Sara Kulturhus von White Arkitekter
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SARA KULTURHUS VON WHITE ARKITEKTER: MIT GEWICHT UND LEICHTIGKEIT

Das neue Kulturzentrum im schwedischen Skellefteå vereint Touristen und Einheimische unter einem Dach. Von Hotelturm über Culture Staircase und Bühnen bis Bücherei setzt Sara Kulturhus mit Holz und Glas ein Zeichen für Klimabewusstsein und Offenheit für alle Menschen – ganz im Sinne von Sara Lidman.

8. Dezember 2021 | Özlem Özdemir

 

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ara Kulturhus ist – samt Kunstgalerie, Museum, Regionaltheater, Restaurant, Stadtbibliothek, Hotel und Konferenzzentrum – erst seit einigen Monaten im schwedischen Skellefteå eröffnet und schon könnte man ganze Bücher füllen mit den Publikationen, die mit diesem gebauten Plädoyer für moderne Holzarchitektur einhergehen. Beginnen wir mit den Ambitionen und Visionen, denn: Sara will viel.

Hinter Sara steckt Sara Lidman, eine schwedische Schriftstellerin, geboren in einem kleinen Dorf der Region Skellefteå. Ihre einfache Herkunft hat ihr Werk geprägt. Eine zentrale Rolle spielt darin der Überlebenskampf der Unterklassen. Zur Sozialkritik der Namensgeberin passt es, dass bei Sara Kulturhus regionale und globale Einflüsse zusammenkommen. Gebaut von lokalen Arbeitskräften mit lokalen Bautechniken und lokalen Materialien, ist das Ergebnis ein Kulturtreffpunkt, deren Nutzer und Besucher sich nicht beschränken aufs Lokale; neben Anwohnern und Touristen sind auch Flüchtlinge willkommen. Sara Kulturhus soll ein Reisezentrum für die Seele und ein Ort der Demokratie sein.

Die holistischen Ansprüche sind bemerkenswert und fast zu großartig für einen Ort, der als Kleinstadt durchgehen könnte: Skellefteå gilt als der südliche Zugang zu Schwedisch Lappland. Gegründet 1845 (man sagt von einem Vikar namens Nils Nordlander), ist sie eine der jüngsten Städte an der Küste Nordschwedens. Herausragende Merkmale sind – eklektisch zusammengefasst: das Skellefteå Museum, Bonnstan (ein Freilichtmuseum mit alten Holzhäusern), die Brücke Lejonströmsbron von 1737 (lange Zeit die längste Holzbrücke des Landes), eine große Bergbau- und Holzindustrie, eine Batteriewirtschaft (aktuell entsteht hier die größte Batteriefabrik Europas) und natürlich der Wald.

Über all diesen Vorzügen und Ressourcen schwebt jedoch eine Gefahr: Skellefteå hat viel Abwanderung zu beklagen. Bis zum Jahr 2030 will man für die Region eine Einwohnerzahl von 80 000 erreichen. Die Idee eines Kulturzentrums war nur ein weiterer Schachzug im Spiel der Attraktionen. Ende 2015 schrieb man dafür einen öffentlichen Architekturwettbewerb aus und erhielt 55 Beiträge aus 11 Ländern. White Arkitekter gewann mit dem Entwurf Side by Side. Der griffige Titel ist ein schlichter Ausdruck von dem, was die Bauvolumen tun: Sie stehen – in verschiedenen Höhen und Vor- oder Rücksprüngen zu den Straßen – dicht beieinander. Zugleich formuliert der Titel, was im Innern passiert, wie die Raumfunktionen miteinander vereinbar werden und Personengruppen sich vermengen – Touristen, Theaterfans, Gourmets und Bücherwürmer aus nah und fern. All das steht für das Zusammenführen von diversen Gesellschaftsschichten, ganz im Geiste Sara Lidmans.

Das neue Zentrum für Kultur und Veranstaltungen umfasst vier bestehende Kulturprogramme: das Regionaltheater Västerbotten, die Stadtbibliothek Skellefteå, das Museum Anna Nordlander und die Kunstgalerie Skellefteå, Theaterbühnen für insgesamt 1200 Personen und ein Hotel mit 150 Zimmern und einem Konferenzzentrum. Funktionen dieser Art sind ohne Zweifel auch ökonomisch effektiv; sie sorgen für steigende Einnahmen, ein weiteres zu erbringendes Soll. Warum die Stadt das Gebäude an eine Immobiliengesellschaft (SBB) verkauft hat, wäre ein anderes Thema. Fest steht: Der Volkswagen-Partner Northvolt hat nach diesem Verkauf seine Batteriefabrik in Skellefteå errichtet. Der Bürgermeister erklärt hierzu: „Wir hätten Northvolt, mit ihrem Anspruch Europas, größte Gigafabrik zu bauen, niemals gekriegt, wenn wir bei einem ersten Meeting 2017 mit den Investoren nicht direkt ein Bild von White Arkitekters Holzturm gezeigt hätten.“1

Der Holzturm, das ist das 20-stöckige Hotel mit dem kilometerlangen Ausblick über die Stadt. Er reckt empor aus dem Kuben-Ensemble des Kulturzentrums und aus der Umgebung. Die Idee an sich ist jedoch weniger herausragend. Denn bezogen auf die Holzindustrie und die Tatsache, dass die Holzbauten von Skellefteå den zunehmenden Modernisierungen weichen mussten, haben viele andere Wettbewerbsteilnehmer auf Holz und Türme gesetzt. Es war naheliegend: das Kulturzentrum als Zeichen für die Wiederbelebung einer Bautradition. Warum entschied man sich also für dieses Büro? Abgesehen von der Überzeugungskraft des Entwurfs könnte der wichtigste Grund sein: Mit seinen mehr als 700 Mitarbeitern gehört White Arkitekter zu den alteingesessensten Firmen des Landes (Sidney White und P. A. Ekholm gründeten es 1951). Sie hat neben den zehn Büros in Schweden auch im Ausland einige Niederlassungen und konzentriert sich vermehrt auf den nachwachsenden Rohstoff Holz. Neben der praktischen Expertise glänzt das Büro auch ideell. Democratising Architecture lautet die Überschrift, mit der man sich auf der Homepage2 vorstellt und damit auch bei sich selbst anfängt: 600 der Mitarbeiter sind Firmenteilhaber. Ihre Bauten sind praktizierte Nachhaltigkeit und sie stützen sich dabei sogar auf eine eigene Forschungsabteilung.

Was gab aber den Ausschlag für den Entwurf Side by Side? Bei aller technischen Versiertheit und allem Versprechen, ein nachhaltiges Bauwerk zu liefern (worauf noch eingegangen wird), versuchte White Arkitekter, ihrem Kulturhaus vor allem eines zu verleihen: Atmosphäre. Als der Bürgermeister dem Investor Northvolt ein Bild des Holzturms zeigte, tat er das nicht allein, um mit einem 20-stöckigen Hotel von 75 Metern Höhe zu beeindrucken, sondern auch, um diesen schwedischen Hersteller von Lithium-Ionen-Batterien mit einem verzaubernden, warmen Ambiente zu verführen. (Wärme ist den Schweden wichtig; berühmt ist ihr Gespür für Licht und ihre Vorliebe für Lampen, die sie in ihre Fenster stellen.) Und besagtes Ambiente zeigt sich besonders eindrücklich an einer Visualisierung, in der der Turm förmlich erstrahlt: Sein Hauptmaterial Holz verbleibt trotz seiner tragenden Rolle verblüffend unaufdringlich bis unerkennbar.

Die Rede ist von einem fotorealistischen Rendering, dass die Architekten für den Wettbewerb einreichten. Skellefteå ist geprägt von fast durchgehend dunklen Wintertagen, und in diesem Bild umschmeicheln diese halbdunklen Lichtverhältnisse das Projekt: eine geschickte Rechtfertigung, um die mehr oder weniger aufragenden Kuben zum Leuchten zu bringen (gleich einer Riesenlampe in der Landschaft von Stadt und Wald). Die Komposition erinnert an scharfgeschnittene Eiswürfel oder an ein Modell aus Acryl mit milchig schimmernden Oberflächen. Die Präsentation lässt den Verdacht aufkommen: Man wollte auf keinen Fall den Eindruck von Bauklötzen erwecken. Der Zaubertrick lautet: Glas!

Visualisierung Sara Kulturhus
Courtesy of White Arkitekter // Image: White Arkitekter

 

Glace – das bedeutet im Französischen (unter anderem) Eis, Glasur und natürlich auch Glas. Diese Bedeutungen kann man (unter bestimmten Lichtbedingungen) am Hotelturm ablesen: ein Holzklotz, „glasiert“ von einer gläsernen Hülle. Das Rohe wird abgemildert durch etwas Fragiles davor (gleich einem Echo von Gropius‘ Curtain Wall). Dafür, dass das Material Holz im Mittelpunkt stehen soll, ist der Einsatz von Glas bei Sara Kulturhus frappant. Die Visualisierung streicht diese ausgeklügelte Ästhetik des Projekts hervor. Inmitten einer dämmerigen, schneebedeckten Stadtlandschaft posiert der Gebäudekomplex wie eine moderne Eis-Skulptur, die von innen sanft erstrahlt. Wie hinter einer riesigen vereisten Fensterscheibe lässt sich der hölzerne Kern fast nur erahnen. (Dass es an vielen Stellen der Fassade mehr Holz als Glas gibt, geht in der bewussten Unschärfe der Darstellung unter.) Es ist als wollten die Architekten nicht überall „dick auftragen“ mit dem Thema Holz, zumindest nicht von außen. Stattdessen legen Sie eine feine gläserne Schicht auf, gleich einer Lasur, was (um den etymologischen Bogen zu schließen) im Englischen mit ‚glaze‘ übersetzt werden kann.

Holz ist „cool“ oder hat das Potenzial dazu. Ein solches fast widersprüchliches Credo strahlt das Projekt von White Arkitekter per Visualisierung aus. Aber in Realität – und insbesondere drinnen – wird das Holz, mit all seiner Haptik und Behaglichkeit, allgegenwärtig bis ins Detail. Von Tragkonstruktion bis Treppe durchzieht es den gesamten Organismus. Selbst die Garderobenhaken der Hotelzimmer sind nicht aus ordinärem Holz, sondern gleichen in ihrer Form kleinen Ästen. Ohne Zweifel: Im Innern lässt sich die Wärme des Materials nicht mehr hinter einem Schleier von Glas verhüllen. Hier werden die Sinne überwältigt. Sogar der Duft kommt hinzu, ein Faktor, den die Moderne oftmals wegabstrahiert.

Wie erleben die Besucher aber das Gebäude, noch bevor sie in den Genuss seines Innenlebens kommen? Sara Kulturhus ist zuallererst geprägt von Zugänglichkeit. Das ist bei einem Komplex von zehn Baukörpern nicht selbstverständlich. Um das menschliche Maß zu achten, versuchten die Architekten die niedrigeren Bauvolumen zu den Straßen hin anzuordnen, womit sie die anderen in ihrer Höhe abpuffern. Die Architekten achteten außerdem auf Barrierefreiheit und darauf, dass es Eingänge an allen Seiten gibt. Das Signal lautet: Hier sind alle willkommen. Die Organisation der Räume unterstreichen das: Die großen Bühnen, die völlige Dunkelheit erfordern, liegen in der Mitte des Geländes, wobei die restlichen Räume des Theaterbetriebs sie umlagern. Diese Nebenräume sind, sofern auf Straßenebene, für Passanten einsehbar. (Hier kommt auch die praktische Bedeutung von Glas ins Spiel: Es signalisiert Transparenz und Offenheit.) Im Effekt kommt das Gebäude wie eine lebendige Kulturwerkstatt daher, die aus sich kein Geheimnis macht.

Volumendiagram von Sara Kulturhus
Volumendiagram // Courtesy of White Arkitekter // Image: White Arkitekter
Geschossplan des Schwedischen Kulturzentrums von White Arkitekter
Sara Kulturhus / Ebene 1 // Courtesy of White Arkitekter // Image: White Arkitekter

 

Das Einladende setzt sich beim Betreten fort. Kommt man aus Richtung Hauptplatz, erwartet die Besucherschaft eine einfache Wegführung. Die Zentrale ist eine Art öffentliches Wohnzimmer. Dieser flexible Bereich lockt durch eine breite Treppenanlage, genannt Culture Staircase. Neben seiner Aufforderung zum Platznehmen, Verschnaufen und Überblickgewinnen dient sie als Kontakt- und Grenzposten zwischen Hotel-Lobby und Bücherei. Hinter ihr gibt es insgesamt fünf Bühnen. Zu ihren Foyers gelangt man erst in der zweiten Ebene, auf die man von der Straße am Nordende des Gebäudes gelangen kann. Aufführungsräume bilden einen wichtigen Schwerpunkt des Raumprogramms. Klar zugewiesene Ausstellungsflächen jedoch zeigen die Pläne (abgesehen von der zweiten Ebene) kaum. Konferenzräume, Büros und Restaurants konzentrieren sich im vierten Stock.

Einen besonderen Auftritt gewähren die Architekten aber vor allem der Konstruktion von Sara Kulturhus. Beispielhaft erwähnt seien nur einige Punkte. Die Hotelzimmer, die sich über der Zone mit dem Culture Staircase auftürmen, bestehen aus vorgefertigten 3D-Modulen in Brettsperrholz (BSP). Eine weitere Spezialität von Sara Kulturhus: Die stabilisierenden Schächte bestehen ausschließlich aus Holz, genauer gesagt aus BSP und Brettschichtholz, und sind durch Stahlstangen mit dem Fundament verbunden. Markantes Kennzeichen des Innenraums sind die Holz-Stahl-Hybridbinder mit naturfarbenem Holz für Druckteile und schwarz gefärbtem Stahl für Zugteile. Sie überbrücken große Spannweiten und machen damit die freien Räume z. B. für Kunstausstellungen flexibel nutzbar. Teil der Statik ist auch die Glasfassade. Das Gebäude beinhaltet insgesamt 800 m2 Glasscheiben, darunter eine Dreifachverglasung aus Sonnenschutzglas und – auf der Innenseite – Verbundsicherheitsglas mit einer emissionsarmen Beschichtung.

Sara-Kulturhus von außen mit Ausschnitt des Hotelturms
Courtesy of White Arkitekter // Photo: Jonas Westling
Culture Stairecase in Holz von White Arkitekter
Courtesy of White Arkitekter // Photo: Jonas Westling
Holztreppe eines Kulturzentrums in Schweden von White Arkitekter
Courtesy of White Arkitekter // Photo: Åke Eson Lindman
Foyer eines schwedischen Kulturzentrums mit Traegern aus Holz und Stahl
Courtesy of White Arkitekter // Photo: Åke Eson Lindman

 

Sara Kulturhus stellt – mit all ihren komplexen Ansprüchen – auch für die Arbeit von White Arkitekter einen wichtigen Meilenstein dar. Ihr Ziel ist es, ihre gesamte Architektur kohlenstoffneutral zu gestalten, und zwar bis zum Jahr 2030. Das ist auch die magische Zahl des Pariser Klimaabkommens, wonach bis dahin die Emissionen zeitnah auf Netto-Null (engl. = Net Zero) gesenkt werden müssen. Das Bauen mit Holz ist – wegen seiner Eigenschaft, Kohlenstoff zu speichern – für den Übergang zu Net Zero ein idealer Beitrag. Zudem stammt das nachwachsende Baumaterial von Sara Kulturhus aus den Wäldern rund um Skellefteå (im Umkreis von 60 km) und für jeden gefällten Baum wurde mindestens ein neuer nachgepflanzt. Andere Stichpunkte zur Nachhaltigkeit sind: Die Architekten bevorzugten die Zusammenarbeit mit lokalen Zulieferern und Subunternehmern. Die Zahl der für den Transport benötigten Lastwagen konnte um rund 90 Prozent reduziert werden. Dank Fertigbauteilen konnte man alle zwei Tage eine Hotel-Etage fertigstellen. Last but not least: Die Verwendung von Holz anstelle von Stahl und Beton sparte ein ganzes Jahr Arbeit.

Die leitenden Architekten Robert Schmitz und Oskar Norelius wissen aus Erfahrung, nachhaltiges Bauen braucht Willen und Ehrgeiz; sie betonen, dass die größte Herausforderung dieses Projekts darin lag, die Menschen davon zu überzeugen, etwas zu bauen, was noch nie zuvor gebaut wurde. Ihr Erfolg mit Sara Kulturhus macht daher Mut. Jedoch nicht alle Orte sind umringt von nachwachsenden Wäldern, nicht alle Gemeinden haben das nötige Geld. Andere Probleme kommen dazu. So gilt in vielen Ländern der Holzbau weiterhin als Exot in der Stadtlandschaft.

Beispiel Deutschland: Hier soll das höchste deutsche Holzhaus vorerst in der Hafencity von Hamburg stehen. (Seine Grundsteinlegung war im September.) Das Wohn- und Bürogebäude Roots ist aber kein reiner Holzbau (sein zentrales Treppenhaus ist aus Beton), sein Holz stammt aus Österreich und die kritischen deutschen Medien zögern nicht hervorzuheben, Bauen mit Holz ist teurer als mit Beton3. Die Ernüchterung mag Enthusiasten verärgern. Fest steht: Solange Holzbau sich auf Elite-Projekte beschränkt (der Preis für eine Zwei-Zimmer-Eigentumswohnung von Roots beträgt 530.000 €4), solange wird er in der breiten Gesellschaft und somit beim Klima kaum Einfluss zeigen.

Ist die Holzarchitektur schon für wohlhabende Industrienationen mit hohen Investitionen verbunden, wie sollen erst andere, nicht so wirtschaftsstarke Länder in den Modus des nachhaltigen Bauens gelangen? Nachhaltigkeit, CO2-negative oder CO2-neutrale  Bauweisen, wie der Holzmassivbau von Sara Kulturhus, haben erst dann einen Effekt auf das Klima, wenn es nicht bei spannenden, aufsehenerregenden Pin-ups der Architekturpublikationen, Pilgerstätten für Fortschrittsanbeter oder reizende Namen wie HoHo in Wien oder WoHo in Berlin bleibt: So hervorragend Projekte wie Sara Kulturhus auch sind (und das im wahrsten Sinne des Wortes). Sara Kulturhus & Co sind meist – bei allem gesellschaftlichen Nutzen – gebaute Missionen, touristische Attraktionen, vorbildhafte Studienobjekte für Fachleute. Aber die Idee der Nachhaltigkeit lebt nicht nur von Qualität, sondern auch von Quantität, von mehr Anwendung in der Welt und im Alltag. Nicht die Verzauberung von Spezialisten, sondern das Ankommen in breiten Bevölkerungsschichten ist gefragt und auch hier nicht in Form von vielen luxuriösen Residenzen und vereinzelten Bauten der Öffentlichkeit für Arbeit, Konsum und Kultur, sondern durch erschwingliche Mietwohnungen für alle.

Doch nicht nur für die durchschnittliche Bevölkerung erweist sich Holzarchitektur als fast unerreichbar. Selbst unter den Profis im Lauf der Architekturgeschichte konnten nur Wenige das Holz in ihrem Werk etablieren. Das warme Material ging in der Moderne fast unter. Zu allmächtig waren Namen wie Le Corbusier oder Walter Gropius, die für International Style und Bauhaus stehen.

Die Giganten der modernen Architektur hatten durchaus Berührungspunkte mit Holz, wurden aber kaum gefeiert dafür. Die Epoche erforderte Errungenschaften mit Baumaterial, das für Fortschritt stand, wie Stahlbeton, Stahl und Glas. Le Cabanon von Le Corbusier, eine vorgefertigte kleine Holzhütte als sein privates Feriendomizil, ist ein rührender Einzelfall im Werk einer Jahrhundertfigur, dem Meister des Beton Brut. Und auch Gropius ist nicht bekannt für Holzarchitektur, trotz Haus Sommerfeld, dem ersten Gemeinschaftsprojekt der Bauhaus-Schule mit bemerkenswert nachhaltigen Zügen – genutzt wurde Holz von einem abgewrackten Kriegsschiff. Bekannt für sein Salk Institute for Biological Studies, mit seiner klassisch-edlen Kombination von Beton und Holz, war der ansonsten sehr monumental entwerfende Louis Kahn ursprünglich aktiv im öffentlichen Wohnungsbau: In den 40-iger Jahren baute er in einem Waldgebiet ein gewerkschaftliches Projekt für afroamerikanische Stahlarbeiter. Kahns Carver Court in Coatesville hat viel Holzanteil und gehört zu den vergessenen Werken eines Architekten, dem soziales Verantwortungsgefühl nicht fremd war. Eine intensive Auseinandersetzung mit Holz hatte vor allem Konrad Wachsmann, der spätere Pionier des Modulbaus und industriellen Bauens. Er war 1926 Angestellter bei einer großen Holzbau- und Maschinenfabrik und veröffentlichte 1930 sein Buch Holzhausbau. Technik und Gestaltung. Schon damals gab es Holzbauten, die komplett maschinell vorfabriziert wurden und Wachsmann beschäftigte sich schon früh mit modulartigen Konzepten. Er hatte die Vision, die Holzbauweise bis zur industriellen Serienproduktion weiter zu entwickeln. Jedoch: Der Erbauer des hölzernen Einsteinhauses in Caputh wurde später insbesondere berühmt für seine mächtigen Raumfachwerke aus Stahl. Weitere weltbekannte Namen sind Alvar Aalto und Frank Lloyd Wright. Beide waren naturbezogen und zeigten, wie förderlich Holz für das wohnliche Befinden ist. Doch ihre Holzarchitektur, die relativ viel Platz einnahm in ihrer Arbeit, entwickelte sich in einer Zeit, als das Klimaproblem noch nicht akut war. (Eines von Wrights Werken ist aber mittlerweile zum gebauten Klima-Aktivisten aufgestiegen: Der Stadtflüchter und Schriftsteller T. C. Boyle – bekannt u. a. für seine Öko-Romane Ein Freund der Erde und Die Terranauten – lebt seit den 90-iger Jahren in einem aus Rotholz bestehenden Prärie-Haus, das der amerikanische Architekt 1909 gebaut hatte.)

Aktuell führt Holzarchitektur aber nicht mehr ein ästhetisches Randdasein. Anbieter von Holzmaterial proklamieren ihren Vormarsch in der Bauwelt. Der Fokus ist da: In der heutigen Zeit verschärft sich der Blick auf biologische Baustoffe notgedrungen. Durchsetzungskraft und Förderung ist aber immer noch gefragt. Gleichzeitig will jeder beim Trend ganz vorne sein, was sogar per Vorankündigung praktiziert wird: So möchte der japanische Holzverarbeitungskonzern Sumitomo Forestry mit dem Projekt W350 einen 350 m hohen Turm mit 70 Stockwerken errichten, um sein 350-jähriges Jubiläum im Jahr 2041 zu feiern. Der große Wolkenkratzer-Wettstreit des Beton-Stahl-Glas-Sektors hat mit Holztürmen eine kleine Schwester erhalten, die da (metaphorisch) jubelt: Auch ich kann hoch hinaus! Woodscraper kommen in Mode und das sinnliche Holz droht zur bloßen Sensation zu verkümmern.

Sara Kulturhus und Mitstreiter lassen fragen „Quo Vadis Holzbau?“ Was White Arkitekter betrifft: Sie gehen ihren Weg immer weiter – nach London und Oslo folgt nun Stuttgart, wo es seit diesem Jahr eine Dependance gibt. Viel herumgekommen war auch Sara Lidman, denn Sara wollte viel.

Die 2004 verstorbene Schriftstellerin hatte in den 1960er Jahren in Südafrika, Tansania und Kenia gelebt. Mitten im Krieg reiste sie sogar nach Nordvietnam. Die Erfahrungen flossen in ihre Afrika-und Vietnam-Romane ein. Die weltweit ausbeuterischen, korrumpierenden Kräfte des Kapitalismus beschäftigte sie zeitlebens. Sie schrieb aber auch kritische Heimatromane über Waldarbeiter und Kleinbauern. Schon seit ihrem Debüt Tjärdalen (Das Teertal) kreist ihr Werk um die harten Daseinsbedingungen und um die Verantwortung für die Mitmenschen. Und dazu gehört auch die Fürsorge um die Natur. Die Schweden haben eine sehr körperliche Beziehung zu ihren Bäumen, den viele offen ausleben (man denke nur an Lidmans Kollegin und Landsfrau Astrid Lingren und ihren Ausspruch: Es steht ja wohl nicht in den zehn Geboten, dass alte Weiber nicht in Bäume klettern dürfen?) Sara Lidman war in ihrer typisch schwedischen Naturverbundenheit keine Ausnahme. Sie war sich dessen bewusst, wie abhängig wir sind von einer empfindlichen und von einer zunehmend bedrohten Umwelt.

Sara-Kulturhus_Ausschnitt_Nacht
Courtesy of White Arkitekter // Photo: Sven Burman
Kulturzentrum_White-Arkitekter_Aussenaufnahme
Courtesy of White Arkitekter // Photo: Åke Eson Lindman

 

Verteidigung von Menschen und Wäldern – davon war Sara Lidmans Schreiben geprägt5. Sie hätte sich über die hehren Absichten der Architekten, über all die umgesetzten Ideen rund um offene Gesellschaft und geschonte Natur, gefreut. Was hätte sie jedoch dazu gesagt, dass die Gemeinde Skellefteå Sara für eine Milliarde Schwedische Kronen an eine private Immobiliengesellschaft verkaufte und dazu, dass der Inhaber dieser Gesellschaft verhaftet wurde, weil er gegen das Marktmissbrauchsgesetz verstieß?6 Solche Fragen lässt man gerne im Dunkeln. Es bleibt der strahlende Lichtblick Sara Kulturhus.

White Arkitekter versteht es, ihr Gebäude zum würdigen Ausdruck der Namensgeberin zu machen und gleichzeitig das Image der Holzarchitektur – nicht zuletzt per Glas – zu polieren und zu verfeinern. Sara Kulturhus verteidigt nicht nur Menschen und Wälder. Es erweitert den Begriff der Moderne. Es ist ein zeitgemäßes Statement für öffentliche Großprojekte, die das Material Holz mit den herkömmlich-fortschrittlichen verbinden. Sara Kulturhus hat Bedeutung und Gewicht und sie tut das mit einem Schuss von Leichtigkeit. ♦

 

 

 

¹ https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Gespraech_mit_Buergermeister_Lorents_Burman_zur_Ausstellung_in_Berlin_7726100.html; letzter Zugriff 8.12.2021

² http://whitearkitekter.com/white2016/about/; letzter Zugriff 8.12.2021

³ https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Hamburger-Hafencity-Grundsteinlegung-fuer-hoechstes-Holzhaus-Deutschlands,roots114.html; letzter Zugriff 8.12.2021

https://www.neubaukompass.de/neubau/roots-hamburg/?gclid=Cj0KCQiA-qGNBhD3ARIsAO_o7ym0hd6Ntkf_pt9HSc0Yw9hq-XRc775bbGfWWktxRwHZaYYjF9UYjREaAvhWEALw_wcB; letzter Zugriff 8.12.2021

Forsås-Scott, H. (1984). In Defense of People and Forests: Sara Lidman’s Recent Novels. World Literature Today, 58(1), 5–9. https://doi.org/10.2307/40139633; letzter Zugriff 8. 12. 2021

https://www.svt.se/nyheter/lokalt/vasterbotten/vd-n-for-fastighetsbolaget-som-koper-kulturhuset-sara-anhallen; letzter Zugriff 8.12.2021