Bilgin Architects
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LANG/BAUMANN:
LUFT MACHT, WAS SIE WILL

Lang/Baumann oder L/B, wie sich Sabina und Daniel auch nennen, erforschen seit Jahrzehnten das visuell-räumliche Potenzial von architektonischen, urbanen bis hin zu sportiven Elementen. Das Schweizer Künstlerpaar berichtet davon, wie es mit Farben, Luftschläuchen und mehr die Welt gestaltet – Weltraum nicht ausgeschlossen.

23. April 2024 | Özlem Özdemir

 

FREI VON GESTUS UND GRENZEN

Sabina und Daniel, im Vergleich zu anderen Künstlerpaaren verschmelzt ihr bis zu dem Grad, dass von euren Nachnamen nur noch ein L und ein B übrig bleibt: L/B. Was bedeutete euch dieses Kürzel?

Daniel Baumann: Es ist reizvoll, sich hinter einem solchen Label zu verstecken. Es wird ja in der Kunst gerne das Bild gepflegt, dass der Künstler ein Genie ist. Aber bei einem Label ist die Situation anders. Ein Label selbst kann nicht genial sein. Uns gefällt es, uns ein bisschen zu verstecken und dadurch der Kunst selbst dazu zu verhelfen, sich hervorzutun.

Sabina Lang: Ein bisschen auch wie bei  Musikern, die oft zusammenarbeiten. Das hat uns zu Beginn auch sehr geprägt, da viele Freunde von uns Musiker waren.

Allerdings, wenn ihr sagt L/B sei ein Label: Ist es auch ein Freischein für serielle Produktion?

Daniel Baumann: Ja, wir vermeiden den Gestus. Wir wollen eigentlich verbergen, wie das Kunstwerk entstanden ist. Der Prozess soll nicht sichtbar sein. Dazu gehört auch, dass Imperfektionen ausgemerzt werden und diese perfekte Oberfläche führt dazu, dass man überhaupt nicht mehr die Hand des Künstlers sehen kann.

In eurer Kunst gibt es diverse Grenzüberschreitungen nicht nur innerhalb der künstlerischen Disziplin an sich, wie Installationen, Malereien, Skulpturen, Lichtobjekte, Reliefs usw., sondern auch zwischen den unterschiedlichen Disziplinen Kunst, Architektur und Design. Passend zu diesem Expansionsdrang heißt euer im Mai erschienene Buch „More is More1.

Sabina Lang: Schon von Beginn an haben wir ganz verschiedene Linien gleichzeitig verfolgt: Arbeiten mit Schrift, Fotografie oder Installationen. Ich glaube nicht, dass wir uns permanent ausdehnen. Wir haben uns nur einen weiten Rahmen gesteckt…

Indem das eine zum anderen führt?

Sabina Lang: Ja, genau. Die aufblasbaren Wörter waren eine Weiterentwicklung der Schriftarbeiten und diese wiederum haben wir weiterentwickelt zu abstrakten grafischen Formen, die zu den Schlauchkonstruktionen mutierten, wie wir sie heute verwenden.

 

VERTRÄGT’S NOCH MEHR? DAS BAROCKE AN LANG/BAUMANN

Die Attribute, mit denen man eure Arbeiten beschreibt, gehen von sportiv, verspielt, über poppig, schnittig, elegant bis dekorativ. Wow-Effekt, Humor, unverhohlene Schönheit, Traum und Wirklichkeit und Wahrnehmungsverwirrungen sind weitere Versuche. Wie erklärt Ihr euch dieses Phänomen?

Sabina Lang: Ich denke, mithilfe solcher Etiketten will man von außen kategorisieren. Wir versuchen, dem Betrachter durch Farbigkeit oder Architekturelemente einen leichten Einstieg zu ermöglichen. Dann erst werden weitere Ebenen dahinter entdeckt, die in diesen Zuordnungsversuchen weniger dominant vertreten sind.

Daniel Baumann: Ein Punkt, der uns auch interessiert, ist Masse, die kaum mehr erfassbar ist und extrem wuchtig. Wenn etwas sehr schön ist und gleichzeitig monströs groß, dann gibt es da einen Widerspruch. Wir schätzen es, solche Spannungsfelder zwischen Dingen zu entwickeln, die eigentlich nicht zusammenpassen. Wir arbeiten aber so lange daran, dass es sich irgendwie verträgt und dass man am Schluss komplett konträre Sichtweisen darauf haben kann.

Sabina Lang: Zum Beispiel bei der Installation Comfort #12 im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen (2013). Dort haben diese monströsen Röhren aus einer dünnen Textilmembrane den Raum fast gänzlich besetzt. Gleichzeitig war es aber offensichtlich, dass es ja nur Luft ist und dass man nur den Stecker zu ziehen braucht und dann ist alles weg. Also gibt es da eine Balance zwischen einer großen Künstlichkeit und einem Respekt vor dem Ort, der nicht für immer besetzt wird.

Ich würde gerne einen ganz persönlichen Begriffsvorschlag machen für den Stil und zwar habe ich gedacht, dass Ihr eigentlich auch ein wenig barock seid.

L/B: (lachen) Genau!

Ihr seid bewegt, ihr habt Dynamismus, ihr erweitert euch ständig organisch, es gibt gegenseitige Durchdringungen von verschiedenen Disziplinen usw. Selbst diese typisch barocke Lebensfreude passt zur Ausstrahlung eurer Arbeiten. Nicht zu vergessen die Üppigkeit.

L/B: Ja!

Daniel Baumann: Gerade mit der Üppigkeit können wir gut leben. Es gibt sehr viele Künstler, die sich eigentlich endlos darüber Gedanken machen, wie sie mit noch weniger Mitteln das Gleiche aussagen können und wir fragen uns andersherum: Verträgt’s noch mehr? Können wir eine weitere Facette hinzufügen? Wir wollen viele verschiedene Sichtweisen auf unsere Kunst anbieten, die alle richtig sind, aber sich auch widersprechen können. Opulenz empfinden wir von daher überhaupt nicht als etwas Negatives.

 

LANG/BAUMANN UND IHRE ÄSTHETIK VON SPORT UND SPIEL

Kommen wir zu einer älteren Arbeit von euch, das Foto Sport #1. Wir sehen auf der einen Seite Sabinas angedeutete Rollerückwärts, auf der anderen Daniel in seiner Denkerpositur à la Rodin. Hier kindlich-empathischer Nachahmungstrieb, dort Analyse. Mitten drin eine Spielrennbahn, die man vor diesem Hintergrund als ein Yin-Yang-Zeichen lesen kann; eine Andeutung, dass diese beiden Herangehensweisen, die ihr darstellt, untrennbar sind wie im übrigen ihr selbst durch eure Arbeit untrennbar seid. Darf man dieses Foto als ein künstlerisches Statement deuten?

Daniel Baumann: Ich glaube, das können wir voll und ganz unterschreiben. Die Endlosschlaufe beschreibt außerdem noch die Unendlichkeit, in der alles drin ist. Sie ist wie die Acht, die nach einem bestimmten Maß an Fortschritt dort ankommt, wo alles angefangen hat. Es geht auch um die Frage, was kann in einem Umfeld, wo man sich immer auf den gleichen Spuren befindet und das Feld schon abgesteckt ist, noch Erfindung und Innovation sein.

Ihr tragt auf diesem Foto Trainingsanzüge. Was bedeutet euch dieser Sportaspekt?

schweizer Kuenstlerpaar Sabina Lang und Daniel Baumann auf einem Foto-Kunstwerk
Lang/Baumann // Sport #1, 1996 // Foto © L/B

 

Sabina Lang: Sport und seine Ästhetik interessiert uns bis heute. Wir haben z. B. diese Zeichnungen auf Fußballfeldern (Wankdorf, 1999, Dynamo Kyiv, 2001) gemacht, weil es eine Parallele gibt zur Kunst im Sinne von Spiel und Regeln. Als Künstler setzt man sich ja seine eigenen Regeln, die dann auch eingehalten werden müssen. Das Foto Sport #1 entstand 1996 und in den 90er-Jahren war Techno-Zeit. Man trug oft diese Trainingsanzüge, zumindest die Jacken. Eigentlich wurden diese ganzen Sportkleider zweckentfremdet, in eine andere Freizeitdomäne übertragen und dieses Verschieben, das hat uns interessiert. Mit Sport hat das schlussendlich nicht mehr viel zu tun.

Linien-Kunstwerk von Lang/Baumann auf einem Sportfeld in Wankdorf
Lang/Baumann // Wankdorf / Wankdorf Stadion, Bern CH, 1999 // Foto © L/B

 

Dafür aber offensichtlich mit Spiel. Inwieweit hat das Verspielte und das Spielerische eine Bedeutung für das Lebensgefühl von Lang/Baumann?

Sabina Lang: Es gibt oft das Missverständnis, dass Spielen etwas ganz freies sei und dabei ist es wichtig, innerhalb eines abgesteckten Feldes Regeln aufzustellen. Man kann auch sagen, dass unser Lebenskonzept einem Spiel entspricht. Aber es handelt sich auch hier um ein Spiel, in dem man sich gegenseitig immer wieder an die Grenzen erinnert, daran, wann man das Feld verlässt und wann die Regeln geändert werden.

Daniel Baumann: In der Schweiz wurden wir in dieser Zeit auch immer wieder daraufhin angesprochen, dass man unsere Kunst ja gar nicht ernst nehmen könnte, weil sie verspielt sei. Spiel und Kunst wurde als Widerspruch empfunden. Wir wollten diesen Widerspruch sichtbar machen, indem wir eine übertrieben verspielte Arbeitsweise entwickelt haben.

 

VON ORTEN UND GESCHICHTEN

Typisch für euch ist auch das, was Ihr als das ortsspezifische Arbeiten bezeichnet. Spielen bei Auslandsprojekten auch kulturelle Aspekte eine Rolle?

Sabina Lang: Wir haben natürlich unsere eigene Sprache, mit der wir kommen. Bei der Arbeit Spiral #3, die wir dieses Jahr (2013) in Valparaiso in Chile gemacht haben, waren wir erst vor Ort und haben gesehen, dass diese Stadt sehr steil an den Hang gebaut ist und über etwa zwanzig Lifte verfügt, von denen ganz viele seit langem außer Betrieb sind. Die meisten sind kaputt, was ein lokales Problem ist und die Bevölkerung wäre natürlich froh, wenn sie wieder funktionieren würden.

Die Skulptur, die wir am Ende für diesen Ort gebaut haben, ist dynamisch im weitesten Sinne. Sie vollzieht eine Art von abstrahierter Schneckenbewegung, eine Spirale, die sich auf den Schienen eines stillgelegten Liftes hinauf oder herunter windet und erinnert an die ehemalige Liftkabinenbewegung. Die lokale Bevölkerung war begeistert und freute sich über diese Arbeit, die auf ein Problem hinweist, welches man in Zukunft gerne lösen würde.

große weiße Installation in einer Stadt in Chile

große weiße Installation in einer Stadt in Chile
zu den oberen zwei Bildern: Lang/Baumann // Spiral #3 / Holz, Farbe / 3.6 x 3.6 x 18 m / Gruppenausstellung: 2013, „Of Bridges & Borders“ Monjas, Valparaiso CL / Kuratiert von Sigismond de Vajay // Mit freundlicher Genehmigung von L/B // Fotos: Antonio Corcuera

 

In Spiral #3 findet man auch eines eurer Grundgestaltungsmittel wieder und zwar das Linienmotiv.

L/B: Ja, genau.

Sabina Lang: Dazu gibt es auch noch eine Geschichte, die sie uns später in Chile erzählt haben. Eine alte bekannte Legende von zwei Schlangen: Eine war im Meer und die andere an Land. Die eine war schwarz und die andere weiß und beide haben sich bekämpft. (lacht) Ich fand das interessant. Wenn man also eine Situation ernst nimmt, wenn man sich darauf einlässt, sich Gedanken macht und wirklich alles durchspielt, dann ist so etwas offensichtlich möglich. Das sind Zufälle, aber es sind schöne Zufälle, wenn darin sogar Geschichten Platz finden, die es bereits gibt.

 

3D-GRAFFITI, KALLIGRAFIE UND CHAOS

Und so kommt das Kulturelle auf einmal von ganz alleine mit hinein … Apropos Linienmotiv, dieses Geschwungene, aber auch Ineinanderverschränkte, Verwobene und gleichzeitig Dynamisch-Dekorative in euren Arbeiten erinnert manchmal an Graffiti und Kalligrafie. Z. B. wirkt Comfort #4 (2010) für die Nuit Blanche in Paris wie ein dreidimensionales Graffitiobjekt, ein sogenanntes Piece.

Schlauchkonstruktion an einer Haeuserfassade von Lang Baumann

Schlauchkonstruktion an einer Haeuserfassade von Lang Baumann
zu den oberen zwei Bildern: Lang/Baumann // Comfort #4 / PVC beschichtetes Gewebe, Schläuche, Gebläse, Licht / 9 Schläuche zwischen 50 und 67 m Länge, Durchmesser 95 cm / Gruppenausstellung: 2010, „Nuit Blanche“ Ecole Elementaire de Belleville, Paris F / Kuratiert von Martin Bethenod // Fotos © L/B

 

Sabina Lang: Dass sich diese Schläuche aus der Schrift entwickelt haben, ist sicher zutreffend. Zufälligerweise ist dieses Quartier Belleville ein kleiner „Chinatown“, wo es viele chinesische Restaurants gibt und uns ist tatsächlich aufgefallen, dass unsere Arbeit etwas von einer chinesischen Schrift hat. Einen Bezug zu Graffiti oder Kalligrafie haben wir zwar nie bewusst angestrebt, es gab aber immer einen Bezug zu grafischen Elementen, zu Schrift im Sinne von etwas Lesbarem.

Daniel Baumann: Linien beinhalten eine Dynamik und bringen ein wildes Element rein. Die Fenster bei Comfort #4 hatten jeweils vier Öffnungen und man musste über die ganze Fassade hinweg immer zweimal rein und zweimal raus. Man hat ewig lang geknobelt, bis sich dieses Chaos in das Raster eingebettet hat. Für den Betrachter sind beide Elemente enthalten, einerseits die Ordnung der Fassade und das Chaos der Schläuche.

Und es ist nicht irgendein Chaos, es ist ein ästhetisches Chaos.

Daniel Baumann: Ja. Das Chaos soll nicht so sein, dass man es einfach nur anguckt und sagt.: „Ok, das begreif ich jetzt halt nicht.“ Dann wäre man zu weit gegangen. Wir treiben es bis zu diesem Punkt, wo man immer noch den Mut behält, dieses Chaos auch verstehen zu wollen.

 

LANG/BAUMANN: WIR SIND KEINE DIENSTLEISTER ODER GLÜCKSBRINGER

Themensprung zu eurer Nähe zu den 60er und 70er-Jahren. Supergraphics war damals ein großes Thema. Habt Ihr euch damit beschäftigt?

Sabina Lang: Supergraphics hat ja den Anspruch des „Totalintegralen“. Es gibt in den 70er-Jahren Do-it-yourself-Bücher, womit man sich z. B. selbst Sofas bauen oder ganze Räume gestalten kann. Immer mit dem Anspruch, dass ein Element von der Wand sich weiterzieht bis ins Sofa hinein und dann auf den Teppich übergeht usw. Das ist etwas, was uns interessiert, dieser totale Anspruch, alles miteinzubeziehen.

Vom französischen Farbdesigner Jean-Philippe Lenclos gibt es ein sehr interessantes Zitat: „I was fascinated by the graphic elements I found in the urban landscape, such as signs and road markings on the street.”2

Das erinnert verblüffend an den Ulmbergtunnel in Zürich, wo ihr eine Mittellinie aufgegriffen habt, auf der der gesamte Entwurf letzten Endes basiert. Wollte man eure Malerei eigentlich auch dazu nutzen, um vor irgendwelchen gesprayten Verunzierungen oder ähnlichem zu schützen?

Daniel Baumann: Ja, der Ursprung war tatsächlich, dass dort ein langer grauer Fußgängertunnel war und die Stadt gegen die Graffitis kämpfte. Sie haben Künstler zu einem Wettbewerb eingeladen, die etwas für die Wände entwerfen sollten, um den Raum zu beleben, aber ebenfalls um das Graffiti-Problem zu lösen. Um uns nicht in einen Kampf mit den Sprayern zu begeben – die ja nicht einfach wegbleiben würden –, entschieden wir uns für den Boden.

Man nimmt ja solche Aufträge gerne an, doch wenn man dann liest, sie hätten diese oder jene Maßnahme, die alle nichts bewirkten, ausprobiert und jetzt als letzte Lösung: „Probieren wir’s noch mit Kunst!“. (Lacht) Wir sind doch keine Dienstleister und schon gar nicht irgendwelche Hoffnungsträger oder Glücksbringer. Nebenbei gesagt, die publizierten Bilder sind direkt nach der Fertigung entstanden, da ist alles tadellos. Aber da es im Tunnel auf diesen Straßenbelag nie regnet, kommt auch der Schmutz nie weg. Dadurch geht viel von diesem Anfangsglanz verloren, aber es gewinnt auch etwas anderes, es ist dann so mitten drin im Alltag.

Street Painting in einer Unterführung in Zürich

Street Painting im Look des Super Graphic in einer Unterführung in Zürich
zu den oberen zwei Bildern: Lang/Baumann // Street Painting #3 / Strassen-Signalisationsfarbe / 171 x 3.5 m / 2012, Fussgänger- und Velo Unterführung Ulmbergtunnel, Zürich CH / Auftraggeber: Stadt Zürich // Fotos © L/B

 

Bei der Gelegenheit: Was ist das für eine Farbe?

Sabina Lang: Es ist eine Beschichtung, die aufgerakelt wird.

Daniel Baumann: Für unsere gelben Streifen wollten wir eigentlich dasselbe Gelb nehmen wie bei der ehemals vorhandenen Mittellinie, aber die Polizei untersagte ein identisches Gelb wie es im Verkehrsbereich angewendet wird. (Lacht) Wir nahmen den nächsten Farbcode in der Reihe, der nahezu gleich aussah.

 

EIN PROJEKT IST PER SE IMMER EINE NOT!

Lang/Baumann ist auch bekannt für architektonische Themen wie Fassaden, Wandgestaltungen von Innenräumen, speziell Treppenhäuser, Eingangshallen und auch Schlauchkonstruktionen, die manchmal sogar ganze Gebäude durchdringen, umhüllen oder auch verzieren.

Daniel Baumann: Erstmals haben wir diese Schläuche für die Villa du Parc verwendet (Comfort #4, 2007). Die Einladung bestand darin, eine Ausstellung für die 13 Räume zu konzipieren. Es widerstrebte uns jedoch, dort 13 verschiedene Arbeiten zu zeigen. Wir suchten also einen Weg, wie wir alle Räume mit einer Installation verbinden sowie in einen Dialog mit dem Außen treten konnten.

Also ist dieses Schlauchkonzept aus der Not heraus entstanden?

Daniel Baumann: Ein Projekt ist per se immer eine Not!

Schlauchkonstruktion, die ein ganzes Haus durchdringt, von Lang Baumann

Kunst-Installation mit Schläuchen
zu den oberen zwei Bildern: Lang/Baumann // Comfort #4 / PVC beschichtetes Gewebe, Schläuche, Gebläse / 4 Schläuche zu 50 m, 3 Schläuche zu 66 m, Ø 95 cm / Einzelausstellung: 2007, „Comfort #4″ Villa du Parc, Annemasse F / Kuratiert von Karine Vonna // Fotos © L/B

 

Wie kann man solche Projekte überhaupt „kontrollieren“? Wie muss man sich die praktische Seite bei diesen Schlauchkonstruktionen vorstellen?

Sabina Lang: Die Konstruktionen an sich sind eigentlich einfach. Man nimmt eine Plane und macht eine Längsnaht. Kompliziert ist die Planung: Wie viele Meter braucht es, um von da nach da zu kommen, welcher Verlust entsteht für Einwebungen und Verknotungen, wie etwa bei der Fassade in Madrid (Comfort #6, 2008). Wir machen Tests anhand von Modellen mit kleinen Schaumstoff-Würstchen. Danach werden die Ergebnisse in die Pläne übertragen, um die ganzen Aufhängevorrichtungen einzurechnen.

Daniel Baumann: Wir machen auch Prototypen. Für das Projekt in Madrid haben wir eine 20 m lange Wurst produziert und dann an der Fassade von unserem Atelier ein Baugerüst aufgebaut und vier verschiedene Situationen getestet und gemessen. Es ist wirklich oft notwendig, die Dinge 1:1 zu testen. Bei der Luft ist es noch schlimmer, wenn dabei etwas nicht funktioniert. Die Luft macht einfach, was sie will. Das einzige, was man machen kann, ist, sie über Materialverkürzungen und Einklemmen ein bisschen zu beeinflussen.

 

STREET PAINTING UND TÄUSCHEND FUNKTIONALE LINIEN

Erwähnt werden müssen auch eure Street Painting Projekte. Wie kam es dazu?

Sabina Lang: Street Painting #1 (2003) entstand für eine Freiluftausstellung im Dorf Môtiers im Jura. Alle paar Jahre gibt es dort eine große Ausstellung, bei der die Werke im Wald, im Dorf oder auch auf der Wiese gezeigt werden. Wir entschieden uns damals für eine kleine Straße – eigentlich eher ein geteerter Feldweg – am Ende des Ausstellungsparcours. Wir haben einen Abschnitt  mit einem ganz einfachen Streifenmotiv bemalt. Es ist unausweichlich, dass man dieser Malerei nicht nur begegnet und sie aus der Distanz betrachtet, sondern direkt darauf geht oder mit dem Auto darüber fährt. Der Aspekt der zeitlichen Begrenzung ist hier besonders schön, wenn man bedenkt, dass sie verschmutzt, sich mit der Zeit abnutzt und nicht mehr diese Leuchtkraft hat. Es ist unglaublich spannend, etwas zu machen, was plötzlich wieder weg ist und doch in der Erinnerung fortlebt.

Street Painting #1 Kunst von Lang/Baumann

Straßenmalerei in der Schweiz auf einer Landstraße, die durch grüne Felder führt
zu den oberen zwei Bildern: Lang/Baumann // Street Painting #1 / Kaltplastik (Strassen-Signalisationsfarbe) / ca. 2 x 20 m / 2003, Art en plein Air, Môtiers CH // Mit freundlicher Genehmigung von L/B // oberes Foto: François Charrière, unteres Foto: L/B

 

Apropos Autos. Ist das für Autofahrer manchmal nicht irritierend?

Daniel Baumann: Street Painting #2 (2003) auf dem Platz einer Wohnsiedlung in Zürich bestand aus einem Liniengeflecht. Während der Bauzeit bemerkten wir plötzlich, dass die Handwerker entlang dieser Linien ihre Autos parkten! Die haben in dieser Malerei die Linien wohl als etwas Funktionales gedeutet. (Lacht)

Zurzeit gibt es eine Straßenmalerei von euch in Rennes/Frankreich (Street Painting #7, 2013), das man noch bis zum 25. Mai 2014 bewundern kann. Gab es einen besonderen Grund, gerade die Rue Jules Simon zu wählen?

Daniel Baumann: Diese Straße wurde uns vorgeschlagen und wir fanden sie eigentlich sehr spannend, weil sie vom städtischen Bild her eine extrem reiche und trotzdem nicht eine spektakuläre Straße ist. Man findet dort einerseits das 19. Jahrhundert mit seiner französischen „Standard Pomp-Architektur“, dann findet sich Jugendstil und 60er-Jahre, d. h. man kann hier praktisch die ganze französische Architekturgeschichte durchspielen. Abgesehen davon aber ist sie eine ganz einfache, schnurgerade Straße, ohne Kurven. Wir haben mit dieser Malerei die Gerade dieser Straße aufgebrochen und ein fremdes Element in die Umgebung eingeschleust.

Street Painting von Lang/Baumann auf einer Straße in einer französischen Stadt
Lang/Baumann // Street Painting #7 / Strassen-Signalisationsfarbe / 59 x 3.7 m / Einzelausstellung: 2013, „Street Painting #7″ Rue Jules Simon (40mcube), Rennes F / Kuratiert von 40mcube und PHAKT – Centre Culturel Colombier // Foto © L/B

 

Und anders als bei eurem Street Painting #5 (2010) im schweizerischen Dorf Vercorin ist Street Painting #7 nicht wie organisch entwachsen, sondern eher eingepflanzt.

Daniel Baumann: Genau. Es geht eben auch immer darum, die Charakteristik des Ortes zu verstehen, zu interpretieren und das Kunstwerk so zu entwickeln, dass es in einen spannenden Dialog mit dem Umfeld tritt.

 

LANG/BAUMANN LASSEN WÄNDE IRRITIERENDE FARBRÄUME KREIEREN

Wahrnehmung und Irritation ist bei euch ein weiteres wichtiges Thema. Zum Beispiel beim Treppenhaus der Kunsthalle in Bern habt Ihr eine sehr ausgreifende grafische Struktur über die Wände gelegt, sodass das Raumgefühl des Betrachters, der ja hier auch noch in Bewegung ist, durcheinandergebracht wird. Man könnte fast von einer eigenständigen Farbkonstruktion reden.

Daniel Baumann: Ja, die Wandmalerei Beautiful Walls #22 (2012) übersteigert die Dynamik des Treppenhauses. Ihre Linien beginnen ganz unten, gehen an allen Wänden hoch bis an die Decke, wo sie sich verdrehen und wieder herunter führen.

In Werkverzeichnis eurer Website gibt es hierzu einen Farbplan, worin man den Verlauf dieser Farbstränge verfolgen kann.

Daniel Baumann: Diesen Plan hatten wir damals ziemlich groß ausgedruckt, gefaltet und zusammengeklebt. Danach konnte man den Kopf hineinstecken und so alles besser überprüfen, denn auf dem aufgeklappten Plan ist dies zu abstrakt. Dieser Raum war zu komplex, um es sich nur vorzustellen. Wir zeichnen, bauen kleine Modelle, machen Renderings, beginnen wieder von vorne. Wir knoblen oft lange, bis wir am Punkt sind.

Wandgemälde-Kunst in einem Treppenhaus

Wandgemälde mit Streifen, das ein ganzes Treppenhaus einer Altbau-Architektur durchzieht

Modell vom Schweizer Künstlerpaar Lang Baumann für ihr Treppenhaus-Wandgemälde-Projekt
zu den oberen zwei Bildern: Lang/Baumann // Beautiful Walls #22 / Wandmalerei / ca. 4 x 18 m / Gruppenausstellung: 2012, „The Old, the New, the Different“ Kunsthalle, Bern CH / Kuratiert von Fabrice Stroun // Fotos © L/B

 

NOMADISIERENDE ARCHITEKTUR: HOTEL EVERLAND

Ich möchte zum Schluss noch an euer Projekt Hotel Everland erinnern, das seit 2002 nomadisiert. Nach Yverdon, Leipzig und Paris soll es demnächst wieder auf Reisen gehen, diesmal in die USA?

Daniel Baumann: Stimmt. Zuerst war Louisville in Kentucky ein Thema und jetzt ist es Los Angeles. Wir dachten zuerst, dass alles ganz schnell gehen würde (lacht), doch es zieht sich nun richtig in die Länge. Bei einem Projekt wie diesem ist man mit Sicherheitsfragen konfrontiert, die in Amerika noch viel angespannter diskutiert werden. Gerade weil es ein funktionierendes Hotel ist, ist die Situation so, dass jede Nacht jemand darin schläft, der immer zum ersten Mal dort ist und nicht intuitiv wieder herausfindet. Von der Sicherheit her macht das alles unheimlich kompliziert.

Hotel Everland, ein Mobiles Einzimmer Hotel, das auf einer Säulenhalle stationiert ist

Hotel Everland von Lang Baumann, ein mobiles Einzimmer Hotel, von innen gezeigt
zu den oberen zwei Bildern: Lang/Baumann // Hotel Everland / Mobiles Einzimmer Hotel, Mixed Media / 12 x 4.5 x 4.5 m / Einzelausstellung: 2007-2009, „Hotel Everland“ Palais de Tokyo, Paris F / Kuratiert von Marc-Olivier Wahler, Marc Sanchez // Fotos © L/B

 

Hotel Everland funktioniert ein wenig nach dem Prinzip Raumschiff. Hat L/B auch Ambitionen für den Weltraum?

Daniel Baumann: Die Visionen der 60er und 70er-Jahre für ein Leben im Weltall waren für uns natürlich eine Referenz, als wir mit Hotel Everland eine Kapsel kreiert haben, die alles einschließt und einem alles bietet. Es sind faszinierende Konzepte entwickelt worden damals, aber ich denke, für uns bleibt das ein Traum.

Außerdem wäre es schade um euer ortsspezifisches Arbeiten …

Daniel Baumann: (lacht) Genau!

Sabina und Daniel, herzlichen Dank für dieses Gespräch. ♦

 

Das Gespräch erschien in gekürzter Form im Oktober 2013 bei Stylepark.com und wurde für Journal A in längerer Fassung neu editiert.

 

 

¹ https://gestalten.com/products/lang-baumann; letzter Zugriff 22.04.2024
2 Jean-Philippe Lenclos, interviewt in Supergraphics: transforming space: graphic design for walls, buildings and spaces. London: Unit Editions, 2010, S. 293

 

Ein Portraitfoto vom Schweizer Künstlerpaar Lang Baumann
Sabina Lang und Daniel Baumann // Foto © L/B