brünner Sorgenkinds. Zvonařka war mit seinen etwa 30 Jahren eigentlich relativ jung – was fehlte ihm, was war schief gelaufen? Wie lautet Ihre Diagnose?
Michal Krištof: Die Diagnose war recht umfangreich. Das Zvonařka-Terminal ist schon seit Langem in einem vernachlässigten Zustand. Es wurde zu einem fahrgastunfreundlichen Bereich. Das ursprüngliche Design wurde durch spätere Erweiterungen von temporären Low-Cost-Ständen gestört. Zu den bedeutenden Problemen des Terminals gehörten fehlende hochwertige Einrichtungen für Fahrgäste, unzureichende Beleuchtung, fehlende barrierefreie Zugänge, fehlende Parkplätze für Fahrgäste, allgemeine Geschlossenheit und Unzugänglichkeit des Areals oder auch die umständliche Verbergung eines historischen Kunstwerks – der Skulptur Křídla (Die Flügel) der tschechischen Künstlerin Sylva Lacinová. Die Öffentlichkeit hat diesen Bahnhof lange Zeit als problematisch und vernachlässigt wahrgenommen, und auch wir waren uns seines Zustands aus der Sicht der regelmäßigen Fahrgäste durchaus bewusst.
ÖÖ: Sie haben beide in Brno studiert, wo Sie heute auch ein Büro haben. Brno ist eng verbunden mit Adolf Loos, Bohuslav Fuchs, Mies van der Rohe, Funktionalismus, Bauhaus, Werkbund. Teil dieser modernen Architektur-Palette ist sogar der Brutalismus – siehe Zvonařka. Allerdings: Das Bauhaus-Juwel Villa Tugendhat von 1930 wird gehegt und gepflegt, brutalistischen Bauten hingegen drohen Verkümmerung oder Abriss (Brünns Beispiel wäre das Kaufhaus Prior; in Prag war es das Hotel Praha aus den 1970er Jahren, das 2014 abgerissen wurde). Wie erklären Sie sich das Unbehagen der Menschen gegenüber diesem Stil? Was ist für Sie das Hervorstechendste an Zvonařka?
Ondřej Chybík: Ich bin in Brünn geboren, wir haben beide in Brünn studiert. Und wir haben genau hier unser Hauptbüro. Was die Architektur der Zwischenkriegszeit betrifft: Sie hat im Allgemeinen einen guten Ruf, sowohl in Brünn als auch in der Tschechischen Republik. Die Menschen hier kennen die Denkmäler aus dieser Periode und deren Qualität sehr gut. Andererseits wird der Brutalismus leider mit einer problematischen Phase unserer Geschichte in Verbindung gebracht – trotz des architektonischen Wertes solcher Gebäude.
MK: Das Zvonařka-Busterminal ist jedoch kein typisches Beispiel für brutalistische Gebäude; es ist ein Gebäude, bei dem sich die brutalistische Ästhetik vor allem in der Verwendung von Bau- und Rohmaterialien manifestiert. Dennoch, dieses Dach ist bemerkenswert. Dank seiner monumentalen Ausmaße – 100 x 100 Meter – gilt es als die größte überdachte Fläche der Stadt.
ÖÖ: Ähnlich bemerkenswert ist, von Anfang an, Ihr Herangehen, Ihre vorausschauende Aktion. Sie machten sich 2017 – unaufgefordert – mit einem Vorschlag unterm Arm auf den Weg und das mit Erfolg. Was war für Sie an diesem Bauwerk erhaltens- oder sogar liebenswert? Wie war Ihre Strategie – auch finanziell gesehen?
OC: Wir haben die Probleme schon als Studenten wahrgenommen. Der Gedanke an die Umgestaltung des Zvonařka-Busbahnhofs kam uns 2011, kurz nach der Gründung unserer Praxis. Im Jahr 2015 sprachen wir mit dem Eigentümer und den Stadtbehörden; 2017 begannen wir mit der Projektvorbereitung und die Arbeiten begannen im März 2020. Wir wollten den Terminal an die aktuellen Anforderungen anpassen und ihn in einen funktionalen öffentlichen Raum verwandeln, wobei die Essenz des ursprünglichen Designs erhalten bleiben sollte. Das Budget war sehr begrenzt – so beantragten wir EU-Fördermittel für das Projekt.
ÖÖ: Schauen wir genauer aufs Dach, diesem wichtigsten Bestandteil eines jeden Bahnhofs. Bei Zvonařka ist es flach, kompakt, klobig und quadratisch. Es hat ein riesiges Fachwerkgerüst aus Stahl, das eine beachtliche Betonplattform trägt, auf dem Mengen von Bussen stehen können. All das hat etwas von einem Gewichtheber mit einem Touch von Surrealismus. Es wirkt ambivalent: unten leicht, oben schwer. Was ist Ihnen an diesem Dach wichtig? Mussten Sie viel „aufräumen“, um es herauszuarbeiten? Kam es zu statisch-konstruktiven Eingriffen?


MK: Die Dachkonstruktion war für ihre Zeit recht großzügig. Die Ingenieure, die sie konzipierten und bauten, leisteten hervorragende Arbeit. Die Struktur ist aufgrund ihrer Dimensionen und der Möglichkeit des Parkens für Busse auf dem Dach tatsächlich sehr massiv. Wir denken, dieses Gebäude ist ein Exempel: Es ist ein Qualitätsbeispiel der öffentlichen Architektur unseres Landes und aus dieser Epoche. Die größten Probleme des Terminals traten erst später auf. Sie entstanden durch unzureichende Instandhaltung und fehlende Investitionen. Von außen sieht das Dach noch genauso aus, während wir es von innen durch eine neue Beleuchtung verbessert haben. Dadurch erscheint der Terminalraum heller und optisch höher. Der Zvonařka-Busbahnhof wirkt nicht mehr wie ein dunkler und damit unfreundlicher Ort. Bei der Modernisierung war es nicht notwendig, in die Konstruktion des Daches einzugreifen. Die Stahlsäulen wurden aufgearbeitet und gestrichen, die Betonsubstanz des Daches gereinigt.
ÖÖ: Das Stahltragwerk und das darüberliegende Trapezblech erhält von Ihnen ein sowohl einfaches als auch wunderwirkendes Mittel: einen weißen Farbanstrich. Warum Weiß und wie sieht die Pflege dieser empfindlichen Farbe aus?
OC: Der helle Anstrich leuchtet den Raum aus und macht ihn optisch größer. Der vorherige Zustand des Bahnhofs wirkte düster und dieses Problem wollten wir mit der neuen Beschichtung beseitigen. Die Stahlsäulen hatten vorher einen schönen Blauton, der zur Rohfarbe des Betons passte. Aber die Weite des Geländes und die geringe Beleuchtung führten dazu, dass auch dieser Blauton in gewissem Maße zu dem dunklen Erscheinungsbild beitrug. Jetzt reflektiert unsere weiße Farbe das Licht. Und umso wichtiger wird es, dass die Säulen gewartet werden. Wir wandten uns dafür an den Besitzer des Terminals und der erklärte sich zusätzlich bereit, die Stahlsäulen regelmäßig mit Strahlwasser zu reinigen.
ÖÖ: Das neue „weiße Kleid“ wäre hier ohne eine angemessene Beleuchtungssituation sinnlos. Sie haben es bereits angedeutet: Licht ist für Ihre Gestaltung von zentraler Bedeutung. Dennoch sind die Lichtelemente nicht aufdringlich. Was war für Sie bei diesem Thema besonders wichtig? Was ist Ihr Beleuchtungskonzept? Welche spezielle Technik, welche Art von Lampen und wie viele davon setzen Sie ein?


MK: Die Licht-Lösung war eine der größten Aufgaben des Projekts. Unser Beleuchtungssystem reagiert auf das Tageslicht, dementsprechend reguliert es dessen Intensität und spart dadurch Strom. Zudem unterstützt die weiße Beschichtung der Säulen die Aufhellung des Raumes dank des reflektierten Lichts der neuen Leuchtstofflampen. Dabei haben wir auf ihre Langlebigkeit geachtet; sie sollen mindestens zehn Jahre halten. Das Lichtkonzept zeichnet sich aus durch die Ausgewogenheit von Farbe, Verteilung, Intensität und Richtung des Lichts. Wir suchten nach der optimalen Farbe des Lichtspektrums und der optimalen Lichtintensität, damit kein hoher Verbrauch auftritt. Wir planten auch die gleichmäßige Platzierung der Leuchten und ihre Ausrichtung, sodass die Dachkonstruktion sowohl nach oben beleuchtet wird – wichtig für ihre optische Erhöhung – als auch nach unten, was für die Gesamtausleuchtung des Plattformbereichs von Bedeutung ist. Erstaunlicherweise ist es eine größere Herausforderung, den gesamten Bereich während des Tages zu beleuchten, da in der Nacht eine geringere Lichtintensität benötigt wird. Tagsüber muss die Intensität – aufgrund des Unterschieds zwischen Kunstlicht und Tageslicht – höher sein. Alle Leuchten sind mit einem Sensor verbunden, der auf die Tageslichtstärke der Umgebung reagiert. Je nachdem schalten sich die Leuchten automatisch ein oder sie dimmen.
OC: Das Clevere an dieser Lösung: Die Leuchten selbst werden zu Energiesparern. Sie wurden extra für den Zvonařka-Busbahnhof angefertigt. Es handelt sich um eine ganz untypische Lösung von Beleuchtung wegen der Verankerung an der bestehenden Konstruktion und der verlangten Parameter. Die Leuchten bestehen aus zwei Lichtquellen – einer nach unten gerichteten und einer nach oben, wobei jede Richtung durch eine eigene IP-Adresse gesteuert wird. Die LED-Leuchten werden über ein DALI-System (Digital Addressable Lighting Interface; Anm.d.V.) gesteuert. Das Terminal erhält insgesamt 350 Leuchten, d. h. 700 einzelne IP-Adressen, und jede kann individuell kontrolliert werden. Die ursprüngliche Beleuchtungslösung entsprach den technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit. Man war noch nicht in der Lage, die geforderte Anzahl von Leuchten an der Konstruktion zu platzieren und dann auch noch solche mit der gewünschten Qualität und Farbe. Durch die verbesserte Beleuchtung gelang es, die gesamte Struktur optisch um fast drei Meter anzuheben. Das ist ein spürbarer Unterschied mit einer enormen Wirkung, wenn man die Dimensionen des Terminals von 100 pro 100 Metern bedenkt.
ÖÖ: Zvonařka liegt südlich vom Stadtzentrum, seine urbane Situation ist konfus. Ein wichtiges Gegenmittel war sicherlich der Abriss der Kioskzeile am Nordrand des Busbahnhofs; damit wollten Sie eine Öffnung zum Stadtzentrum erzielen (direkt gegenüber diesen Ständen befindet sich immerhin der riesige Einkaufskomplex Galerie Vankovka). Der Clou ist, dass Sie diese ehemaligen „Störenfriede“ ruhig gestellt haben: Ihre Stellvertreter sind jetzt ein paar wenige gläserne Boxen in einer rot gehaltenen streifenartigen Eingangshalle – ein Bereich im Entwurf, der im wahrsten Sinne des Wortes hervorgehoben ist. Was können Sie uns Näheres sagen über die Kiosk-Entscheidung und den neuen roten Eingangsbereich?


OC: Diese Stände an der nördlichen Grenze des Terminals waren in den 1990er-Jahren entstanden und boten eher billige Waren an, und es war nicht direkt das richtige Sortiment für die Fahrgäste. Dieses Problem gab es auch schon früher an mehreren Stellen in der Innenstadt, aber allmählich verschwinden solche Buden oder temporäre Installationen. Unsere neue Eingangshalle, dieser durchgehende „rote Streifen“, hat die Stände ersetzt. Sie hatten nicht nur das ursprüngliche Design gestört, sie stellten auch eine unangenehme Barriere dar.
MK: Der Mietvertrag für die Inhaber der Buden bekam keine Verlängerung. Das Modernisierungskonzept sah logischerweise vor, diese temporären Läden zu entfernen und sie durch eine neue, lichtdurchlässige Halle zu ersetzen – eine Halle, in der sich die Fahrgäste aufhalten können und die die notwendigen Einrichtungen enthält: Fahrkartenschalter, Informationsstände, Warteräume, Erfrischungen usw. Sie überspannt in ihrer Form die neuen Einrichtungen, öffnet den Terminalbereich zum Stadtzentrum hin und leitet die Passagiere nach innen. Die Halle stellt noch ein anderes signifikantes Element im Terminal dar: ihre rote Farbe kontrastiert mit dem restlichen Design. Und ihr Dach, das sich organisch aus dem Niveau der Gehwege und Bussteige erhebt, bietet den Passagieren eine ungewöhnliche Sitzgelegenheit.

ÖÖ: Abgeschafft haben Sie auch die Fußgängerbrücke über der Kreuzung nordöstlich vom Busbahnhof. Diese mäanderartige Konstruktion hatte wohl fast schon etwas Skulpturales. Aber Sie haben sie entfernt, um dem Projekt mehr Luft zu verschaffen. Was können Sie über diese Anbindungsfragen sagen?
OC: Dieser Fußgängersteg verlängerte den Zugang zum Terminal und machte ihn komplizierter. Ihr verwahrloster Zustand kam dem Bereich nicht einmal ästhetisch zugute. Anstatt die Fußgängerbrücke zu benutzen, können die Fahrgäste diese Seite des Bahnhofs nun einfach über den Zebrastreifen erreichen. Außerdem gibt es noch die bestehende Fußgängerbrücke auf der anderen Seite, worüber das Terminal mit dem nahe gelegenen Einkaufszentrum Vaňkovka verbunden ist. Direkt neben dem Terminal werden auch neue Haltestellen für den öffentlichen Verkehr gebaut. Generell wird Zvonařka besser erschlossen sein. Früher klagten die Einheimischen oft darüber, wie beschwerlich der Zugang von der City aus ist und über die unangenehm langen Gehstrecken der Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel.
ÖÖ: Brücke und Buden mussten also weichen. Aber es gibt auch etwas, das Sie integriert haben. Unter dem Dach stehen langgestreckte Baublöcke neben der neuen roten Eingangshalle. Warum haben Sie die bestehenden Bauten unter dem Dach bewahrt? Und auch die Rampe, die auf das Dach führt, musste wohl erhalten bleiben; aber haben Sie diese etwas anpassen oder auch umnutzen können?
MK: Die anderen Gebäude im Terminalbereich können im Moment nicht abgerissen werden. Ihre Entfernung steht noch an. Die ehemalige Eingangshalle wird wohl durch ein neues Verwaltungsgebäude ersetzt. Aber das sind nur ungewisse Pläne. Fakt ist, dass sich das Terminal nach der kürzlich erfolgten Erneuerung erfolgreich in einen modernen, funktionalen öffentlichen Raum verwandelt hat. Was die Rampe betrifft, so gab es keine Möglichkeit, sie zu verändern. Die Rampe stellt den Zugang zum Dach für Busse und Autos dar. Und sie erfüllt diesen Zweck perfekt. Früher gab es auf dem Dach nur Parkplätze für Busse. Jetzt haben wir Plätze für die Autos der Fahrgäste hinzugefügt, während die Anzahl der Plätze für die Busse gleich geblieben ist. Ein Park-and-ride-System war hier von den Nutzern sehr gewünscht. Allerdings, und das räumen wir natürlich ein, ist die Rampe eine große monofunktionale Verkehrsinfrastruktur, die um und unter sich einen problematischen Stadtraum schafft. Vielleicht ist nun die Rampe dran, vielleicht ist sie die nächste Stufe der Veränderung. ♦
Aus dem Englischen von Özlem Özdemir
¹ https://stavba.tzb-info.cz/architektura-staveb/22004-znovuzrozeni-uan-brno-zvonarka-2021/; letzter Zugriff 13.7.2021



