Eine Holzkonstruktion mit natürlicher Vision: Mirador da Cova von Arrokabe Arquitectos

 

10. Mai 2020 | ÖZLEM ÖZDEMIR

Arrokabe Arquitectos baut aus Holz und Stahl eine luftig-komplexe und umweltbewusste Konstruktion, eine Plattform mit Ausblick auf eine hügelige Landschaft mit Fluss. Mirador da Cova heißt der neue architektonische Anker inmitten des spanischen Weinbaugebiets Ribeira Sacra.

Arrokabe Arquitectos Aussichtsterrase
Courtesy of Nendo / Photo by Luis Díaz Díaz

 

Mirador da Cova, eine Aussichtsterasse aus Holz, Stahl und Beton in den Berghängen von Nordspanien wurde von Arrokabe Arquitectos im September 2019 für die Weinfirma Adegas Moure SA fertiggestellt. Errichtet in einer Höhenlage von etwa 400 bis 500 m bietet sie der Besucherschaft weite Ausblicke über bestockte Rebflächen und Waldabschnitte von Ribeira Sacra, eine weichgeformte Landschaft in Galicien. Teil der Szenerie ist der mäandernde Rio Miño. Spektakulär und magisch: So beschreiben viele diesen Ort im südlichen Teil der Provinz Lugo. „O Cabo do Mundo“ – Das Kap der Welt – wird er auch genannt.

Der natürlichen Schönheit und dem Panorama fehlte nur noch ein architektonischer Anker, ein gebautes Statement, das besagt: Hier lohnt es sich, inne zu halten und sich der Betrachtung hinzugeben. Ziel war es aber auch, einen Rahmen für mehr kulturelle Angebote zu schaffen. Und damit wandte sich Adegas Moure an das Architekturbüro Arrokabe: Die in Holzarchitektur und Sanierung versierten Brüder Óscar Andrés Quintela und Iván Andrés Quintela bekamen den Auftrag, den Außenbereich des Weinguts Abadía da Cova neu zu gestalten. Für die in Santiago de Compostela ansässigen Architekten war dies eine besondere Herausforderung. Auf der einen Seite verlangte der Entwurf einen deutlichen Bezug zur Landschaft. Gleichzeitig aber musste er der Weingutanlage – die aus mehreren getrennten Bauten verschiedener Zeitabschnitte zusammengewürfelt ist – Halt geben.

Die Plattform ist daher ein wichtiges Element. Sie ist der Anknüpfungspunkt, der in die dezentrale Anlage ausstrahlt und sie zusammenbringt. Sie läutet einen Raum ein zwischen dem für die reifen Weine zuständigen alten Keller, dem kleinen Empfangshaus daneben (beide befinden sich oberhalb der Straße) und dem modernen Keller auf der anderen Straßenseite, in dem die Produktion stattfindet und mit dem die Panoramaterrasse durch eine Treppenanlage verquickt ist. Die störende Trennung durch die Fahrbahn versuchen die Architekten visuell und taktil zu überspielen, indem sie die Oberfläche des Platzes nahtlos mit Pflastersteinen belegen.

Mirador da Cova Lageplan
Courtesy of Arrokabe Arquitectos – Lageplan: Plattform mit Platzgestaltung, die die neue Kellerei (links von Mirador da Cova mit angedeutetem Umriss) und die oberhalb der Straße liegende Rezeption und alte Kellerei (beide mit dunkelgrauen angeschnittenen Flächen dargestellt) zusammenfasst

 

Arrokabe Arquitectos Holzterrasse
Courtesy of Arrokabe Arquitectos / Photo by Luis Díaz Díaz
Arrokabe Arquitectos Entwurf in den Weinhängen
Courtesy of Arrokabe Arquitectos / Photo by Luis Díaz Díaz

 

Der neu gestaltete Außenbereich mutet einheitlich und überschaubar an. Dennoch birgt er in sich vielschichtige und differenzierte Formen, Materialien und Farben. Die erste Maßnahme war naheliegend. Eine neue Aussichtsfläche erforderte eine neue Stahlbetonplatte. Diese legten die Architekten auf Betonwände ab, die zum Teil bereits vorhanden waren oder aber später hinzugefügt wurden. (Bei Letzteren nutzten sie Schalungen aus Holzbalken mit unterschiedlichen Durchmessern, was den Texturen der Sichtflächen Abwechslung verleiht.)

Vor der Betrachtung der eigentlichen Attraktion, dem hölzernen Gestell mit überdachtem Podest, ein kurzer Blick auf einen weiteren markanten Gesellen oberhalb der Plattform: die kioskartige Hütte. Dieser kleine Verkostungsraum fällt etwas aus dem Rahmen mit seiner dunkelfarbigen und diagonal verschalten Holzfassade. Aber: Der schwärzliche Ton – der zunächst durch seinen Kontrast irritieren könnte – verhilft dazu, den wie hingeworfenen Würfel mit den fast ebenso dunklen Baumkronen der Umgebung verschmelzen und dadurch sogar eher in den Hintergrund treten zu lassen. (Übrigens handelt sich bei diesem Schwarz nicht um einen Fassadenanstrich, sondern um das Ergebnis einer vom Zimmermann angewandten Technik des Verkohlens.) Unterhalb der Plattformebene verstecken sich Nebenräume wie Toiletten und ein Lager. Galerienhafte Einschnitte verhelfen zu visuellen Bezügen zwischen der oberen und unteren Zone der Konstruktion.

Die Holzstruktur mit den gegenläufig geneigten Dachflächen – der ikonenhafte Magnet dieses Projekts – ist somit nur ein Teil des Entwurfs, der wie in den Hang implantiert wirkt. Aber genau diese Struktur hat es in sich. Wie eine Art von Gerüst baut sie sich auf vor dem anderen, in der Erde verstauten Bereich. Für die auf den Stahlpfeilern aufsetzenden Holzelemente verwendete das umweltbewusste Büro acetyliertes Kiefernholz, das sich durch seine hohe Dauerhaftigkeit und Stabilität auszeichnet. Auf diese Weise erübrigten sich Beschichtungen mit Bioziden, die irgendwann auswaschen und die nächste Pflanzung beeinträchtigen würden. Für eine längere Lebensdauer der Konstruktion legten Arrokabe Arquitectos außerdem Wert auf eine sorgsame, funktionell durchdachte Ausgestaltung selbt von kleinsten Details, wie etwa bei den Handläufen.

Arrokabe Arquitectos Geländerdetail
Courtesy of Arrokabe Arquitectos / Photo by Luis Díaz Díaz

 

Die räumliche Aufteilung des Holzgerüsts ist schlicht: Im Prinzip basiert es auf nur zwei Etagen. Diese allerdings sind durch viele kleine Treppen abgestuft. Und überhaupt ist der Entwurf von einer ganzen Armada von Stufen durchsetzt, die sich in die unterschiedlichsten Richtungen ausstrecken, nicht zuletzt bis hinunter zu den Weinreben. Verfolgen kann man das besonders gut in den grafischen Ansichten.

Arrokabe Arquitectos Mirador da Cova
Courtesy of Arrokabe Arquitectos / Photo by Luis Díaz Díaz
Mirador da Cova Ansichtdarstellung
Courtesy of Arrokabe Arquitectos
Mirador da Cova Schnittdarstellung
Courtesy of Arrokabe Arquitectos

 

Aber auch bei den Schnittdarstellungen lohnt es sich, ein wenig länger zu verweilen. Insbesondere die Querschnitte überraschen durch eine gleichsam organische Lebendigkeit – teilweise traut man dem Objekt zu, das irgendetwas an ihm auch beweglich sein könnte. Dieser Eindruck einer Maschinerie, eines Dickichts von spannenden technischen Zusammenhängen, macht sich fest an der Komposition von Verstrebungen und schräg angeordneten Profilen. Das Design hat fast den Touch eines (gemäßigten) Wladimir Tatlin. Skulpturen des russischen Konstruktivismus liegen in der Luft.

Luftigkeit – das ist ein Stichwort, an dem man hier nicht vorbei kommt. Was umso bemerkenswerter ist, da es sich hier eigentlich um eine Bauaufgabe handelt, die mit der Topografie, dem Erdreich verwächst. Der Grund: der sofort ins Auge fallende Aufsatz, das in den Himmel ragende Dach aus Holz.

Es handelt sich um ein zweigeteiltes Bauteil, in der Mitte quasi geknickt, das die Konstruktion nach oben hin abschließt. Die größere Hälfte geht in Richtung Platz und „Kiosk“ und schützt gegen Regen und Licht. Die kleinere ist durchlässig, fungiert als leichte Verschattung und wendet sich dem Ausblick in Richtung Fluss zu. Diese Überdeckung wirkt schon aus der Ferne wie ein lockendes Signal. Die Form erinnert an einen Flügel – eines Vogels, eines Flugzeugs – oder an einen robusten Drachenflieger.

 Arrokabe Arquitectos Holzkonstruktion mit Terrasse
Courtesy of Arrokabe Arquitectos / Photo by Luis Díaz Díaz
 Arrokabe Arquitectos Mirador da Cova
Courtesy of Arrokabe Arquitectos / Photo by Luis Díaz Díaz

 

Eines darf natürlich nicht vergessen werden: Aussichtsplattformen haben in der Architekturzunft eine Sonderstellung. Die Exponiertheit dieser Bauaufgabe fordert geradezu zu Expressivität heraus. Mit ihr kann man sich – ähnlich wie bei Wolkenkratzern – hervortun. Mit dem Unterschied, dass es hierbei vor dem Hintergrund der natürlichen Landschaft passiert. Man denke nur an Snøhettas Path of Perspectives¹ (2018) oder an das Unazuki Meditation Pavillon² von Enric Miralles (1993).

Und Mirador da Cova? Das ist interessanterweise eine Plattform in mehrfachem Sinne. Denn eines Tages sollen sie die Kletterpflanzen erobern: Das wenigstens sehen die an den Geländern eingesetzten rostfreien Stahlnetze vor. Und die Farbe des Holzes wird allmählich ins Gräuliche verblassen. Schließlich wird das passieren, was man in der Biologie Mimikry nennt. Die bewachsene Holzstruktur wird nur noch eine unter vielen sein, eine unter all den Rebstöcken, von denen sie in dieser bewirtschafteten Natur umringt ist. Die Architekten greifen diesen Entwurf als einzigartige Gelegenheit auf und zeigen mit ihren bedachten Entscheidungen, sei es bei Material oder Detailplanungen, wie sensibel und verantwortungsvoll man auf die Umwelt reagieren kann. Somit bietet sich diese Plattform ganz konkret der Natur an, dient ihr zur Bewachsung mit so wenig Schaden wie möglich. Dass sie gleichzeitig einen kulturellen Schauplatz für Freilicht-Konferenzen, Open-Air-Konzerte oder einfach nur für synästhetischen Augen- und Gaumenschmaus darstellt, tut dem kein Abbruch. Der Entwurf von Arrokabe Arquitectos hat das Potenzial zu einem geheimen Zentrum der Region. Mirador da Cova ist eine Architektur, die gerade wegen ihrer Zurückhaltung und flexiblen Nutzbarkeit auftrumpft und die Einheimischen wahrscheinlich zu einem einzigen – und einleuchtenden – Ausruf verleiten lässt: Mira!

Kommentar

Óscar Andrés Quintela und Iván Andrés Quintela
Courtesy of Arrokabe Arquitectos / Iván Andrés Quintela (l.) and Óscar Andrés Quintela / photo by Manuel Touza

 

Zur Website von ARROKABE ARQUITECTOS

 

A wooden construction with a natural vision: Mirador da Cova by Arrokabe Arquitectos

Arrokabe Arquitectos uses wood and steel to build an airy, complex and environmentally aware structure, a platform overlooking a hilly landscape with a river. Mirador da Cova is the name of the new architectural anchor in the middle of the Spanish wine-growing region Ribeira Sacra.

 

Mirador da Cova, a panoramic terrace made of wood, steel, and concrete on the mountain slopes of northern Spain, was completed by Arrokabe Arquitectos in September 2019 for the wine company Adegas Moure SA. Built at an altitude of around 400 to 500 metres, it offers visitors a wide view of the cultivated vineyards and wooded areas of Ribeira Sacra, a softly shaped landscape in Galicia. Part of the scenery is the meandering Rio Miño. Spectacular and magical: this is how many describe this place in the southern part of the province of Lugo. It is also called „O Cabo do Mundo“ – The Cape of the World.

All that was still missing from the natural beauty and the panorama was an architectural anchor, a built statement that said: Here it is worth pausing and surrendering to contemplation. But the aim was also to create a framework for more cultural offerings. And with this, Adegas Moure turned to the architectural studio Arrokabe: The brothers Óscar Andrés Quintela and Iván Andrés Quintela, who are experienced in wood architecture and restoration, were commissioned to redesign the exterior of the Abadía da Cova winery. This was a particular challenge for the architects based in Santiago de Compostela. On the one hand, the design required a definite reference to the landscape. Simultaneously, however, it had to give coherence to the winery – which is made up of several separate buildings from different periods.

Therefore the platform is an essential element. It is the point of contact that radiates into the decentralized site and brings it together. It heralds a space between the old cellar reserved for the mature wines, the small reception house next to it (both are located above the street) and the modern cellar across the road where the production takes place and with which the panoramic terrace is linked by a staircase. The architects try to override the unpleasant separation by the lane both visually and tactilely by seamlessly covering the surface of the square with cobblestones.

The newly designed exterior area appears homogeneous and clear. Nevertheless, it contains complex and differentiated forms, materials and colours. The first measure was obvious. A new observation deck required a new reinforced concrete slab. The architects laid this on concrete walls, some of which already existed or were added afterwards. (For the latter, they used formwork made of wooden beams with different diameters, which gives variety to the textures of the exposed surfaces).

Before exploring the actual attraction, the wooden frame with a covered deck, a brief look at another striking companion above the platform: the kiosk-like hut. This small tasting room is a bit out of the ordinary with its dark coloured and diagonal Wood paneling. But: the blackish tinge – which might irritate at first because of its contrast – helps to merge the cube, which, by the way, looks as if it has been thrown down, with the almost equally dark treetops of the surrounding area, and thus even makes it fade into the backdrop. (By the way, this black is not a facade paint, but the result of a charring technique used by the carpenter). Below the level of the platform, ancillary rooms such as toilets and a storage area are hidden. Gallery-like cut-outs help to create visual contacts between the upper and lower zones of the construction.

The timber structure with the oppositely inclined roof surfaces – the iconic magnet of this project – is thus only one part of the design, which appears to be implanted in the slope. But it is precisely this structure that is so remarkable. Like a kind of scaffolding, it is built up in front of the other section, which is buried in the ground. The environmentally-minded office used acetylated pine wood for the wooden elements placed on the steel pillars, which is characterised by its high endurance and stability. This made it unnecessary to apply coatings of biocides, which would eventually wash out and affect the next planting. For a longer lifespan of the construction, Arrokabe Arquitectos also paid attention to a careful, functionally well-thought-out design of even the smallest details, such as the handrails.

The spatial division of the wooden framework is simple: in principle, it is based on only two levels. These, however, are stepped by many small stairs. And in fact, the design is interspersed with a whole armada of steps that extend in all directions, not least down to the vines. You can follow this particularly well in the elevations.

But it is also worth staying a little longer with the sectional drawings. The cross-sections, in particular, are surprising in their organic liveliness – in some cases, one might think that something about the object could also be mobile. This impression of a machinery, of a thicket of exciting technical correlations, is rooted in the composition of struts, and diagonally arranged profiles. The design almost has the touch of a (moderate) Vladimir Tatlin. Sculptures of Russian Constructivism are in the air.

Airiness – this is a keyword you cannot escape here. Which is all the more remarkable as this is actually a building task that grows together with the topography, the soil. The reason is the instantly eye-catching attachment, the wooden roof rising into the sky.

It is a two-part component, virtually bent in the middle, which completes the construction at the top. The larger half goes towards the square and „kiosk“ and protects against rain and light. The smaller one is permeable, acts as a light shade while facing the view in the direction of the river. This coverage acts like a luring signal. The shape evokes the look of a wing – of a bird, an aeroplane – or a robust hang glider.

One thing, of course, should not be forgotten: Observation platforms have a unique position in the Architectural Guild. The sheer exposure of this construction task calls for expressive designs. It allows one to stand out – similar to skyscrapers. With the difference that here it happens against the background of the natural landscape. Just think of Snøhetta’s Path of Perspectives1 (2018) or Enric Miralles‘ Unazuki Meditation Pavilion2 (1993).

And Mirador da Cova? Interestingly, this is a platform in a multiple sense. Because one day it is supposed that the climbing plants will conquer it: At least that is what the stainless steel mesh used on the railings provides for. And the colour of the wood will gradually fade into greyish. Eventually, what is called mimicry in biology will happen. The overgrown wooden structure will be just one among many, one among all the vines that encircle it in this cultivated nature. The architects are taking this design as a unique opportunity and with their thoughtful decisions, be it in terms of materials or detailed planning, they are showing how sensitive and responsible one can respond to the environment. Thus, this platform makes a concrete contribution to nature by serving it as a means of vegetation with as little harm as possible. The fact that it is at the same time a cultural venue for outdoor conferences, open-air concerts, or simply a synaesthetic feast for the eyes and palate makes no difference. The design by Arrokabe Arquitectos has the potential to become a secret centre of the region. Mirador da Cova excels precisely because of its restraint and flexible usability, and is likely to entice the locals into a single – and plausible – exclamation: Mira!

 

TRANSLATION BY ÖZLEM ÖZDEMIR

 

 

1 https://snohetta.com/project/454-path-of-perspectives-perspektivenweg/; last access date 9.5.2020

2 http://www.mirallestagliabue.com/project/unazuki-meditation-pavillon/; last access date 9.5.2020