Das World Architecture Festival (WAF) findet dieses Jahr – wie gewohnt mit Projekten von prominenten und weniger bekannten Architekturbüros – vom 29. November bis zum 1. Dezember in Singapur statt und präsentiert das Thema Catalyst
21. November 2023 | Özlem Özdemir
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eit diesem Sommer stehen sie fest, die Finalisten und damit die Shortlist für das World Architecture Festival 2023, das einzige globale Architekturfestival mit einer Live-Jury. Nach vielen Jahren kehrt es nun wieder nach Singapur zurück, wo es bereits viermal abgehalten wurde. Das diesjährige Thema lautet Catalyst und wird am besten durch die Gastreden illustriert. So handelt die Rede von Tan Cheng Siong u. a. von der starken Bebauung in modernen Städten, von Slums und Geisterstädten. Tan entwarf in den 70iger Jahren die erste Superhochhaussiedlung Singapurs, die legendären Pearl Bank Apartments und sagt heute, wenn Singapur in Zukunft die sozialen Aspekte vernachlässigen sollte, würde die Stadt irgendwann einem hübschen Hotel und nicht einem Zuhause gleichen.1
Beim WAF wird Tan Cheng Siong seine Idee vortragen, dass Dichte plus „Super Connectors“ die neuen urbanen Katalysatoren sind. Mario Cucinellas Vortrag trägt den Titel The Future is a Journey to the Past (was er auch in seinem eingereichten Kirchenprojekt demonstriert, s. u.). Adrien Gardère untersucht den Dialog zwischen Museografie und Architektur und Lily Jencks spricht über nichts Geringeres als die Art, wie Designer die Auseinandersetzung mit planetarischen Systemen katalysieren.


Das WAF bleibt auch 2023 seinem knapp-komplexen Format treu. Am Drei-Tage-Programm nehmen weltweit 2000 Architekten, Innenarchitekten, Bauträger, Geldgeber, Bauunternehmer und Medienvertreter aus der gesamten Branche teil. Zu den Events gehören 70 Redner und Moderatoren, Podiumsdiskussionen, mehrere Aussteller, Vorführungen und Workshops. Rahmenveranstaltungen wie Gebäudebesichtigungen und Networking-Events runden das Festival ab.
Kern des WAF’s ist aber das Preisverleihungsprogramm, das größte seiner Art weltweit. Dazu gehören dieses Jahr 140 Juroren aus 68 Ländern. An den ersten zwei Tagen stellen sich alle Finalisten 10 Minuten lang einem dreiköpfigen Preisgericht vor, gefolgt von 10 Minuten Frage und Antwort. Die Jurierung im Kritikerraum ist dem WAF-Publikum vorbehalten. Die Gewinner der Kategorien werden am Ende jedes Tages bekannt gegeben. Am dritten Tag stellt sich jeder Kategoriesieger einer Super-Jury. Dabei geht es um die Oberkategorien Completed Building, Future Project, Landscape oder Inside. Danach stehen sie fest, die Preisträger des World Building of the Year, Interior of the Year und die Gewinner der Sonderpreise.


Die Auserwählten der Shortlist stehen fest: Zu ihnen gehören wie üblich weltweit bekannte Architekturbüros wie Foster + Partners, UNStudio, Grimshaw Architects, MAD Architects, WilkinsonEyre, Safdie Architects und Nikken Sekkei. Aber auch kleinere und jüngere Büros bekommen die Chance, die internationale Bühne zu erobern. Zu ihnen gehören u. a. PAVA architects aus Thailand, Üroborus_studioLab aus Taiwan und Matter Architects aus Neuseeland. Sie können nun den „Großen“ Konkurrenz machen und an Renommee gewinnen. Das WAF 2023 findet statt vom 29. November bis zum 1. Dezember in einem der größten Bauikonen Singapurs, im Marina Bay Sands.
Bis dahin aber ist noch Zeit, die breit gefächerte Shortlist zu studieren. Die 33 Unterkategorien reichen von Wohngebäuden über Kulturbauten bis hin zu kreativen Umnutzungen. Nach diesem System eingeordnet wurde eine Auswahl aus über 800 eingereichten Beiträgen: Geschafft haben es 495 Projekte von 333 Büros. Ferner gibt es eine Auswahlliste für das Inside World Festival of Interiors, das Schwesterprogramm des WAF, das ihrerseits weitere elf Kategorien anbietet, aus denen die besten Beispiele der weltweiten Innenarchitektur auszeichnet werden sollen. Das Sortiment ist überwältigend. Auf einige Beispiele, entnommen aus der Gruppe Completed Buildings, soll näher eingegangen werden.
Mirai House of Arches
Das Mehrgenerationen-Haus Mirai House of Arches steht in einer Villenanlage im indischen Rajasthan. Sanjay Puri Architects arbeiteten mit lokalen Handwerkern und Vertragsarbeitern der Umgebung zusammen und verwendeten dabei rötlich braune Ziegeln, Sandstein und Kalkputz. Material und Struktur verpflichten sich dem heiß-trockenen Wüstenklima und der unmittelbaren Siedlung. Wie organisch reagiert der Wohnbau, mitsamt Garten, Terassen und Balkonen, auf seine Situation an der Straße und auf die Nachbarbauten, stets bemüht um mehr Privatsphäre. Sein besonderer Charakter basiert auf einer zusätzlichen Schicht: Scherwände, durchbrochen von einer ganzen Komposition von steilen, flachen, stehenden oder umgekehrten Bögen, schützen das Innere vor der Wüstenhitze. Das Ergebnis sind gaudieske Kurven und ein silhouettenreicher Anblick. Mirai steht wie verwurzelt, festungsgleich und doch durchlässig da. Schaut man zu ihm auf, bietet sich einem eine Landschaft von Wellenkuppen, die Träume von geschwungenen Sanddünen aufkommen lässt, vielleicht die der Wüste Thar, die nicht in allzu weiter Ferne liegt.





Angsila Oyster Scaffolding Pavilion
Der Austerngerüst-Pavillon von Angsila befindet sich vor der thailändischen Küste des historischen Fischerdorfs Angsila in der Provinz Chonburi. Anlass seiner Errichtung ist die bedrohte Existenz der Fischer. Ungefilterte industrielle und städtische Abwässer verschmutzen die Flüsse und Kanäle und damit die Bucht von Angsila. Das Resultat: Die Fischbestände und Rentabilität der Fischzucht gehen zurück, sodass die traditionelle Lebensweise der Fischerei keine Chance mehr hat. Zu ihrer Wiederbelebung schufen CHAT Architects das Projekt Angsila Oyster Scaffolding Pavilion: ein neuer Prototyp für eine ökotouristische Austerninfrastruktur.
CHAT Architects tun etwas überaus naheliegendes: Sie greifen das regional typische Bambusgerüst auf, das traditionell für die Austernzucht verwendet wird, und funktionalisieren es neu. Der untere permanente Teil dient der Austernzucht, während der obere temporäre die eigentliche Attraktion darstellt: eine zerlegbare Bambusplattform mit baldachinartigen Konstruktionen und leichten roten Stoffen unter denen die Besucher Platz nehmen können, um Austern zu essen und andere Angebote zu genießen, wie Demonstrationen zu Zucht und Zubereitung.
Ein anderer Clou und Gesundheitsfaktor: Zu Zeiten ohne Öko-Touristen dienen die Plattformen als Angelstege für einheimische Fischer, die von dieser einmaligen Stelle besonders profitieren. Hier können sie direkt Fische fangen, die von dem sauberen – den Muscheln gefiltertem – Wasser angezogen werden.
Die Pavillons wurden von den Fischern von Angsila gebaut (die auch die vorhandenen üblichen Austerngerüste errichtet haben). Sie verwendeten dabei die lokale Technik mit Bambus. Neben diesem pflanzlichen Grundstoff nutzten sie ferner ausrangierte Autosicherheitsgurte und lichtfilternde Landwirtschaftsplanen der nahe gelegenen Gärtnereien.
CHAT Architects zaubern durch ihre pragmatische Idee, die luftige Konstruktion mit ihren kulturell-universellen Spitzbögen (biegsam-changierend zwischen gotisch und orientalisch) und den Charme des Elementaren eine märchenhafte Erscheinung zwischen Himmel und Meer.




Toagosei Hydrogen station Tokushima
Das japanische Chemieunternehmen Toagosei, eigentlich bekannt für Superkleber und hochreine Gase, beauftragte Osamu Morishita Architect and Associates mit einer Anlage, die zur Kohlenstoffneutralität beitragen soll: Toagosei Hydrogen station Tokushima. Das Unternehmen sieht Wasserstoff als einen der vielversprechendsten Energieträger der kommenden Ära. (Wasserstoff erzeugt durch eine chemische Reaktion mit Sauerstoff Elektrizität; so können Fahrzeuge ohne Kohlendioxidemissionen betrieben werden.) Das Architekturbüro aus Osaka entwarf zu diesem Zweck eine H2-Tankstelle für den Hersteller. Über Rohrleitungen verbindet sie sich direkt mit der benachbarten Anlage, die den Wasserstoff produziert. So entfällt der CO2-ausstoßende Transport zwischen Produktionsstätte und Tankstation – ein weiterer umweltfreundlicher Nebeneffekt.
Den Entwurf beschreibt das Architekturbüro als ein durchsichtiges Dach, das in der Luft schwebt, gleich einer Metapher für Wasserstoff. Das Leichtbauwerk besteht aus zwei rechteckigen Säulen aus einem Metallgerüst (den „Stämmen“), an denen oben jeweils vier würfelförmige Einheiten ansetzen. Wie die Stämme bestehen auch sie aus Metallprofilen, die ähnlich einem Lampenschirm seitlich mit transluzenter ETFE-Folie bezogen sind und im Innern konzentrische Kreiselemente bergen. Für eine subtile Dynamik sorgt die Swastika-Anordung der wie leicht aufgebläht wirkenden Würfel, die zudem in der Höhe dezent variieren.
Der vorherrschende Farbeindruck ist durch diese Kubenkomposition ein reines, strahlendes Weiß. Zuweilen wirken sie wie Riesen-Eiswürfel, andererseits haben sie auch polychromatische Lichtspiele im Angebot. Vor allem aber bestechen sie durch ihren geheimnisvoll flottierenden Effekt, der an Wolken erinnert. Und diese Assoziation dürfen wir noch steigern: Die Konstruktion erinnert auch an eine Light-Version vom Wolkenbügel des russischen Avantgardisten El Lissitzky. Zum zukunftsorientierten Anliegen in Tokushima passt es allemal.




Santa Maria Goretti Church
Als einsam und monolithisch und von den schönsten Barockkirchen Italiens inspiriert, beschreiben Mario Cucinella Architects ihre neue Pfarrkirche Santa Maria Goretti Church, die am nördlichen Rand der kalabrischen Hügelstadt Mormanno steht, gegenüber dem bergigen Pollino-Nationalpark – ein idealer Ort, um die Impulse der Natur aufzunehmen. Diese verarbeitet der Entwurf insbesondere im anliegenden Pfarrhaus: Sein Dach ist begrünt, seine Innenhöfe sind bepflanzt und auch ein Bio-Garten wurde eingeplant.
Aufmerksamkeit erregt aber vor allem der Kirchbau: Auf einem kleeblattrigen Grundriss erheben sich vier siloartige weiße Apside aus Beton, die weich ineinander übergehen. Die somit durchgehend geschwungene Fassade bietet nur eine einzige Öffnung, die sich aus einem Einschnitt zwischen zwei der Apsiden ergibt. Der eingeschnittene Teil rollt sich ein und macht eine einladende Geste nach innen. Dieser senkrechte Eingriff wird mit einer vertikalen und horizontalen Relieflinie so ergänzt, dass fast die gesamte Nordseite mit einem Kreuz „gezeichnet“ ist. So wird das Bauwerk als Kirche ablesbar – besonders bei Nacht, wenn es mithilfe von Leuchtmitteln erstrahlt.
Ein interessanter Vergleich drängt sich bei diesem Anblick auf, denn der Effekt des aufleuchtenden Kreuzes lässt sofort an Tadao Ando’s Church of the Light denken, ein kubusartiger Bau aus Sichtbeton von 1989. Ando allerdings füllte eine gesamte Fläche mit einem Kreuz aus schmalen Schlitzfenstern aus; es durchstanzt geradezu die Wand. Bei ihm wird das christliche Symbol zu einem einzigen „Kreuz aus Licht“; seine Form ist bei Tag von außen unübersehbar, aber erst im dunklen Innern kommt es durch den natürlichen Lichteinfall zur Geltung. Bei Cucinella ist das Kreuz zwar auch Teil der Fassade, bleibt aber gewisser Weise fassadenhaft und der Oberfläche verhaftet – seine Wirkung entfaltet sich erst ab der Dämmerung; dann wird ihm durch künstliches Licht nachgeholfen und es dient als ein helles Signal nach außen. Andererseits besteht bei Cucinellas „Fassadenkreuz“ der Reiz darin, dass es bei fehlender künstlicher Beleuchtung, also tagsüber, wieder dezent zurücktritt und durch aufmerksame Betrachtung erst aufgedeckt werden will.
Das Thema des Fließens und Einrollens, das man beim Annähern an Santa Maria Goretti Church erkennen konnte, wiederholt sich auch im Innern. Aber das Fließende begegnet einem hier nicht nur wie erwartet an der Wand, sondern ist befestigt an der fünften Fassade, der Decke. Hier hängen in einer Höhe von 16 Metern lange tüll- oder chiffonartige Stoffe, die wie bei einer Gardine Wellen schlagen und dabei dreidimensionale Schlaufen bilden, die den Anblick der Decke fast völlig verschleiern. Die Textilskulptur, die sich gleichsam an die Bauskulptur schmiegt, ist grandios und doch nicht erdrückend. Sie lässt Luft und natürliches Licht über die dafür präparierte Deckenkonstruktion hindurch. Ihre weiße Farbe spiegelt das strahlende Weiß der Fassade wider. Zugleich schafft sie im Innenraum einen Kontrast zur sandfarbenen, rauen Behandlung der Wände.
So zeigt sich diese Kirche nach außen hin glatt-nüchtern, konkav-konvex, schlicht und dekorativ und im Innern gibt sie sich zugleich erdig-warm, luftig-erfrischend und hart und weich. All das erzeugt reizvolle Gegensätze und Bewegtheit, womit sie ganz der Manier des Barock folgt, von dem sich Mario Cucinella leiten ließ.




Architektur und Design können Katalysatoren für positive Veränderungen sein. So beginnt die Themenerläuterung des WAF 2023. Auch im Weiteren ist der Text sehr breit gefasst und offen für vieles. Diese vier Projekte zeigen ganz konkret (das eine mehr, das andere weniger), wie vielseitig Katalyse in der Welt des Bauens und Formens denkbar ist, wie sich die Erfordernisse der Umwelterhaltung in ästhetische und regional interessante Entwürfe und Erfindungen verwandeln lassen, kurzum wie viel in Bewegung gesetzt werden kann, sei es über den Weg der alten Barockkirchen Italiens oder der traditionellen Austernfarme Thailands. ♦
Besonderer Dank geht an v2com und Caro Communications.
¹ https://www.planning.org.sg/xshare/KnowledgeProject-TanChengSiong-R1.pdf; letzter Zugriff 20.11.2023


