Aedes zeigt neun Shanghaier Bauten von Scenic Architecture Office, gegründet von Zhu Xiaofeng – einem Dolmetscher, der Traditionen, Natur und Gesellschaft Chinas in eine eigenständige Moderne übersetzt.
10. Dezember 2022 | Özlem Özdemir
U
m die Jahrtausendwende begann sich etwas in der Architekturgeschichte zu wiederholen: China wurde für die Bauschaffenden aus dem Westen zu einem Land der märchenhaft-lukrativen Möglichkeiten. Aedes, gegründet 1980, hatte sich damals bereits als die weltweit erste private Architekturgalerie etabliert, die 1984 sogar wagte, ein Projekt von Zaha Hadid auszustellen – auch das eine internationale Premiere. Seitdem gehört sie zur Garde mit dem guten Riecher. Kein Wunder, dass deutsche und internationale ArchitektInnen bei dieser renommierten Adresse in Berlin anfragten, um ihre „chinesischen Projekte“ auszustellen. Aber statt Büros zu fördern, die China für Geschäfte und Selbstdarstellung nutzen, fragte sich Aedes: Was kommt eigentlich aus China?¹ So entstand 2001 die Ausstellung „Tu Mu – Young Architecture of China“. (土木 Tu Mu bedeutet Gebäude, Bauwesen, Bautätigkeit, Tiefbau.) Hier stellte Aedes die erste Generation unabhängig arbeitender Architekten von China vor, von denen viele noch nie im Ausland gewesen waren. Ausgestellt wurden Arbeiten von Wang Shu, der spätere Pritzker-Preis-Träger, und Ai Weiwei, der in Deutschland noch unbekannt war. Wichtig zu wissen: Die Präsentation fand nicht nur in Berlin, sondern auch in Shanghai statt.
Die chinesische Architektur der Gegenwart gehört seitdem zu den immer wiederkehrenden Themen von Aedes. So kam es 2016 zu einem Revival von „Tu-Mu“ mit sechzehn chinesischen Museen und fünfzehn chinesischen Architekten. Mit dabei war Zhu Xiaofeng, der 2004 – nach seinem Studium in Shenzhen und Harvard – in Shanghai Scenic Architecture Office gegründet hatte. Dieses Jahr widmet Aedes ihm allein eine Ausstellung mit dem Titel „Translated Traditions – Public Courtyards and Urban Platforms“.








Die Werke des gebürtigen Shanghaier heben sich – sowohl in Form und Geist – wohltuend ab von Großprojekten, mit denen sich westliche StararchitektInnen in China verewigt haben. Unter seinen Gebäuden gibt es keine mega Eier (Nationaltheater Peking von Paul Andreu), keine gigantischen Vogelnester (Nationalstadion Peking von Herzog & de Meuron), keine monumentalen Glücksmünzen (Guanghzou Circle von Joseph di Pasquale), keine Boxershorts à la Gulliver (CCTV Headquarters von OMA). „In America, I could never do work like I do here.”2 – mit solch offenherzigen Worten bringt der amerikanische Architekt Steven Holl ein Phänomen auf den Punkt, das an Spielplatzmentalität grenzt. MoMA nennt es ganz sachlich „die größte Baustelle der Menschheitsgeschichte“3. Und dabei ist es nichts Neues, dass ausländische Büros China architektonisch belagern, siehe die ehemalige Stützpunktkolonie Shanghai. Aber die Experimente aus Schweiz, Italien, Holland & Co. arteten in der heutigen Zeit dermaßen aus, dass der chinesische Präsident schließlich 2014 für den Stil kein anderes Wort gefunden haben soll als „qíguài“, zu deutsch seltsam, merkwürdig, komisch.
Zhu Xiaofeng und sein Team sind aber nicht nur anders als die neuere westliche Architektur in seinem Land; sie gehören zu den Büros von China, die sich den vorherrschenden Einstellungen der zeitgenössischen chinesischen Gesellschaft nicht fügen. Mainstream-Architektur, die auf staatliche Designinstitute zurückzuführen waren, widersetzen sie sich.
Scenic Architecture Office steht vor allem für eins: Verwurzelung. Sie interessieren sich für Themen wie Natur und Gesellschaft, kulturelle Überlieferungen, die eigene Identität und ihre Zukunft: “We always start with needs from body & mind, nature, and society, and try to establish a balanced and dynamic relevance among them through ontological orders composed by space-time and tectonics. In recent practice we concentrate on exploring potentiality of settlement space in present life, to seek a new identity for contemporary architecture between Chinese tradition and our future.”4
Xitang Naera Art Gallery (2021) ist ein Exempel genau dieser jüngsten Projekte, das Siedlungsraum für die heutige Zeit schafft und für das ausgeglichene Zusammenspiel von Alt und Neu sorgt. Der 100.000 m2 große multifunktionale Bau liegt in der Osterweiterung der Altstadt von Xitang. Die landschaftlich reizvoll gelegene „Wasserstadt“ hat strenge städtebauliche Auflagen für neue Gebäude. Die Anforderungen wie Höhenbegrenzung, geneigtes Dach, kleine blau-schwarze Ziegel, schwarz-weiße und graue Farbtöne sowie Holzfarben erfüllt das Projekt, wie das gebaute Ergebnis zeigt, vorbildlich. Wichtig war aber auch das Ziel, Menschen anzulocken und zu längeren Aktivitäten zu animieren. Der Ort sollte ein touristisches Highlight im gesamten östlichen Gebiet der Stadt werden.


Daher einigten sich Bauherr und Designteam auf eine gemischte Funktion von Markt und Kunstgalerie. Im ersten Stock gibt es einen offenen und flexiblen Bereich mit Bio-Bauernmarkt, Buchladen, Café, Restaurant und Hotelrezeption. Im zweiten gibt es Raum für Ausstellungen, Foren und Festivitäten.
Besonderes Augenmerk des Entwurfs liegt – wie so oft im Werk des Architekten – auf Dach und Konstruktion. Das Layout des unteren Grundrisses weist sechs parallele Stränge auf, über denen ein sechsfach gefaltetes Dach liegt. Getragen wird es u. a. von wenigen Y-förmigen Säulen aus Holz. Sie sorgen für einen weiten fließenden Raum, geeignet für Markt und anderen Handel.



Das Dachmotiv des Projekts ist dem chinesischen überhängenden Giebeldach entlehnt, das typischerweise von einer weißen Giebelwand gestützt wird; abstammend von einer traditionellen Wohnform im südlichen Jangtse-Delta, macht dieses System es möglich, ein einziges Dach kontinuierlich zu wiederholen und so eine große Fläche zu bedecken. Aus dieser Geometrie der Giebelwand leiten Zhu Xiaofeng und sein Team die Struktur der Y-förmigen Säulen ab. Jede von diesen Holzsäulen zeichnet mit ihrer oberen Gabelung die Dachform nach. Beim Betrachten soll der Eindruck entstehen, als würde ein umgedrehter First in der Gabelung lagern. Das zitierte traditionelle Dach steht kopf. Trotz ihrer spärlichen Anzahl sind es die Y-förmigen Säulen, die das Dachtragwerk stemmen und dem hellen und nüchternen Raum einen warmen Akzent verleihen.


Interessanterweise ist die gefaltete Dachfläche (abgesehen von der Ost- und Westseite) hauptsächlich von innen her zu sehen. Das liegt an der obenauf liegenden Kunstgalerie. Und diese spricht nicht die Sprache der Giebeldächer, was die stilistische Harmonie gewahrt hätte. Da aber neben einem großen stützenfreien Innenraum auch eine Wahrzeichenidentität gewünscht war, entschied sich das Büro für eine andere, eine abstraktere Form. Trotzdem gibt es auch bei der Kunstgalerie eine Verbindung zur Tradition. Hier kommt das regionale Holzhandwerk auf moderne Weise zum Ausdruck. Die Tragstruktur ist ein dreidimensionales System aus Brettschichtholz und Glas: eine leicht gewölbte Schale gelagert auf x-förmigen, schrägen Stützen, hinter der sich eine geknickte Glasfassade verbirgt. Die Inspiration für diese Struktur kommt aus dem Laternenbau in Xitang. Nachts sendet die Kunstgalerie, weithin sichtbar, warmes Licht aus. Sie fungiert als eine prächtige „Superlaterne“. Und doch ist sie eine relativ unaufdringliche Ikone des Ortes. Damit erweist sich Zhu Xiaofeng als ein Dolmetscher, der eine gebaute und gelebte Tradition so umformt, dass das Ergebnis Raum und Zeit angemessen ist.






Und so wie der Titel der Ausstellung „Translated Traditions – Public Courtyards and Urban Platforms“ zu Zhu Xiaofeng und seinem Werk passt, so bringt auch der Name des Büros sein Selbstverständnis auf den Punkt. Scenic Architecture Office ist mit seinen Arbeiten nicht erpicht auf Objekte und Skulpturen, sondern auf Szenerie und Landschaft. Neben Xitang Naera Art Gallery zeigt das Aedes Architekturforum vom 10. Dezember 2022 bis zum 25. Januar 2023 weitere acht ausgewählte Beispiele von Kulturbauten, Sportanlagen und Stadtteilzentren im Großraum Shanghai. Der Kurator Eduard Kögel hat eine Installation von großformatigen Fotografien und Modellen im Maßstab 1:50 bis 1:200 zusammengestellt. Zu jedem Projekt gehört ein Leporello mit weiteren Details zu den Konstruktionen. Per Video erläutert Zhu Xiaofeng die Philosophie und Praxis seines Büros. Ob er wohl darin auch erzählt, wie nachts die Kanäle von Xitang mit roten Laternen beleuchtet sind? ♦
¹ https://www.bauwelt.de/themen/betrifft/Jeder-Architekt-in-China-hat-ein-Museum-im-Portfolio-Eduard-Koegel-Kurator-Aedes-Ausstellung-16-chinesische-Museen-15-chinesische-Architekten-2668133.html; letzter Zugriff 10.12.2022
² https://www.theatlantic.com/entertainment/archive/2016/03/chinas-weird-architecture/472590/; letzter Zugriff 10.12.2022
³ https://www.moma.org/calendar/exhibitions/5342; letzter Zugriff 10.12.2022
⁴ http://www.scenicarchitecture.com/profile_en.html; letzter Zugriff 10.12.2022



