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Die Kunst des Gebräus

Der Entwurf von Phoebe Says Wow Architects für ein Café im Xinyi-Distrikt von Taipeh ist eine spielerische Sicht darauf, wie wir dritte Orte in unseren Städten erleben

17. Februar 2022 | BETTY OWOO

kleines Cafe von Phoebe Says Wow Architects
Courtesy of Phoebe Says Wow Architects // Photo: Hey!Cheese

 

E

s gibt wohl kein Getränk, das universeller ist als die einfache Tasse Kaffee, die in einem Kaffeehaus serviert wird. Das Kaffeehaus, das seit dem 15. Jahrhundert auf der ganzen Welt eine wichtige Einrichtung ist, spielt eine Schlüsselrolle im sozialen Gefüge unserer Städte und gehört zu dem komplexen Netz dessen, was der Stadtsoziologe Ray Oldenburg als „dritte Orte“ bezeichnet. Nach Oldenburg unterscheiden sich dritte Orte von der ersten Sphäre, dem Zuhause, und der zweiten Sphäre, der Arbeit, und bestehen aus öffentlichen Räumen, die Geselligkeit zulassen und in denen Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften zusammenkommen. Das Kaffeehaus ist der eindeutigste „dritte Ort“, den es gibt, und so manches Architekturbüro hat sich an die Gestaltung seiner Innenräume gemacht, um einen charaktervollen Ort zu schaffen, der soziale Interaktion ermöglicht – so auch Phoebe Says Wow Architects aus Taipeh. Sie sind bekannt für ihre wohldurchdachte Innenarchitektur und den dosierten Einsatz von Farben. Ihr Entwurf für eine Niederlassung des Kaffeehauses Fifteen Steps Workshop im Xinyi-Bezirk von Taipeh ist eine spielerische Annäherung an die Art und Weise, wie wir dritte Orte in unseren Städten erleben.

Die Stadt ist relativ jung, feiert 2020 ihr hundertjähriges Bestehen und hat eine florierende Kaffeekultur, die auf die fünfzigjährige japanische Besatzung bis zu deren Ende im Zweiten Weltkrieg zurückgeht. Die Besatzung brachte die kissaten (喫茶店) an Taiwans Küste. Wörtlich übersetzt heißen diese Teestuben im japanischen Stil „Teetrinkladen“, in denen auch Kaffee serviert wird und wo man sich in Ruhe trifft. Taipeh ist ein Ort, an dem sich die alte kissaten– und die neue Kaffeekultur überschneiden.

Das FSW Café liegt an der Ecke einer belebten Straße mit kleinen Nachkriegslokalen und -geschäften in den Ausläufern von Xiangshan im Xinyi-Bezirk und stellt die Typologie des kissaten auf den Kopf. Von der Straße aus ist es unklar, ob es sich überhaupt um einen Ort zum Kaffeetrinken handelt. Phoebe Says Wow Architects kreierten einen fast introvertierten Entwurf, der nur andeutet, was dahinter liegt. Stattdessen haben andere Aspekte der Form und Ästhetik des Gebäudes Vorrang. „Licht ist wichtig. Farbe ist wichtig. Transluzenz ist wichtig. Geometrie ist wichtig“, heißt es bei Phoebe Says Wow Architects über ihren rätselhaften Entwurf. An der Fassade des Cafés erheben sich strahlend weiße Fliesen von einer geschwungenen Stufe zu einem schlichten weißen Vordach, das Schutz vor den Elementen bietet. Kanariengelbe Stahlrahmen mit eingesetzten transluzenten Polykarbonaten sorgen für Öffnungen in der Fassade. Der kombinierte Effekt vermittelt einen sanitären, fast klinischen Eindruck. Was immer deutlicher wird, ist, dass es sich um ein Gebäude handelt, das seine Geheimnisse erst dann preisgibt, wenn man seine Schwelle überschreitet.

Grundriss des Cafes Fifteen Steps Workshop
Courtesy of Phoebe Says Wow Architects

 

Der Erdgeschossplan dieses ehemaligen Bürogebäudes wurde mithilfe der bereits erwähnten gelben Rahmen geschickt unterteilt, um Zonen konzentrierter Aktivität zu schaffen. Die geschwungene Kurve eines Halbkreises mit einem Willkommensfenster empfängt einen beim Betreten des gefliesten Raums, der durch eine Kaffeebar aus Massivholz in zwei Bereiche geteilt ist. Der Eingang ist Wind und Wetter ausgesetzt; die Brise vom Bergpfad von Xiangshan weht hindurch und der Kaffeeduft verbreitet sich in den benachbarten Straßen. Er agiert gleichsam als Aufgang. Hier können die Gäste ihren Kaffee an der Bar genießen oder auf der vorderen Stufe unter dem Vordach verweilen. Für viele wird dies auch ihre einzige Erfahrung mit dem Café sein.

Cafe von Phoebe Says Wow Architects in Taipeh, Aufnahme in der Daemmerung
Courtesy of Phoebe Says Wow Architects // Photo: Hey!Cheese
Eingang eines Café im Xinyi-Distrikt von Taipeh
Courtesy of Phoebe Says Wow Architects // Photo: Hey!Cheese
Entwurf von Phoebe Says Wow Architects für ein Café im Xinyi-Distrikt von Taipeh
Courtesy of Phoebe Says Wow Architects // Photo: Hey!Cheese

 

Für diejenigen, die sich weiter vorwagen, locken eine Rösterei, ein Arbeitsbereich an der Bar und ein Mehrzweckraum entlang eines Korridors, der an seinem Ende für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Gerade in diesen geschützten Räumen und in der Materialität ihrer inneren Trennwände zeigt sich der Einfallsreichtum von Phoebe Says Wow Architects am deutlichsten. Das Polycarbonat fungiert nicht nur als einfacher Raumtrenner. Es dient als Sichtschutz, der Privatheit schafft, und gleichzeitig als Lichtdiffusor, der das Innere des Gebäudes erhellt. Jeder Raum jenseits des Eingangs ist in ein sanftes Licht getaucht, das vom Rhythmus der gelben Stahlprofile umrahmt wird.

Cafe von Phoebe Says Wow Architects und seine privateren Raeume für Seminare usw
Courtesy of Phoebe Says Wow Architects // Photo: Hey!Cheese
Mehrzweckraum des Kaffeehauses Fifteen Steps Workshop in Taipeh
Courtesy of Phoebe Says Wow Architects // Photo: Hey!Cheese

 

Der Mehrzweckraum befindet sich im privatesten Teil des Grundrisses, der durch die schmalen Korridore zugänglich ist und eine Wand zur Straße hin hat. Ganz in sanftes Licht getaucht, eignet sich der Raum für eine Vielzahl von Aktivitäten, darunter Schröpfseminare, Vorträge und Meditationen. Der Raum stellt zwar auch einen misslungenen Versuch dar, einen Innengarten anzulegen, ist aber insofern erfolgreich, als er den Passanten auf der Straße die darin stattfindenden Aktivitäten vor Augen führt: Silhouetten und Geräusche aus dem Raum dringen durch die Polycarbonat-Wände. Tagsüber werden die Besucher in diesen Raum eingeladen, wo sie im Geiste des kissaten ihren Kaffee mit anderen genießen können.

Cafe von Phoebe Says Wow Architects
Courtesy of Phoebe Says Wow Architects // Photo: Hey!Cheese

 

Das vielleicht symbolträchtigste Merkmal des FSW-Cafés hinsichtlich seiner Funktion als dritter Ort (insbesondere in den herausfordernden Zeiten, in denen wir heute leben) ist das Take-out-Fenster mit Blick auf die Gasse an der Seite des Gebäudes. Die Schlüsselthemen des Hauptraums – Farbe, Transluzenz, Geometrie und Licht – verdichten sich hier zu einer kleinen, aber vollendet geformten Öffnung; das Fenster ermöglicht es den Gästen, die Straße entlang zu gehen und ihren Kaffee zu kaufen, und zwar in sicherer Entfernung von den FSW-Mitarbeitern. ♦

 

(Übersetzung aus dem Englischen: Özlem Özdemir)

 

BETTY OWOO

Betty Owoo ist eine in London ansässige Raumgestalterin, Studio-Tutorin und Gastkritikerin für Architektur an der Universität von Nottingham sowie Autorin. Derzeit ist sie Architekturdesignerin bei Be First und Ko-Vorsitzende der Architecture Foundation Young Trustees. Sie ist eine Absolventin des dritten Jahrgangs der New Architecture Writers. 

 

Phoebe Wen (r.), Shihhwa Hung von Phoebe Says Wow Architects
Courtesy of Phoebe Says Wow Architects // Phoebe Wen (r.), Shihhwa Hung // Photo: Shihhwa Hung

 

 

The Art of the Brew

Phoebe Says Wow Architects’ design for a coffee shop in Taipei’s Xinyi District is a playful take on how we experience third places in our cities

 

There is probably no beverage more universal than the humble cup of coffee served from a coffeehouse. A vital typology throughout the world since the 15th century, the coffeehouse is a key part of the social fabric of our cities, forming part of the intricate web of what urban sociologist Ray Oldenburg termed „third places“. According to Oldenburg, third places are distinct from the first realm of the home and the second realm of work, consisting of public spaces that are inclusively sociable and host gatherings of individuals across communities. The coffeehouse is the most „third place“ there is, with many an architecture studio tackling their interiors to create a characterful venue that allows for social interaction – including Taipei-based Phoebe Says Wow Architects. Well known for their thoughtful interior design and careful use of colour, their design for a coffee outpost for Fifteen Steps Workshop in Taipei’s Xinyi District is a playful take on how we experience third places in our cities.

The relatively young city, which celebrated its centennial in 2020, has a blossoming coffee culture that dates back to the fifty years of Japanese occupation until its end during World War II. The occupation brought the kissaten (喫茶店) to Taiwan’s shores. Literally translated as „tea-drinking shop“, these Japanese-style tea rooms also served coffee and were quiet places for people to gather. Taipei is a place where both the old kissaten and new coffee cultures can intersect.

Located on the corner of a bustling street of small post-war eateries and shops in the foothills of Xiangshan in the Xinyi District, FSW Café takes the typology of the kissaten and turns it on its head. From the street, it is unclear that this is even a place for drinking coffee. Phoebe Says Wow Architects have created an almost introverted design that only hints at what is beyond. Instead, other priorities about the building’s form and aesthetic have taken precedence. „Light matters. Colour matters. Translucency matters. Geometry matters,“ say Phoebe Says Wow Architects of their enigmatic design. On the café’s façade, gleaming white tiles rise up from a curved step to meet a simple white canopy that provides protection from the elements. Canary yellow steel frames inset with translucent polycarbonate form openings in the façade. The combined effect gives a sanitary, almost clinical feel. What becomes increasingly apparent is that this is a building that will only reveal its secrets once you pass over its threshold.

The ground floor plan of this former office building has been cleverly subdivided using the aforementioned yellow frames to create zones of concentrated activity. The sweeping curve of a semicircle punctuated with a welcome window greets you as you enter the tiled space with a solid wood coffee bar splitting the space in two. The entrance is open to the elements, allowing for the breeze from Xiangshan’s mountain trail to waft through and for the aroma of coffee to spread into the neighbouring streets. This entrance is acting as a sort of stoop. It allows patrons enjoy their coffee at the bar, or to linger for a while on the front step under the canopy. For many, this will be their only experience of the café.

For those invited to venture further, the roastery, the bar working area, and a multipurpose room beckon along a corridor being closed off to the public at its end. It is precisely in these private spaces and the materiality of their interior partitions that the ingenuity of Phoebe Says Wow Architects is most evident. The polycarbonate acts not only as a simple spatial divider. It works as a screening device providing privacy and, at the same time, as a light diffuser allowing illumination deep within the plan. Each space beyond the entrance is bathed in a soft glow, rimmed by the rhythm of yellow steel framing.

The multipurpose room sits in the most private part of the plan, accessed through the precise corridors and sharing a wall with the street edge. Bathed in soft light, the space is suitable for a plethora of activities, including cupping seminars, lectures, and meditating. While also housing an unsuccessful attempt at an indoor garden, the space is successful in how it showcases the activities taking place within to passers-by in the street: Silhouettes and sounds from the space pass through the polycarbonate walls. During the daytime, patrons are invited into the space to enjoy their coffee with others in the spirit of the kissaten.

Perhaps the feature of the FSW Café that is most emblematic of how it works as a third place (particularly for the challenging times we are in) is the takeout window which overlooks the alleyway to the side of the building. The key themes from the main space – colour, translucence, geometry and light – condense into a small but perfectly formed portal; the window enables patrons to walk down the street and buy their coffee within a safe distance of the FSW staff.

 

BETTY OWOO


Betty Owoo is a London-based spatial designer, a studio tutor and visiting critic for architecture at the University of Nottingham and writer. She is currently an architectural designer at Be First and co-chair of the Architecture Foundation Young Trustees. She is an alumna of the third cohort of New Architecture Writers.