L/B, das Künstlerduo Sabina Lang und Daniel Baumann, ist spezialisiert auf Architektur und ihr urbanes Umfeld. Wie ein injizierendes Objekt steckt ihre neueste Skulptur im Rolex Learning Center in Lausanne: Up #4. Die Ausstellung startet September 2020.
10. September 2020 | Özlem Özdemir
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rchitektur ist schon seit drei Jahrzehnten die wichtigste Spielfläche für das Berner Künstlerpaar L/B. Ihr Werk-Repertoir ist ofmals temporär, durchzieht aber nicht nur Treppenhäuser, Wohnbauten, Museen und Fassaden. Ihre Installationen und Farbkonzepte expandieren auch auf Straßen, Tunnel, Brücken, Strände, Seen und vieles mehr. Sie sind international verstreut: Frankreich, Kuba und Japan sind nur einige der Länder, in denen sie zu finden sind. L/B wäre sogar dem Weltall nicht abgeneigt¹. Der Großteil ihrer Arbeit findet jedoch in ihrer Heimat statt: so auch Up #4. Die weiße Installation aus Stahl steht in einem runden Lichthof eines Baukörpers als wollte sie ihn injizieren. Anlass und Objekt der Behandlung: das 10-jährige Bestehen des Rolex Learning Centers auf dem Campus der EPFL in Lausanne.
Was ist zu diesem Standort zu sagen? Die Einweihung der ersten Gebäude der EPFL (École polytechnique fédérale de Lausanne) auf dem neuen Campus nah des Genfersees fand 1978 statt. Das Areal war gedacht als Modellstadt. Zugewiesen wurde ihr nur eine weite grüne Wiese. Für die Anlockung sollten spektakuläre Bauten von renommierten Büros sorgen. Und sie kamen alle. Kengo Kuma mit ArtLab, Richter Dahl Rocha & Associés mit SwissTech Convention Center, Dominique Perrault mit New Mechanics Hall, um nur einige zu nennen. Heute gilt dieses ehemalige Brachland als Wallfahrtsort für Architekturliebhaber. Aber vor allem ein Bauwerk war es, das sich als Herzstück der Anlage entpuppte. Und es hat nicht nur internationale Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, sondern auch fachübergreifendes Interesse. Die Rede ist von Rolex Learning Center von SANAA. Wim Wenders drehte darüber sogar einen Film: If buildings could talk …
Und L/B horchte auf das, was das Gebäude zu sagen hatte. Also zunächst zum Rolex Learning Center: Dieses Campusgebäude ist eine einzige horizontale Raumschicht, die so aussieht, als hätte sie jemand nachträglich deformiert und perforiert. Hier und da ist es gebogen und gedellt und punktuell durchstanzt: wie eine Scheibe aus weichem Ton, ein Stück Leder oder Blech. Als Lernlabor und internationales kulturelles Zentrum bietet das RLC sowohl Studierenden als auch der Öffentlichkeit ein reichhaltiges Angebot: Bibliotheken, Auditorium, Informationszentren, Diskussions- und Lernbereiche, Restaurants und Cafés. Und all das geht nahtlos ineinander über. Die Innenräume fließen und wölben sich wie der teppichbelegte Fußboden. Es ist überraschend: Drinnen erwartet die Besucher ein Mix von Tälern und Hügeln, sie prallen auf den Gegensatz zum Draußen, zum flachen Terrain. Kurzum, das RLC präsentiert eine künstlich erschaffene weiche Landschaft. Resultat dieser Morphologie: Die Einrichtung berührt an einigen Stellen den Baugrund, an anderen hebt sie ab. Das entblößt die Gebäudeunterseite aus Beton, die derselben Linie folgt wie die des geschwungenen Dachs. Diese Sichtbarkeit wird aber erst möglich durch die 14 organisch geformten Öffnungen, fünf von ihnen als Patio ausgebildet, die nicht nur den Innenraum, sondern auch die Unterseite der Architektur erhellen. Auf diese Weise entsteht in dieser Unterwelt eine Szenerie von Licht und Schatten, in der es sich herumlaufen lässt und die man samt Tischen, Stühlen und Fahrradständern erobern kann.





Was die Skulptur von L/B in dieser Landschaft tut, ist als Erstes: Stellung beziehen. Aber sie tut das weder im Innern des RLC, noch ganz im Freien. Sie operiert dazwischen. Sie setzt dort ein, wo im Gebäude beides zusammenstößt und das sind die runden Ausstanzungen, die Patios. L/B entschied sich für ein Patio dicht an einer der Gebäudeecken. Damit ergeben sich, wie nebenbei, auch Ausblicke auf die umliegenden architektonischen Nachbarn.

Up #4 basiert auf einer U-Form aus Rohr von 70 cm Durchmesser. Seine Materialien sind Stahl und weißer Lack. Ein Schenkel strebt im Winkel von 70 Grad neun Meter in die Höhe. Der andere Schenkel läuft parallel zu ihr. Dieser ist aber auf halber Höhe abgewinkelt und stößt an das Bauwerk. L/B führt dazu aus: „Während das Gebäude über dem Grund zu schweben scheint, steht die Skulptur am Boden und lehnt sich nur an einem Punkt fragil an den Bau an. Die Arbeit kann aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden: von unten, mit Blick [über] den Lichthof, und von oben durch die umlaufende Glasfassade.“²


Aber anders als Werke, mit denen Lichthöfe gerne gefüllt werden (wo man sie wie museale Ausstellungsstücke in gläserner Hülle betrachten kann), zeigt Up #4 ein interessantes Verhalten. Es ist nicht ein reines Präsentierstück, berührungslos und passiv (auch wenn man den Eindruck haben könnte, dass es jemand irgendwann umkippte). Eher lehnt sich die Skulptur an, neigt sich zu, will Fühlung aufnehmen, etwas abtasten. Der abgeknickte Schenkel stupst – ganz vorsichtig – den unteren Betonrand des runden Gebäudeeinschnitts in etwa 4,5 m Höhe an. Der andere gerade Schenkel endet am oberen Rand in fast 9 m Höhe, ohne das Gebäude zu überragen, aber doch im Abstand und frei von ihm. Mit seiner Haltung und seinen Gebärden, demonstriert die Skulptur von L/B eine Fähigkeit, die ihm das gewellte Gebäude vormacht: Und das ist die bewegte Gestik.
Up #4 ahmt das RLC jedoch nicht nach. Interessanterweise verzichtet L/B auf fließend-organische Formen. Stattdessen wird das Rohr von Up #4 mehrfach geknickt. Das Ergebnis dieser Knickstellen sind rechte Winkel. Und diese kann man lesen als Referenz an die rechten Winkel des rechteckigen Gebäudegrundrisses. Ferner ergibt die Art wie die Skulptur aufgestellt ist eine weitere Referenz an das RLC: Ihre schräge Lage erinnert an das „schräge Prinzip“ im Innern des Bauwerks, in dem der durchgehende Boden einer einzigen ausladenden amorphen Rampe ähnelt, die mal heruntergleitet und mal hochstrebt. Up #4 skizziert mit nur einer einzigen Linie dieses Prinzip des Auf-und-Ab.
Ihre ausgeklügelte Stahlkonstruktion realisierte L/B exklusiv für die EPFL³. Das heißt aber nicht, dass das Künstlerpaar bei Null anfangen musste. Ihre Skulptur wurzelt nicht nur im Genius Loci, sondern auch in ihrem Gesamtwerk. Wie der Projekttitel erahnen lässt, ist diese Arbeit die vierte in der Ahnenreihe „Up“. Neugierigen sei die Website des Duos empfohlen. Hier zeigt L/B, dass sie keine Scheu vor System und Kategorien hat, aus denen auch sozusagen Mischlinge hervorgehen können. (Für ein tieferes Verständnis für die Evolution von Up #4 lohnt z. B. ein Vergleich mit den Werkgruppen „Tube“ und „Comfort“.)
Up #4 ist durch und durch Vermittler, Leitbahn, Kontaktstelle, Treffpunkt. In ihr laufen die Dinge der Umgebung zusammen, gehen von einem zum anderen über. Die Skulptur aus rundem Stahl ist zwar nicht spitz, hat aber dennoch etwas von einer Injektion oder gar von Akupunktur. Dass sie nicht nur einen eindringenden Zug hat, sondern auch einen aufragenden – einen Up-Charakter – tut der Assoziation keinen Abbruch. Noch abstrakter formuliert: Was hier stattfindet, ist Input und um ein genauso bildliches Wort auf deutsch anzubieten: „Eingebung“. Die Besucher fühlen sich zu elementaren Fragen animiert: Was passiert mit diesem Ort, wie ist die Beziehung zwischen diesem Stahlkörper und Gebäude, warum steht er zwischen außen und innen? Welche Rolle spielt meine Bewegung und Perspektive dabei? Wie passend, dass diese Arbeit im Rahmen eines Programms an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der EPFL entstanden ist. Und Zeit zum Nachdenken vor Ort gibt es noch genug. Die Skulptur von L/B ist zu sehen bis Ende Mai 2021. ♦
¹ https://www.stylepark.com/de/news/luft-macht-was-sie-will; letzter Zugriff 10.9.2020
² http://www.langbaumann.com/?project_id=398; letzter Zugriff 10.9.2020
³ https://actu.epfl.ch/news/teaser-installation-of-sculpture-up-4-by-artists-l; letzter Zugriff 10.9.2020 – Die Vernissage findet statt am 24. 9.2020. Anmeldung per Formular ist möglich.

Zur Website von L/B


