Bulgari von MVRDV
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BULGARI BRILLIERT MIT JADE À LA MVRDV

Bulgari verleiht seinem Geschäft in Shanghai ein neues Gesicht: eine grün-glühende Fassade. Wie ein jadegleiches Geschmeide macht es der traditionsreichen Luxusmarke alle Ehre und ist dabei überraschend nachhaltig

7. Januar 2022 | Özlem Özdemir

 

B

ulgari ist ein Luxusschmuckhersteller mit weltweit verstreuten exklusiven Filialen. Einer dieser Flagship-Stores befindet sich im Shanghai Plaza 66, ein beliebtes Einkaufszentrum der chinesischen Metropole. Cartier, Chanel, Dior und viele andere stehen nebeneinander und wetteifern mit ihren Toren, locken Flaneure und Einkaufslustige von den Straßen. Seit 2021 stiehlt Bulgari den Nachbarn die Show. Seine Strategie: eine neue Fassade von MVRDV.

Das niederländische Architekturbüro MVRDV liebt das Innovative und das Gewitzte. Und Fassaden sind ihr Aushängeschild dafür. Ablesbar im wahrsten Sinne des Wortes ist das an einem ihrer Projekte in Deutschland, WERK12. Der öffentliche Bau verblüfft mit einer Gebäudehülle voller geschosshoher Buchstaben. (Die comicartigen Ausrufe wie „ah“ und „oh“ zeugen von einem cleveren Humor, der weiß wie man Architektur populär macht.) Es ist unübersehbar: In Sachen urbane Attraktionen ist das Büro gut trainiert. Und besonders in der Modebranche sind Flagship-Stores in Art von MVRDV en vogue. Für Hermès etwa zauberte das Büro für einen bestehenden Altbau in Amsterdam eine durchsichtige Fassade aus Glasziegeln. Sie gaben ihm den wohlverdienten Namen Crystal Houses. Es geht dabei aber auch um ökologische Belange. So sind alle Glasbauteile von Crystal Houses vollständig recycelbar. (Das zeigte sich bereits bei ihrer Entstehung: Wenn einige Ziegelsteine nicht perfekt waren, konnte man sie einschmelzen und neu formen.)

Auch Bulgari Shanghai glänzt in Sachen Nachhaltigkeit und ist das aktuellste MVRDV-Novum. Dazu muss man wissen: Es ist schon die dritte Flagship-Store-Fassade in der Partnerschaft von MVRDV mit der italienischen Marke. Wie stellt sie sich also diesmal dar?

Zunächst ein Überblick: Die überwiegend grüne Fassade weist auf Straßenebene nur drei Öffnungen auf. Der obere fensterfreie Bereich ist ein durchgehender Schirm aus transluzentem Glas. Der Aufbau ist demnach zweigeteilt: Zuunterst betont eine große Tür mit zwei Flügeln aus durchsichtigem Glas die Mitte. Diesen Eingang flankiert jeweils eine Vitrine von ähnlichem, nur kleinerem Format. Alle drei Elemente sind umrahmt von schmuckartigen Fenstergesimsen aus Messing und Glas. Damit setzen sie sich von der beigen Wandoberfläche ab. Das Glas dieser einrahmenden Portale fungiert wie ein Accessoire und ist von einem leicht melierten Grün. Die Eingangszone schließt ab mit einem gebäudebreiten flachen Kanapee. Oberhalb davon macht sich das ornamenthafte Portalmotiv selbstständig. Befreit von ihrer Funktion als Gesims verwandelt es sich in massive Linien aus Messing, die sich verschachteln und überlagern. Das Gebilde ist von gleichbleibender Tiefe und hat etwas von einem Labyrinth, einem Gewebe, einer Zellenstruktur (wie sie etwa bei Emaillierungen vorkommt). Die symmetrische Grafik erinnert aber vor allem an Art déco, ein Stil, der sowohl das Bulgari-Geschäft von 1905 in Rom (Via dei Condotti 10) als auch die Architekturgeschichte von Shanghai prägt. Ebenso unverkennbar ist die Nähe zur chinesisch-orientalischen Ornamentik und Kultur, Letztere durch die farbliche Anspielung auf Jade, dem Stein, der für die Chinesen voller Bedeutung ist. (Auch wenn Jade in unterschiedlichsten Farben vorkommt, Jadegrün gilt als besonders charakteristisch.)

jadegrüne Fassade von Bulgari in Shanghai von MVRDV
Courtesy of MVRDV // Photo © Bulgari

 

Von Glücksbringer bis zur Mumifizierung: Jade ist begehrt. Aber das Architekturbüro kombiniert das steinern wirkende Fassadenglas mit goldfarbener Messingverzierung für einen ganz bestimmten Zweck; erst durch das Duo beider Materialien kommt es zur entscheidenden Assoziation, zum Eindruck von Edelsteinschmuck. Damit signalisiert das Geschäft nach außen hin, was es im Innern zu bieten hat.

Die Fassade von Bulgari führt vor, was dekorative Kunst oder Kunsthandwerk und damit auch das Metier der Juweliere ist – und was es sein kann. Zum Beispiel hat es Architekturpotenzial. Bemerkenswert ist außerdem, dass MVRDV – anders als ihre Bulgari-Fassaden in Bangkok und Kuala Lumpur – den Entwurf für Shanghai symmetrisch aufbaut. Die Fassade strahlt dadurch eine größere Ruhe und Erhabenheit aus. Eine entsprechende Pointe sind die Portal-Motive, die eine deutliche Sprache sprechen, die Sprache der Tempel und Paläste.

Tritt man näher an die Fassade heran, ahnen selbst Laien: Das Glas ist kein herkömmliches. Es handelt sich um gesintertes1 grünes Glas mit transluzenter Oberfläche. Bei Beleuchtung erstrahlt die Struktur des Glases und verrät, dass es ein Recyclingprodukt ist. MVRDV nutzt übrig gebliebene Champagner-, Bier- und andere Glasflaschen. Im Konglomerat verlieren die Scherben ihre scharfen Kanten; die verschiedenen Glassorten überlagern sich und gehen ineinander über. (Hersteller ist die deutsche Glaskeramik-Firma Magna.) Laut Büro steht das Projekt für das Ziel, Geschäfte zu entwerfen, die zu 100 % aus Materialien der Kreislaufwirtschaft bestehen. (Dem umweltfreundlichen Anspruch entspricht auch die Hintergrundbeleuchtung; sie verbraucht die geringstmögliche Energiemenge, zumindest weniger als die Hälfte der Energie einer vergleichbaren Installation.)

Fassade von MVRDV in Shanghai Fensterrahmendetail
Courtesy of MVRDV // Photo © Xia-zhi
MVRDV Materialexperimente mit gebrauchten Flaschen
Courtesy of MVRDV
Produktion von nachhaltigem Fassaden-Material aus grünen Flaschen
Courtesy of MVRDV
Bulgari Shanghai nachhaltiges Glas für Fassade
Courtesy of MVRDV
MVRDV Materialproduktion für nachhaltige Fassade in Shanghai
Courtesy of MVRDV
Fassadendetail
Courtesy of MVRDV

 

Materialexperimente sind ein wichtiger Faktor bei MVRDV. Die „Spielfreude“ beherrscht aber auch den Prozess der Formfindung, den Entwurf. MVRDV ist offen für unverhoffte Inspirationen. Um mit einem letzten Beispiel auszuholen, sei verwiesen auf ihr Projekt Depot Boijmans Van Beuningen. Als man eines Tages den Entwurf für das Kunstdepot diskutierte, mit einem Umgebungsmodell auf dem Tisch, lag es plötzlich sehr nahe, die Büro-Zuckerdose auf das Grundstück zu setzen und als möglichen Konzept-Kandidaten zu erproben. Der Rest ist Geschichte: Der alltägliche Gebrauchsgegenstand stieg auf zu dem Depot von Rotterdam.

Zurück zum Standort Shanghai: Um die Bulgari-Fassade besser zu verstehen, muss man ihre unmittelbare Umgebung beachten. Das Geschäft im Plaza 66 steht in der Nanjing Road, eine der quirligsten Einkaufsstraßen weltweit. Bei ihren allabendlichen Night Walks werden die Menschen von farbigen und dynamischen Illuminationen bombardiert – Gebäude verwandeln sich in Vehikel für Licht. Die Bulgari-Fassade hält bei diesem „flashigen“ Reigen mit, springt aber doch aus der Reihe. Hier steht nicht der Lichteffekt im Mittelpunkt. Der eigentliche Star ist das Material, das zum Objekt wird. Und die Fassade wird zum eingefassten Stein, der von innen heraus erglüht. (Die Hintergrundbeleuchtung bleibt dabei, auch im übertragenen Sinne, im Hintergrund.)

Bulgari Shanghai bei Nacht mit Hintergrundbeleuchtung
Courtesy of MVRDV // Photo © Bulgari
Bulgari Shanghai von MVRDV
Courtesy of MVRDV // Photo © Bulgari

 

Die Fassade als Objekt an sich, als etwas Unabhängiges vom Bauwerk: Das ist es, was das Shanghaier Bulgari-Geschäft hervorhebt. Abgesehen von Schmuck erinnert dieses Objekt jedoch auch – gerade bei Nacht – an einen Lampenschirm. Und von dieser Assoziation ist der nächste Schritt nicht weit zu Louis Comfort Tiffany. Tiffany war ein Glaskünstler des 19. Jahrhunderts, bekannt für seine Leuchten aus gelöteten Glastücken und seinen Vater, dem Inhaber von Tiffany & Co.

Damit kommt man um eines nicht herum: Frühstück bei Tiffany (ein lohnender Exkurs, der zu Bulgari zurückführen wird). Der Filmklassiker, der in New York spielt, hat eine ikonische Szene: Heldin und Held feiern einen verrückten Tag, probieren Sachen aus, die sie noch nie getan haben. Teil dieser Aktion: ein Besuch bei Tiffany in der 5th Avenue. (Gebaut wurde es 1905, interessanterweise im selben Jahr wie das Bulgari in der Via dei Condotti in Rom.) Das Filmpaar hat sogleich einen Plan, den Kauf eines Geschenks – etwas (für sie eigentlich) Unmögliches. Zum Thema Diamanten verkündet Holly Golightly: “I think they’re divine on older women, but they wouldn’t be right for me.” Sie weiß, Paul Varjak, der arme Schriftsteller an ihrer Seite, hat kein volles Portemonnaie und man einigt sich: Es darf nicht teurer sein als zehn Dollar. Eine ernste Herausforderung für den Verkäufer; aber sein Vorschlag in Form eines 14-karätigen Zahnstochers wird als zu unromantisch abgelehnt. Plötzlich entdeckt der Schriftsteller ein unauffälliges Schild auf dem Tresen: „Monogramming, Ten Dollars Extra.“ Der schöpferische Geistesblitz folgt sogleich. Ihm fällt ein, die Snacktüte in seiner Jackentasche beinhaltete eine kleine Prämie, einen billigen Ring. Er holt ihn hervor; der Verkäufer ist gerührt und bewundert die einfache Ware mit würdiger Miene: „Do they really still put prizes in Crackerjack boxes?“ Und er schließt mit den Worten: „That’s good to know. It gives one a feeling of solidarity … a continuity with the past and that sort of thing.”2

Genau zu dieser Sorte gehört auch die Bulgari-Fassade in Shanghai. Sie wurzelt unverkennbar im „altehrwürdigen“ Stil des Art déco des Hauses und ist doch – beim genaueren Hinschauen – auf moderne Art kreativ. Was hier funkelt und glänzt, ist nicht der Edelstein, sondern der Gedanke, ein simples Produkt zu veredeln. Eine komplette Fassade aus Jade wäre tatsächlich „göttlich“, aber es geht auch anders. Der Film mit Audrey Hepburn verhalf dem amerikanischen Juweliergeschäft zur Image-Werbung von emotionaler, aber auch pfiffiger Art. Ähnlich verhält es sich mit dem niederländischen Fassadendesign: Mit dieser Wahl bleibt Bulgari seinem Image als Traditionsmarke treu; sie bleibt nobel, aber nicht allein im materiellen Sinne. Sie begrüßt das Unkonventionelle und beweist Esprit – eine exquisite Eigenschaft, die selten ist in der funktionsbefrachteten Welt der Architektur. Tradition, so beweist das Projekt, schließt kühne Experimente nicht aus. Mit ihrer Fassade in Shanghai präsentiert Bulgari die Eigenschaften des Glamours und Luxus in einem intelligenten, umweltbewussten und damit zeitgemäßigen Licht. Jade aus Restflaschen herzustellen und wertzuschätzen ist erfrischend. Diese Filiale strahlt mit Selbstbewusstsein aus „Ich bin ein echter Bulgari“. (Und dabei spielt sie – und das ist ein reizvoller Nebeneffekt – mit den Phänomen Mimikry, Imitation und Fake.)

Eine Frage ist am Ende erlaubt: Wäre das Ganze mit all der technischen Raffinesse und suggestiven Ästhetik nicht auch geglückt mit Wasserflaschen pur – statt eines Mix aus Champagner und anderen Sorten? Es wäre konsequenter und vom Erfindergeist des besagten Paul Varjak gewesen, der aus einer Snacktüten-Beigabe ein wahres Kunstwerk erschafft. Es hätte dem High-Society-Elitärismus, der mit Bulgari verbunden ist, etwas „Volksnahes“ verliehen. Es hätte alchemistischer geklungen. Aber Jade aus Wasserflaschen erschien Bulgari wohl doch zu ordinär – oder nicht so prickelnd wie Schaumwein. So oder so, was bleibt ist der Sinn für versteckte Tricks und eine brillante Idee. Und nicht zuletzt steckt in dieser Fassade – dieser kleinen grünen Schwester des Bernsteinzimmers – auch ein Schuss Ironie: Sie gehört zu den seltenen Schmuckstücken von Bulgari, die unverkäuflich sind. ♦

 

 

¹ Beim Sintern werden unter Hitze und hohem Druck Ausgangsstoffe vermengt, welche sich ansonsten nur sehr schwer oder gar nicht zu einem neuen Werkstoff verbinden lassen.

² https://www.dailyscript.com/scripts/BreakfastatTiffany%27s.pdf; letzter Zugriff 7.1.2021