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BALSAM DEM BRUTALISMUS:
CHYBIK+KRISTOF – 2

Chybik+Kristof interessiert sich für das Phänomen Alt & Neu, inklusive umstrittene Baustile. Um ihre aktuellste Rehabilitation, den brutalistischen Bus Terminal Zvonařka, dreht sich auch der zweite Teil des Interviews: Es ist der neueste Höhepunkt im Werk der transformativ denkenden Architekten aus Brno.

20. Juli 2021 | Özlem Özdemir

 

Özlem Özdemir: Das mächtige Dach von Zvonařka, seine spannende Extrafunktion als Plattform für die Fahrzeuge darüber und das neue ausgeklügelte Lichtkonzept von Ihnen – all das haben wir eingangs näher kennengelernt. Kümmern wir uns nun noch um organisatorische Fragen und das urbane Drumherum, bevor wir nochmals zum Thema Brutalismus zurückkommen und schließlich über Ihr Credo als Architekten reden. Wie sah also die Organisation der Bussteige früher aus? Konnten Sie einiges übernehmen? Oder haben Sie die Anordnung von Grund auf neu erfunden?

Michal Krištof: Der Grundriss des Bahnsteigs war angemessen, der Kapazität des Nahverkehrs entsprechend. Außerdem hätte die Neuorganisation der Bussteige nicht in das Projektbudget gepasst. Es bestand aber auch gar keine Notwendigkeit für solche Änderungen. Also haben wir sie nur umnummeriert: Die Reihenfolge beginnt, ganz logisch, direkt bei der neuen Eingangshalle. Was wir damit für jeden Fahrgast geschafft haben, ist eine ordentliche Weg-Organisation. Und die beginnt schon bei den Zugängen über die beiden Straßenkreuzungen, geht durch die Eingangshalle bis hin zu den barrierefreien Übergängen zwischen den Plattformen – beginnend von Bussteig Nr. 1 zum nächsten und zum übernächsten usw.

ÖÖ: Anfangs wollten Sie, um die Bussteiggruppen zu differenzieren, Farben bzw. „Farbstreifen“ auf dem Boden anwenden¹.  Sie dachten sogar daran, die Flaggen-Farben der europäischen Länder einzusetzen. (Immerhin kommen hier Reisebusse aus der ganzen Welt an). Im Endergebnis blieb – neben dem weißen Anstrich der Stahlkonstruktion nur der kontrastrierende „Rote Streifen“, die Eingangshalle. Wäre Polychromie für die Orientierung der Reisenden nicht tatsächlich praktisch gewesen? Und schließlich zur jetzigen Farbgestaltung: Ihre letzten Präsentationsbilder erinnern wegen dieser Rot-Weiß-Schwarz-Kombination an die Grafiken etwa eines Alexander Rodschenko; war Ihnen dieser Anklang des Russischen Konstruktivismus bewusst?

Terminal Zvonařka in Brünn - Isometrie mit en Bussteigen
Courtesy of CHYBIK + KRISTOF Architects and Urban Designers
Chybik+Kristof Modernisierung eines brutalistischen Busbahnhofs in Brünn
Blick aus Richtung der „Roten Eingangshalle“ // Courtesy of CHYBIK + KRISTOF Architects and Urban Designers // Photo © alex shoots buildings

 

Ondřej Chybík: Letztendlich haben wir die Farbstreifen bei der Projektentwicklung nicht umgesetzt, dafür gibt es aber die neuen Navigationstafeln – sie erleichtern die Orientierung der Fahrgäste. Und zum Rot: Das ist die Farbe der Stadt Brünn. Sie findet sich sowohl auf dem historischen Wappen als auch auf dem heutigen Logo wieder. Diese Farbe bezieht sich auch auf die Farben der Ziegelsteine, die in den Fabrikarealen verwendet wurden, die sich historisch in dieser Gegend befanden. Einige von ihnen sind heute noch in der Nähe zu finden. Eine Anlehnung an den russischen Konstruktivismus war von uns nicht gewollt. Allerdings könnten die brutalistischen Merkmale des Bahnhofs zusammen mit der Kontrastfarbe Rot ein wenig an diese Ästhetik erinnern.

ÖÖ: Einige Worte noch zu Ihrer Gestaltung des Außenbereichs: Wie haben Sie den urbanen Raum der direkten Umgebung verändert? Sind Sie zufrieden mit dem momentanen Angebot an Plätzen und Grünflächen?

MK: Der Außenbereich des Busbahnhofs war nicht Teil dieses Projekts. Allerdings wird der Bereich vor der neuen Empfangshalle verändert. Die Stadtverwaltung hat versprochen, diese Vorzone anzupassen. Wir hoffen, dass wir uns an dieser Arbeit beteiligen können. Der Bereich vor dem Terminal soll offen, einladend und sauber sein. Die großzügigen Stufen, die zur Eingangshalle führen, sollten das Gras und die Pflanzen ergänzen, die an unsere „Oase“ im Warteraum anknüpfen. Der derzeitige Zustand der Außenanlagen ist jedoch leider sehr unerfreulich. Was die öffentlichen Räume und Grundstücke rund um das Terminal betrifft, so ist die gesamte Umgebung Teil der neuen Entwicklung des Viertels Brünn Süd, das einen neuen Bahnhof, Büros, Wohnungen und andere Mehrzweckfunktionen beinhaltet. Die Rekonstruktion des Busbahnhofs gilt dabei als einer der ersten Schritte bei der Sanierung dieses Gebiets.

Terminal Zvonařka in Brünn - Eingangshalle
„Rote Eingangshalle“ von innen: Warteraum als Oase // Courtesy of CHYBIK + KRISTOF Architects and Urban Designers // Photo © alex shoots buildings

 

ÖÖ: Zusammenfassend könnte man sagen: Zvonařka wird herausgeputzt und auf den Präsentierteller gestellt. Er erhält zusammen mit seiner verbesserten Funktionalität eine fast majestätische Ausstrahlung. Das Reizvolle ist: Dieses Majestätische basiert darauf, dass Sie hier ausgerechnet einen brutalistischen Stil verfeinert haben. Gleichzeitig könnte genau dieser Effekt irritieren und Kritik wecken: Wird hier der Brutalismus wieder salonfähig gemacht – oder wird er verfälscht?

OC: Die brutalistische Bausubstanz ist ja erhalten geblieben – die Stahlkonstruktion und die Betonmasse bestehen weiterhin. Diese Elemente wurden nur gereinigt und gestrichen. Was also die Art unserer Eingriffe in dieses Projekt betrifft, darf man nicht von Verfälschung sprechen. Das brutalistische Dach ist immer noch eine Originalkonstruktion; sein Design blieb unangetastet. Wir haben lediglich einige der zusätzlichen Bauten entfernt, die nicht Teil des ursprünglichen Terminaldesigns waren. Der bewahrende und transformierende Aspekt war für uns bei diesem Projekt entscheidend (und nicht nur hier). Wir ergänzten das Terminal zwar mit einer neuen Eingangshalle, aber wir haben auch die Essenz der brutalistischen Struktur geschützt.

ÖÖ: Wenn es ums Umgestalten geht, hatten Sie schon immer eine Schwäche dafür, Vorhandenes wiederzuentdecken: Zum Beispiel die Fassade Ihrer Stuhlfirma Gallery of Furniture. Die haben Sie mit den Produkten der gleichen Firma entwickelt – also mit den Stühlen selbst. Das war sensationell und clever. Bemerkenswert ist auch Ihre Neugestaltung der Mehrzweckarena Jihlava. Und diesmal kümmern Sie sich um einen heruntergekommenen Busbahnhof in der unansehnlichen Peripherie von Brünn. Die Presse ist voll von Schlagwörtern: Modernisierung, Revitalisierung, Regeneration, Auffrischung, Update, Version 2.0. Sie hingegen sprechen von Transformation. (Das unterscheidet sich scheinbar von den immer aktueller werdenden Rufen nach Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein usw.). Gibt es bei Chybik+Kristof eine „Philosophie der Transformation“?

OC: Definitiv ja, genau diese Idee der Transformation ist es, die unsere Studioarbeit beherrscht. Wir glauben, dass zeitgenössische Architektur das bestehende Stadtgefüge transformieren sollte; wir sollten nicht nur abreißen und bauen und erweitern. Es gibt viele Orte, die von ArchitektInnen und UrbanistInnen geheilt werden müssen. Und ich meine nicht nur in Brünn oder in der Tschechischen Republik, sondern in ganz Europa, in der ganzen Welt. Die Architekturgeneration von heute sollte in der Lage sein, solche schlecht funktionierenden Orte zu erkennen, zu „diagnostizieren“ und zu handeln.

MK: Wir sind der Meinung, ArchitektInnen sollten sich aktiv an der Initiierung solcher Projekte beteiligen – und wir bemühen uns, in diesem Sinne zu handeln. Eine Modernisierung oder Umgestaltung der bestehenden Strukturen ist nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch gesehen sinnvoller – obwohl es für ArchitektInnen und sogar für InvestorInnen sehr viel herausfordernder sein kann. Wir versuchen, Pionierarbeit für einen solchen Ansatz in der Architektur zu leisten und seine Resultate der Öffentlichkeit zu präsentieren.

ÖÖ: Man könnte sich vorstellen, dass Sie bei jedem Erneuerungsprojekt auch etwas mitnehmen für Ihre eigenen neuen Entwürfe. Was haben Sie bei diesem brutalistischen Objekt gelernt? Was hat Sie daran beeindruckt?

OC: Während der Vorarbeiten fanden wir heraus, dass sich der technische Zustand des Busbahnhofs auf einem guten Niveau befindet, trotz seines vernachlässigten Aussehens. Noch heute ist das Bauwerk ein großartiges Beispiel für die Qualitätsarbeit der ArchitektInnen und IngenieurInnen jener Zeit. Die Stahlstützen waren zwar durch Staub und Ruß verrostet, aber nur einige der Randteile der Konstruktion waren betroffen, und das auch nur an der Oberfläche. Unsere Untersuchung ergab, dass wir weder irgendwelche Stahlsäulen noch etwas am Dach ersetzen mussten.

MK: Wenn es um Brutalismus im Allgemeinen geht, als Inspiration: Ich denke, die Arbeit von James Stirling ist faszinierend, weil es sich nicht um gewöhnliche brutalistische Architektur handelt. Seine School of Engineering in Leicester ist erstaunlich. Ich denke also, dass die brutalistische Architektur beweist, dass es nicht immer notwendig ist, die Konstruktionen zu verstecken. Verkleidungen sind nicht immer zwingend notwendig. Dieser Stil zeigt die Möglichkeiten von Materialien und Konstruktionen in Rohform. Und dieses Phänomen ist in der zeitgenössischen Architektur und damit auch in der Architektur unseres Studios immer noch präsent.

ÖÖ: Für die Natur gibt es bekanntermaßen internationale Organisationen – wie WWF, Greenpeace usw. Und so ähnlich gibt es auch für die Kultur etwa den Denkmalschutz. Aber so wie in Flora und Fauna gibt es auch in der Architektur übergangene Stile oder einzelne Bauten, die der Erhaltung wert sind, ohne dass sie in strenge Schutz-Kategorien fallen. Das Hotel Praha z. B. wäre dann heute noch sozusagen am Leben. Mit Zvonařka machen Sie es vor: Eigeninitiative lohnt sich. Allerdings hängt daran viel Extra-Arbeit, wie etwa wegen der Finanzierung. (Drei Viertel der Kosten deckten Sie mit einem Zuschuss der Europäischen Union.) Es wäre spannend zu sehen, wie das Stadtbild aussähe, wenn solche „Rettungen“ ohne große Hürden möglich wären. Warum gibt es eine so große „Abrissfreude“? Und hätten Sie Ideen für Stiftungen oder Ähnliches, die solche proaktiven Bewegungen Ihres Stils auch für „Nicht-Denkmale“ fördern? Und: Haben Sie bereits neue Rettungspläne?

OC: In Tschechien gibt es mittlerweile Webplattformen, die sich der Architektur widmen, zum Beispiel das Brünner Architectural Manual, das ursprünglich die lokale Zwischenkriegsarchitektur kartografierte und sich allmählich auf andere Städte und darüber hinaus ausweitet. In Prag wurde Architektura 489 ins Leben gerufen. Sie ist eine Plattform, die die tschechoslowakische Architektur aus der Zeit zwischen 1948 und 1989 dokumentiert. Dank dieser Aktivitäten wächst in der tschechischen Öffentlichkeit langsam das Bewusstsein für den Brutalismus und seine Qualität. Was den Erhalt solcher Gebäude betrifft, hängt es von zwei Dingen ab – dem Budget und der Fähigkeit, sich mit aufgeklärten InvestorInnen und EigentümerInnen auszutauschen. Ohne sie kann die Erhaltung der Gebäude nicht erfolgreich sein, auch nicht mit einem ausreichenden Budget. Deshalb ist die Diskussion um brutalistische Denkmäler sinnvoll. Leider assoziiert die breite Öffentlichkeit diese Art von Architektur mit der kommunistischen Zeit, sodass die brutalistischen Bauwerke hier negativ besetzt sein könnten. Dabei haben die damaligen ArchitektInnen exzellente Arbeit geleistet; ihre Entwürfe waren von der Qualität her mit der Architektur in westlichen Ländern vergleichbar. Diese ArchitektInnen stützten sich auf einen starken Hintergrund der modernistischen Architektur und folgten den Trends. Viele von ihnen scheuten sich nicht einmal, sich dem Regime zu widersetzen. Wäre der Brutalismus erhalten geblieben, würde das heutige Stadtbild viel besser aussehen. An ihrer Stelle entsteht oft eine eher angepasste, mittelmäßige Architektur.

MK: Und unser nächster „Rettungsplan“ – der befasst sich nicht mit der brutalistischen Architektur, aber auch er steht im Zeichen der Transformation, also der Umgestaltung des öffentlichen Raums, der verfallen ist und nicht mehr funktioniert: Wir beteiligen uns am Projekt der Modernisierung des Mendelplatzes. Er liegt im Zentrum von Brünn und ist verbunden mit dem Wissenschaftler Johann Gregor Mendel, dem Begründer der Genetik. Der Platz ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, ähnlich wie bei Zvonařka.

ÖÖ: Der erfrischend freimütige Kollege Brandejský – den wir am Anfang unseres Interviews angehört hatten – soll die letzte Frage einläuten: Für ihn war dieser Ort spukhaft, ein einziger Albtraum für alle Reisenden. Er war ohne jegliche Straßenlösungen, ohne definierte Funktionen, ohne klare Freiräume und Landschaftsgestaltung, ohne beleuchtete Bahnsteige (wo man sich auch tagsüber beengt fühlte) und hatte nur einige Möchtegern-Check-in-Hallen. Sein Fazit: Brünn schämt sich, aber die Realität sieht wirklich so aus. Diese niederschmetternde Realität haben Sie in etwas Positives verwandelt. Können ArchitektInnen tatsächlich heilen  – sowohl wegen der psychologischen und sozialen Auswirkungen ihrer Werke auf die Menschen, als auch bezogen auf den Geist und die Ausstrahlung der Bauwerke selbst? Wie formulieren Sie Ihren Berufsethos und worin zeigt er sich konkret?

MK: ArchitektInnen können durchaus therapeutisch wirken – und das nicht nur manchmal. Vor nicht allzu langer Zeit hatte der Zvonařka-Busbahnhof einen schrecklichen Ruf. Wir sind froh, dass es uns gelungen ist, den Terminal umzuwandeln, und wir hoffen, dass dieses Projekt eine Inspiration für andere KollegInnen sein wird, sowohl in der Tschechischen Republik als auch im Ausland.

OC: Durch unsere Arbeit wollen wir integrative und vielseitige Räume schaffen. Wir sind an öffentlichen oder privaten Projekten interessiert, die die Kluft zwischen den Generationen in unserer Gesellschaft überbrücken. Die Geschichte des Ortes und die Besonderheiten der Umgebung stehen im Mittelpunkt unserer Entwürfe. Daher ist die Entwicklung unserer gebauten Umwelt für uns wie das Hinzufügen von Schichten zum Hier-und-Vorher. Unsere Projekte gehen wir mit viel Enthusiasmus und Optimismus an, weil wir glauben, dass Architektur ein Werkzeug ist, das, wenn es richtig eingesetzt wird, die Welt um uns herum verändern kann. Wir stoßen Projekte in unserer Gemeinde an, mit einem einzigen Ziel: sie zu verbessern. Deshalb kommen die Auftraggeber auf uns zu, genau wegen dieser Initiative. ♦

 

 

Aus dem Englischen von Özlem Özdemir

1.Teil des Interviews

 

¹ https://www.archspace.cz/zvonarka-rekonstrukce-chybik-kristof; letzter Zugriff 20.7.2021

 

Ondrej Chybik (l.) und Michal Kristof
Courtesy of CHYBIK + KRISTOF Architects and Urban Designers // Ondrej Chybik (l.) und Michal Kristof // Photo by KIVA