Supergelb Architekten liefern mit ihrer polymorphen Gebäudebrücke zwischen zwei Düsseldorfer Bürohäusern ein expressives Exempel für ihre Philosophie des Sowohl-als-auch
8. März 2022 | Özlem Özdemir
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rücken stellen reizvolle Orte dar, die eigentlich keine sind. Wenigstens sind sie keine Orte für einen längeren Halt oder gar zum Bleiben. Dennoch werden sie, wenn schön oder aufregend, gerne aufgesucht und bewundert (inklusive ihre Ausblicke). Selbst wenn man sie gar nicht überqueren müsste, will man es unbedingt tun. Touristen sind spezialisiert darin und sie lieben Brücken, ihre Geschichten und ihre Namen. Ein klassischer Fall ist Ponte dei Sospiri, die Seufzerbrücke in Venedig. Gedacht für Häftlinge, war sie sehr exklusiv. Ähnlich exklusiv ist das Werk von Supergelb Architekten, ehemals Gatermann+Schossig. Nutzbar ist ihre Capricornbrücke nur für die Angestellten der anliegenden Bürohäuser. (Jacques Tati hätte korrigiert: die Häftlinge der Moderne.) Hin und wieder entfliehen sie ihrem Arbeitstisch, um in die Büros auf der anderen Straßenseite zu gelangen. Die beidseitigen Vistas in die schnurgeraden Straßenfluchten von Düsseldorf ersetzen zwar keine italienische Lagune, der Übergang bietet aber doch Raum zur Abwechslung und führt vielleicht auch zu dem ein oder anderen heimlichen Seufzer.
Seit 2020 verbindet die Capricornbrücke zwei Bauwerke der Firmenzentrale Uniper im Düsseldorfer Medienhafen: das Capricornhaus (2020) von Gatermann+Schossig und das Float (2019) von Renzo Piano Architekten. Der Brückenkörper hat eine tunnelartige Schale aus Stahl und Glas und misst 35 m. Etwa 60 trapezförmige und dreieckige Einheiten aus Isolierglas verleihen der Brücke ihre charakteristische Gestalt, die wie gefaltet und deformiert wirkt.
Start gen Himmel, so lautet ein Artikel von Alice Schwarzer. Sie spielt damit an auf das Hochhaus Kölntriangle, und die Tatsache, dass es das erste ist, welches in Deutschland von einer Frau stammt. Gemeint ist Dörte Gatermann, die ihren Entwurf 2006 realisierte. Ähnlich und doch ganz anders geartet ist die Capricornbrücke. Wieder ist der Himmel wichtig. Diesmal jedoch wird er nicht durch eine aufwärts strebende Konstruktion erlebt, sondern durch eine horizontale, die allerdings rundherum offen ist. Was man beim Begehen der Brücke erlebt, ist eine lichte Atmosphäre und Leichtigkeit: ein Gefühl, das merkwürdigerweise erst mit der umschließenden, wenn auch transparenten, Hülle aus einem stählernen Gitterwerk funktioniert.


Ein typischer Skywalk ist die Brücke dennoch nicht. Das zeigt ihre Konstruktion. Sie stützt sich auf einen Pylon auf dem Mittelstreifen einer vierspurigen Straße. Dieser massive Körper ist angeschrägt und harmoniert mit der Formensprache des Entwurfs. Gleich einem Stamm entwickelt sich von ihm aus ein räumliches Stabwerk aus Stahl-Hohlprofilen, die in beide Richtungen zu den Gebäuden gehen, bis sie an die vorgesehenen Stellen andocken. (Beide frei auskragenden Brückenarme haben unterschiedliche Längen und Winkel; das machte die Tragwerksplanung komplex. Die Konstruktion ist am mittleren Auflager eingespannt und hat eine beidseitige Spannweite von 18 m. Beim Kontakt mit den Gebäuden entstehen keine Vertikallasten. Der Pylon übernimmt die entstehenden Kräfte und Einspannmomente und leitet sie am Fuß über drei Bohrpfähle in den Untergrund ab. Auch Schwingungsverhalten und Erdbebenbedingungen wurden getestet und flossen in den Entwurf ein.)


Dörte Gatermann hat bei Gottfried Böhm an der RWTH Aachen studiert. (Er vertraute seiner Diplomandin noch vor dem Examen die Projektleitung für einen 50-Millionen-Bau an.) Besonders bekannt war er für seine Sakralbauten, darunter die hervorstechende Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens in Neviges (1963–1968). Der Dom zeichnet sich aus durch Beton und seine skulpturale und expressive Verarbeitung. Die Capricornbrücke lässt diesen organischen Zug des Pritzker-Preisträgers aufklingen. Mit einem Unterschied: Hier ergibt sich das Abschrägen und Abgewinkeln, die dynamisch wirkende Geometrie wie aus einer Zwangslage heraus. Denn: Gegeben ist ein fixer Austrittspunkt aus einem Gebäude und ein genauso fixer Eintrittspunkt in ein anderes Gebäude hinein. Und diese Punkte liegen sich nicht direkt, sondern schräg gegenüber. Die Biegung und Faltung des Weges sowie seine Umhüllung resultieren also aus diesem „Schräggegenüber“ und verleihen ihm gleichzeitig Ausdruck und Betonung. (Außerdem zeigt auch die Organisation der Gebäude dieses diagonale Motiv: Die inneren Raumabschnitte des roten Capricornhauses folgen dem Prinzip eines Leporellos und die von Renzo Pianos Float gleichen Trapezen.)

Der Entwurf der Capricornbrücke stammt nicht von Böhms Schülerin Dörte Gatermann selbst, sondern von ihrem Büropartner Jan Rübenstrunk. Dennoch, sei es auch unbewusst oder ungewollt, Rübenstrunk erweitert mit seiner Handschrift nicht nur das Stil-Repertoire von Supergelb Architekten, sondern kreiert ein Update der typisch Böhmschen Gestaltungsart, eine freie Interpretation seiner freien Formen. Das Massive der Kirche in Neviges wird in Düsseldorf durchsichtig (Glas) und das Konstruktive lesbar (Stahl) und das Dunkle wird hell (Leuchtkörper). Und die Assoziationen, die bei der Kirche auftauchen, wie Kanten und Schrägen von Felsen, Gebirgen und Gestein, verwandelt sich bei der Capricornbrücke in die Facetten, die wir von geschliffenen Diamanten kennen.
Der Akzent liegt bei Supergelb Architekten nicht allein auf der polymorphen Skulptur, dem „vielseitigen“ Körper. Vielmehr dient diese Form einer Geste, und zwar die der Ausstreckung und Überwindung. Das erlaubt, erfordert fast ein dynamisches Vokabular. Die Capricornbrücke, ihre Konstruktion aus Stahl und Glas, liest sich wie ein gebeugter Schenkel oder Arm, ein Strang aus Sehnen, ein Bündel aus Fasern, ein transparentes Muskelsystem. Der Eindruck des Zerrens und Ziehens entsteht, wenn man die Brücke aus bestimmten Blickwinkeln von der Straße aus betrachtet, aber auch aus der Vogelperspektive.



Schaut man aus den obersten Stockwerken der Gebäude herunter auf die Capricornbrücke sollte man ein Detail nicht übersehen: Ihre Glashülle ist (konstruktiv bedingt) in fünf Abschnitte unterteilt. Diese Nahtstellen, worin die Glassegmente aufeinanderstoßen, sind keineswegs beliebig oder asymmetrisch angeordnet. Der Anblick von oben zeigt: Ausgehend von den Austrittspunkten erfolgen diese Zäsuren genau parallel zu den untereinander ebenso parallelen Gebäuden. Und diese Parallelität, die nicht sofort ins Auge fällt, betont zwei Dinge, die sich auszuschließen scheinen: einmal wie der Brückenentwurf sich geometrisch an den geraden Baukörpern orientiert und zugleich, wie sehr die Brücke von dieser äußeren Starrheit abweicht, wie von einer unsichtbaren Kraft verzogen und geknickt.
Das natürliche und elegante Resultat dieser Dynamik sind windschnittige Flächen. Sie ergeben einen spannenden Transfer-Raum, in dem man beim Hindurchgehen das Stretching quasi miterlebt. Die direkte Verbindung wäre nicht nur nichtssagend und langweilig gewesen: Ein gerader Verlauf hätte die Brücke wie ein fremdes Anhängsel wirken lassen, das sich weder auf das Gebäudepaar einlässt, noch daraus hervorgeht.

Die Capricornbrücke macht die Gatermann-Devise manifest: nicht Entweder-oder, sondern Sowohl-als-auch! Sie und ihr Team, das sich nach 35 Jahren Supergelb Architekten nennt, entwirft gerne kubenhaft und rasterförmig. Dennoch schlummerte in ihnen vielleicht schon seit Langem die Bereitschaft, andere Seiten zu zeigen, mit mehr Formenvielfalt zu experimentieren. Auch wenn sie auf ihrer Website verkünden „Supergelb sind wir schon immer“ – in der Capricornbrücke steckt mehr Helligkeit, mehr Strahlkraft und nicht zuletzt mehr Expressivität als je zuvor. Fest steht: Mit diesem Projekt beweist das Büro überzeugend, dass wenn Funktionalität und Lage mitspielt, der Übergang von Technik zur Virtuosität glückt. Und für einen solchen fließenden Übergang ist diese Brücke mehr als prädestiniert. ♦



