MVRDV transformiert mit Werk12 das Werksviertel in München

8. Dezember 2019 | ÖZLEM ÖZDEMIR

Werk12 von MVRDV ist seit Mai 2019 in Betrieb. Unweit vom historischen Zentrum und auf der einstigen Produktionsstätte von Pfanni wurde damit ein weiteres multifunktionales Bauwerk des urbanen Projekts Werksviertel-Mitte fertiggestellt. Mit seinen comicartigen Ausrufen ist es prädestiniert dazu „ansprechend“ zu sein und Identität zu stiften in einem Stadtquartier von München, das gewöhnt daran ist, sich immer wieder neu zu erfinden.

MVRDV_Werk12_© Ossip van Duivenbode
Courtesy of MVRDV / Photo © Ossip van Duivenbode

 

Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand. Das erklärte Franziska zu Reventlow in ihrem 1913 erschienenen Roman Herrn Dames Aufzeichnungen. Gemeint ist eines der berühmtesten Stadtteile Münchens, das direkt an den Englischen Garten grenzt und um die Jahrhundertwende als Treffpunkt der Bohème galt. Heute hätte sich die Schriftstellerin aufs Neue amüsiert beim Anblick der Transformation, die das ehemalige Pfanni-Fabrik-Gelände durchlaufen hat. Mit Werk12 ist in diesem Jahr eine Etappe mehr abgeschlossen. Ein weiterer architektonischer Zugang ist vollbracht im 39 Hektar großen urbanen Projekt in der Nähe des Ostbahnhofs mit dem (fast zungenbrecherischen) Namen Werksviertel-Mitte.

Kurz zur postindustriellen „Vergnügungsgeschichte“ dieses Areals: Zwischen 1996 und 2003 beherbergte es den sogenannten Kunstpark Ost. Von 2003 bis 2016 hieß es – verkleinert und weniger vielfältig und doch dem ehemaligen Geist verhaftet – Kultfabrik. Innerhalb dieser Zeit wehte hier der Wind der Parties und der Clubs. Es gab Einrichtungen mit phantasievollen Namen wie New York Tabledance, Titty Twister, Willenlos, Freudenhaus, Russendisko, Ultraschall usw. Diskotheken, Bars, Restaurants, Spielhallen, aber auch rund 60 Künstlerateliers und 30 Kleinunternehmen waren vertreten. Nahezu seriös nahm sich in diesem Kontext aus, dass man im Namen der Vielseitigkeit auch nicht davor zurückschreckte, ein Erlebniskraftwerk für Kinder und eine Schauspielschule in den Kreis aufzunehmen. Aber es half nichts. „Zehn Jahre Kultfabrik, zehn Jahre schlechter Ruf“ – so heißt es in einem Artikel von 2013¹.

Ideale Bedingungen für ein Büro wie MVRDV, das sich als Functionmixer und Regiomaker einen Namen gemacht hat. Als sich MVRDV 2014 an die Arbeit machte, war die Marke Werksviertel bereits geboren, die Kultfabrik aber noch nicht geschlossen. Alle Spuren aus vergangenen Zeiten waren noch da, bereit für architektonische Feldstudien und lokale Forschungen, die nicht selten zu wichtigen Impulsen für einen Entwurf führen. Industriespezifische Artefakte, die mehr oder weniger zu einer Kulisse umfunktioniert und artfremd dekoriert wurden: Grelle Farbkombinationen, klapprige Übergangslösungen, Schuppenarchitektur, Las-Vegas-Ambiente, Gleise in den Asphaltböden, Materialchaos, Rohre in den Lüften, Leuchtkörper, farbige Wandverzierungen, skulpturale Experimente. Schnell wurde klar: Man hatte es zu tun mit einem kunterbunten und heterogenen, provisorischen und wilden Hintergrund, der voller multi und kulti war. Die einst berüchtigte Münchner Feiermeile mit Fabrik- und Jahrmarktscharme und Hotspot der einheimischen Jugend wird aber nun schon seit 2016 (dank Werksviertel-Vision) mit neuen Bauwerken besetzt und, so könnte man sagen, ästhetisch gereinigt und gezähmt, modern aufgepeppt und gestylt. Mit im Bunde der Imageverwandlung: Werk12.

MVRDV_Werk12_© Ossip van Duivenbode
Courtesy of MVRDV / Photo © Ossip van Duivenbode

 

Der fünfstöckige kubenhafte Baukörper wurde von MVRDV aus den Niederlanden zusammen mit dem ansässigen Büro N-V-O Nuyken von Oefele Architekten verwirklicht. Es steht gleich nebenan von seinem Namensgenossen Werk 3, einem langgestreckten Riegelbau, der mit seinen Clubs und Bars und Ateliers bereits seit 2016 Nachtschwärmer und Künstler anlockt. Ganz anders das Mehrzweckgebäude von Jacob van Rijs, einer der Partner von MVRDV. Das Raumprogramm, mit dem sich der niederländische Architekt auseinandersetzen musste, nimmt sich (gemessen an seinem Nachbarn) harmlos und überschaubar aus. Gastronomie, Büro- und Fitnessnutzung auf einer Gesamtfläche von 7.700 m2 – das sind die nüchternen Funktionen und Fakten von Werk12.

Doch was sagt das Büro selbst zu Werk12? Ja, zweifelsohne, dieses Gebäude hat eine „einfache Form“ und eine „transparente Fassade“. Aber schnell wird nach diesen einleitenden Worten klar, dass beides nicht vor Komplexität schützt – sowohl nicht im Innern als auch nicht im Äußeren.

MVRDV_Werk12
Courtesy of MVRDV / Image © MVRDV
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Courtesy of MVRDV / Image © MVRDV

 

Zunächst zur der Innenwelt von Werk12: Der aus mehreren Schichten bestehende Kubus ist durchsetzt mit konventionellen Gebäudekernen, d.h. Treppenhäusern und Aufzugstürmen, und mit einer sog. Landschaft von Galerien. In dieser Landschaft sitzen mehrere Kuben. Die Raumfunktionen entfalten sich in und auf und um diese Kuben herum. Sie sind außerdem gerade hoch genug, um in sich selbst auch noch eine zweite Ebene anzubieten. Diese sowohl horizontal als auch vertikal verstreuten und versetzten kubischen Raumkörper sind also auf eine solche Weise aufgebaut und zugänglich gemacht und miteinander vernetzt, dass sie (so kann man sich vorstellen) das herkömmliche Gefühl für Geschosse verändern, auch wenn von außen betrachtet klar und deutlich fünf Etagen ablesbar sind.

MVRDV_Werk12_© Ossip van Duivenbode
Courtesy of MVRDV / Photo © Ossip van Duivenbode

 

Womit wir bei der Fassade angelangt wären. Hier sind es drei Konstruktions- und Gestaltungselemente, die dem Betrachter entgegentreten: (1.) Die umlaufenden, durchgehenden Balkone von 3,25 m Tiefe, die (2.) verbunden sind von äußeren Treppenläufen. Auf der Außenseite verglast und auf der Innenseite blickdicht abgeschlossen, stellen sie eine Raumart für sich dar, die nachts sogar gesondert beleuchtet werden muss. Vor allem aber übernehmen sie quasi einen zusätzlichen skulptural-statischen Part von Werk12: Wurm- oder raupenartig winden sie sich um das gesamte Gebäude und sorgen mit ihrer Diagonalität für eine dreidimensionale Aussteifung und ferner für eine Entlastung des Stützsystems. So kann der Innenraum freier aufgeteilt und gestaltet werden. (Laut MVRDV soll diese „öffentliche Route“, diese zweite Ebene vor der eigentlichen raumabschließenden Glasfassade, die Grenze zwischen Außen und Innen verwischen; zu diesem Zweck ist der Bodenbelag der Terassen vom selben Material wie die der Fußgängerebene.)

MVRDV_Werk12_© Ossip van Duivenbode
Courtesy of MVRDV / Photo © Ossip van Duivenbode
MVRDV_Werk12_© Ossip van Duivenbode
Courtesy of MVRDV / Photo © Ossip van Duivenbode

 

Und (3.) erhält der Entwurf seinen charakteristischsten Zug mit Hilfe der Fassade. Die Balkongeländer (die übrigens nur mit maschendrahtähnlichem Material gefüllt sind) werden streckenweise „verstärkt“ durch fünf Meter hohe, leuchtfähige Buchstaben, die sich bei Nacht als hellblaue, türkisfarbene, weiße und gelbliche Grafikgebilde entpuppen. Entwickelt wurde dieses „Ausdrucksvokabular“ von den lokalen Künstlern Christian Engelmann und Beate Engl. Bei den Buchstabenkompositionen ließen sie sich inspirieren von deutschsprachigen Donald Duck Comics. Steht das zuoberste „AAHHH“ nicht für den entzückten Ausruf eines Spaziergängers auf dem Dach des Hauses, der den Ausblick genießt? Soll das „PUH“ für die Atemlosigkeit der fitnessgeplagten Gäste stehen? Fest steht: Der Esprit soll unübersehbar sein. Zu fragen wäre aber dennoch, ob für einen espritvollen Effekt die Mittel nicht allzu markant, reichlich plakativ und übertrieben offensichtlich sind. Jedoch ist der Zweck vielleicht sogar noch simpler: So wie der von MVRDV entworfene Expo-Pavillon von 2000 in Hannover ein Besuchermagnet gewesen war, ist auch hier im Werksviertel eine Art von Attraktion oder Publikumsliebling gewünscht. Aber dazu später mehr.

Zurück zu den Sprechversuchen von Werk12: In dieser Aneinanderreihung von geschosshohen Buchstaben steckt auch ein Schuss von Nostalgie, oder sagen wir, eine Erinnerung an die ehemalige Graffiti- und Beschilderungs-Kultur der früheren Entertainment-Epochen des ehemaligen Industriegeländes. Eine wenn nicht formelle und ehrfurchtsvolle, so doch eine lebendige und heitere Hommage. Der Buchstabentaumel findet übrigens auch in den Wandelementen der Innenräume seine Fortsetzung: So erhält die Schwimmanlage die naheliegende, und tatsächlich den Beckenrand begleitende, Beschriftung „Water“ (eine geradezu „trockene“ Feststellung).

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Courtesy of MVRDV / Photo © Ossip van Duivenbode

 

Bei dieser Gelegenheit ein kurzer Überblick über die Raumfunktionen: Das fünfstöckige Gebäude beginnt sein Repertoire im Erdgeschoss mit Restaurants und Bars. Die Büros von Audi Business Innovations ergatterten das Dachgeschoss. Und dazwischen gelegt wurde eine dreistöckige Turnhalle, wovon ein Geschoss allein dem Swimmingpool gehört. All das von außen betrachtet wirkt wie eine großzügige Staffelung von hohen Räumen, die vielfältig miteinanderverknüpft sind und genau diese Beobachtung erinnert an ein ganz besonderes Werk des Büros, um das es im Folgenden gehen soll.

Laut Projekttext des Büros ist dieser Entwurf nichts anderes als eine spielerische Referenz zu einem der berühmtesten frühen Projekte von MVRDV, dem niederländischen Pavillon auf der Expo2000 in Hannover. So offenherzig und entwaffnend dieses Bekenntnis klingt, so unnachgiebig sollte man nachfragen: Warum sieht dieses Gebäude wie ein direkter Nachfahre des bekannten Expo-Gebäudes aus? Hatte möglicherweise der Bauherr und Oberhaupt der Pfanni-Dynastie Werner Eckart schon immer davon geträumt, dieses ehemalige temporär genutzte Gebäude wieder auferstehen zu lassen? Auch wenn etwas dran sein könnte, Scherz beiseite. Und apropos: Auch wenn MVRDV zu ihrer Haltung steht, dass „Spass“ ein wichtiger Inhalt ihrer Architektur und ihrer Arbeitsweise ist, darf man sich trotzdem ernsthafte Gedanken machen, darf man unterstellen (und hoffen), dass es bei diesem Projekt mehr als um „Verspieltheit“ geht.

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Courtesy of MVRDV / Image © MVRDV

 

Und tatsächlich: Eigentlich ist es gar nicht schwer herauszufinden, woran diese Entscheidung lag, aus einem Expo2000 das Werk12 zu züchten. Beide Projekte haben ähnliche Rahmen. Und zwar besteht dieser nicht nur aus einem zugewiesenen Grundstück, sondern auch aus einem ganzen Areal, d.h. einem architektonischen Präsentierteller. Bei dem ersteren war es das Expo-Gelände, wo sich eine Nation mittels Architektur darstellt, beim zweiteren ist es ein ehemaliges Gewerbegebiet, eine spätere Vergnügungsstätte und heute nun ein Werksviertel, wo sich einzelne Firmen mit ihren Bauwerken hervortun und damit, ganz nebenbei, eine urbane gute Tat vollbringen. In „Sachen Areal“ hat dieser Standort, wie bereits geschildert, Karriere gemacht und hat sich vielleicht einen Ausstellungcharakter verdient. Oder anders ausgedrückt: Der Weg der Selbstdarstellung, des Sichherausputzens ist vielleicht die letzte Rettung, um zu einer höheren kulturellen Reputation zu gelangen.

Gewieft ist dieses entwerferische Vorgehen der Persiflage dennoch. Schließlich steckt in dieser Ähnlichkeit oder (Eigen-) Referenz auch ein Schuss von Ironie. Denn ist es nicht interessant, wie man einen Erfolg erfolgreich wiederholen und verwerten kann? Fest steht, dass das Werk12 in der allgemeinen Bevölkerung positiv aufgenommen wurde, auch wenn hier und da die Andeutung auftaucht, dass es sich bei Werk12 um eine recycelte und verpflanzte Idee handelt. Trotzdem: Aus diesem Entwurf spricht ein erfrischender Sinn für Humor. MVRDV, so scheint es, pflegt eine offene Geisteshaltung, eine Philosophie von Neugier und Spielfreude. „We have an optimistic vision of architecture, we always think ‘why not?’ Our attitude is that everything is possible. Things can be different.” Das betont Jacob van Rijs 2011 in einem Interview².

Unglaublich aber wahr und „mal-was-anderes“ ist auch die Adresse, die schlicht und einfach lautet: Knödelplatz. Was Franziska zu Reventlow dazu gesagt hätte? Werk12 ist kein Gebäude, sondern ein Zustand!

 

¹ https://www.jetzt.de/jetzt-muenchen/durchlauferhitzer-573966
² “conversando con… MVRDV” – Esther González Aurignac und Tom Mossel: http://hdl.handle.net/10251/19005

Kommentar

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Courtesy of MVRDV / Jacob van Rijs – MVRDV / Photo © Barbra Verbij

 

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