Studio Capitanio
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VON DIFFUS ZU DIFFERENZIERT: MULTI-SERVICE-PFLEGEZENTRUM VON STUDIO CAPITANIO

Das italienische Büro Studio Capitanio hat in Zusammenarbeit mit DbmLab einen Erweiterungsbau für die Sanitäre Wohnbetreuung von Nembro entworfen: seit 2021 ein Lichtblick für die pandemie- und leidgeprüften Senioren der Region Bergamo

29. September 2021 | Özlem Özdemir

 

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it ihren rund 12.000 Einwohnern ist die italienische Gemeinde Nembro wahrlich kein großer Ort. Umso großartiger ist ihre Bemühung, den Menschen architektonische Erneuerung zu bieten. Hierzu gehört das seit 2021 einsatzbereite Multi-Service-Pflegezentrum von Studio Capitanio Architetti und DbmLab. Der planerische Anstoß kam 2016 wegen Platzmangel der Senioreneinrichtung in der Via dei Frati. Zu ihren 4000 m² sollten 2000 m² hinzukommen. Benötigt wurde eine integrative Tagesbetreuung mit dreißig Plätzen, ein Ambulanzsystem, Fitnessräume, Therapiekabinen für externe Nutzer sowie Büros für den Häuslichen Pflegedienst. Die Fondazione RSA di Nembro Onlus übernahm die Initiative und rief einen öffentlichen Wettbewerb aus.

Das Kürzel RSA steht für Residenza Sanitaria Assistenziale, zu deutsch Sanitäre Wohnbetreuung. Dabei handelt es sich um ein ambulantes Heim für einen variablen Zeitraum (von einigen Wochen bis auf unbestimmte Zeit). Aufnahme finden pflegebedürftige Personen, die nicht zu Hause gepflegt werden können und eine besondere medizinische Versorgung benötigen. Die RSA gleicht einem Zwitter. Sie unterscheidet sich vom Krankenhaus, das sich an akut erkrankte Patienten wendet, und vom Pflegeheim, das für ältere Menschen bestimmt ist, die sich zumindest teilweise selbst versorgen können.

Ähnlich komplex wie die Kategorie RSA ist auch der Siegerentwurf von Studio Capitanio aus Bergamo — dem die Bauausführung und Teamleitung unterstand — und DbmLab aus Mailand. Die erste Aufgabe der Architekten bestand darin, sich mit der bemerkenswerten Lage der bestehenden Einrichtung auseinanderzusetzen. Eines ihrer vielen Abschnitte dockt direkt an eine Kirche an – die San Nicola. Davon ausgehend winkeln sich andere Bauflügel mit geneigten Dächern ab. In südlicher Richtung, zur Via Ronchetti hin, bilden sie einen hofähnlichen Raum. In nördlicher Richtung geht ein dreistöckiger Trakt in einen kompliziert zergliederten Anbau über, der heute nicht mehr besteht. (Dieses „ausgefranste“ Ende wurde im Zuge des Siegerentwurfs transformiert.)

Pflegeeinrichtung von Studio Capitanio Architetti
Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Stefano Tacchinardi
Multi-Pflegezentrum in Nembro von Studio, Präsentationsmodell
Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Stefano Tacchinardi
Präsentationsmodell des Multi-Service-Center von Studio Capitanio
Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Stefano Tacchinardi
3d-Zeichnung Lageplan des Multi-Pflege-Centers in Nembro, Bergamo
Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Stefano Tacchinardi

Was ist das Charakteristische am neuen Erweiterungsbau? Im Grunde greift er das Entstehungsprinzip der Anlage auf: So wie vorher die RSA an die Kirche anknüpfte, entwickelt sich auch die aktuelle Erweiterung aus der bestehenden Einrichtung heraus. Ihr bereits erwähntes „ausgefranstes“ Ende im Norden wird zum neuen Anknüpfungspunkt und bei der Gelegenheit umgewandelt. Damit entsteht an der Via dei Frati ein kompakter mehrstöckiger Kopfbau mit Flachdach: Der Speisesaal. (Dieser Bauabschnitt erhält ein Fassadenmaterial, das der Entwurf nur hier aufweist: dunkle perforierte Blechelemente.) Vom Speisesaal aus strebt der Baukörper, bepackt mit dem neuen Raumprogramm, in Richtung Via Oriolo. Das tut er jedoch nicht in glatter und stringenter Manier, etwa als ein einfacher länglicher Block. Vielmehr reagiert dieser zweistöckige Riegel auf jedem Abschnitt seines Weges individuell. Er beginnt als ein schlanker Korridor: die Nabelschnur zum Speisesaal. Daraus wachsen im weiteren Verlauf — in Richtung Norden — verschiedene Ausstülpungen, die den Bau in die leicht ansteigende Topografie verankern. Das heißt, das Architekturteam nutzt einen gegebenen Höhenunterschied geschickt aus: Sie lassen das Bauvolumen rückwärtig anlehnen, indem sie diesen Bereich auffüllen und als Garten mit Wegen gestalten, der vom Obergeschoss aus zugänglich ist. Überblickt man also das Gebäude von seiner Nordseite, wirkt es wie eingeschossig (ausgenommen der Kubus mit dem Speisesaal) und macht einen insgesamt ruhigen Eindruck.

Nordfassade des Multi-Service-Pflegezentrums von Studio Capitanio
Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Stefano Tacchinardi
Pflegeeinrichtung in Nembro, Bergamo, mit Kubusbaukörper am Rand
Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Stefano Tacchinardi

 

In Richtung Via Ronchetti, verhält sich der Baukörper ganz anders: Er präsentiert sich mit zwei Geschossen und ist durchsetzt mit einer ganzen Reihe von Gestaltungsmitteln. Es gibt glatte, hell verputzte Bereiche, in der Länge betonte Fenster mit tiefen Laibungen oder raumhohe Fensterbänder. Vor allem dominiert das Prinzip der Abstufung und Staffelung: Aussparungen der Volumen (immer hervorgehoben mit hellem Anstrich) und auskragende Flachdächer mit hohen schlanken Säulen verschaffen schützende Nischen und luftige portikoartige Zonen.

Multi-Pflege-Zentrum, zweistöckiger Riegel mit Fensterreihen
Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Stefano Tacchinardi
Pflegeeinrichtung in Nembro von Studio Capitanio, Abschnitt der Südfassade
Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Stefano Tacchinardi

 

Typisch für diese Südfassade ist jedoch insbesondere die Verkleidung aus Terrakotta. (Die Nordfassade erhält dieses Material nur in ihren Randbereichen, siehe etwa Speisesaal). Dieses glasierte dunkle Terrakotta-Element betont — mit ihrer markanten länglichen Struktur — die Vertikale und Höhe des Gebäudes. Seine Linien sind nicht ganz regelmäßig angeordnet und sorgen damit dafür, dass nicht zu viel visuelle Starre aufkommt. Die keramischen Flächen verleihen der Oberfläche etwas Organisches; sie erinnern etwa an die Kerbungen einer Pappelrinde. Ihre variablen Profile sorgen auch dafür, dass sie je nach Lichteinfall mit einem anderen Eindruck überraschen — mal nähern sie sich einem glänzenden Schwarz, mal einem warmen Braunton. Außerdem fällt bei genauerem Hinsehen auf, wie sich die Terrakotta-Struktur mit einer „Fassadenspezialität“ der San Nicola zu decken scheint: der traditionellen gemusterten Borlanti-Verkleidung aus fischgrätig angeordneten Steinen.

Fassaden-Gegenüberstellung der neuen Pflegeeinrichtung in Nembro mit der Kirche San Nicola im Hintergrund
Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Stefano Tacchinardi
Fassadendetail der Terrakotta-Verkleidung der Pflegeeinrichtung in Nembro
Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Stefano Tacchinardi
Fassadendetail mit Terrakotta-Verkleidung
Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Stefano Tacchinardi

 

Das neue Multi-Service-Pflegezentrum von Nembro fungiert wie ein angewachsener Flügel, ein Arm — ausgestreckt wie zur Begrüßung. Neben dem Raumgewinn drückt das Gebäude also eine Geste aus: Es will Besucher willkommen heißen. Zugleich schenkt es dem gesamten RSA-Areal, das eine deutliche Nordsüd-Betonung hat, einen Gegenpart und Ausgleich: eine Achse von West nach Ost, die für klare Zonen sorgt (siehe der Garten im Norden). Die facettenreiche Hülle (insbesondere die Südfassade) mit ihren Vor- und Rücksprüngen, Nischen und Zwischenzonen, Nuancen und Schattierungen in Farbe und Textur bewahrt die Architektur davor, glatt und unnahbar zu wirken. Selbst der erste dunkle Gesamteindruck wird aufgewogen durch seinen Vorteil, zurückhaltend zu sein und dient gleichzeitig als lebhafter Kontrast zu den weiß-grauen Putzfassaden und dem warmen abendlichen Licht der Innenräume. Nicht zuletzt dient der neue Mitspieler dieser Parzelle dazu, Kirche, Pfarrhaus und RSA — ein zerstreutes, unübersichtliches Ensemble — eine Abrundung zu verleihen und einen modernen Akzent zu verleihen. Das Multi-Service-Pflegezentrum von Studio Captanio gibt dem gesamten Gelände zusammen mit der neuen Landschaftsgestaltung spürbaren Rückhalt. Es verwendet bei alldem jedoch eine Architektursprache, die der Anlage nicht völlig fremd ist: Es übernimmt das Prinzip der zusammengesetzten Bauabschnitte, es verfeinert das zufällig Diffuse ins bewusst Differenzierte. Das RSA tritt mithilfe seines letzten Anbaus erfrischt und selbstbewusst hervor und signalisiert Orientierung: eine Orientierung, die hilfesuchende Senioren und ihre Angehörigen zu schätzen wissen und die Geborgenheit verspricht.

Multi-Service-Zentrum in Nembro von Studio Capitanio, Südfassade bei Nacht
Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Stefano Tacchinardi
Multi-Service-Pfelgezentrum in Nembro, Südfassade bei Nacht
Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Stefano Tacchinardi

 

Dieses Projekt steht für die Erfüllung der Bedürfnisse einer ganzen Gemeinschaft älterer Menschen. Als 2016 der Wettbewerb ausgerufen wurde, konnte niemand ahnen, dass eine Pandemie diese Generation in ein Fokus von tragischen Dimensionen rücken würde. Trotzdem oder gerade deshalb wurde seine Realisierung, die 2019 begann, nicht unterbrochen. Ausdauer und Qualität wurden dieses Jahr belohnt: Studio Capitanio und DbmLab erhielten die Auszeichnung The Plan Awards 2021 in der Kategorie Gesundheit. ♦

 

 

Remo Capitanio_Portraitfoto
Remo Capitanio // Courtesy of Studio Capitanio Architetti // Photo: Studio Capitanio
Inhaber von DBMLAB-Studio_Portraitfoto
DbmLab: Joi Donati (l.), Alice Bottelli // Courtesy of Studio Capitanio Architetti