LYGIA PAPE. THE SKIN OF ALL
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ESTHER ROLINSON UND IHRE LICHTER DER RENOVIERUNG

Die britische Künstlerin Esther Rolinson präsentiert Luminations: eine groß angelegte öffentliche Kunstinstallation, die mit Hilfe von Straßenlaternen den Geist einer alten Küstenstadt im Norden Englands komplett erneuert

19. Juni 2022 | Caroline Menezes

 

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tellen Sie sich ein über 500 Meter langes Kunstwerk aus computergenerierten Lichtern mit atemberaubenden Farben und Formen vor, das fast 10 Meter über den Köpfen der Fußgänger schwebt, die an der Strandpromenade einer malerischen Kleinstadt an der englischen Meeresküste entlangspazieren. Dies ist Luminations, eine ortsspezifische Kunstinstallation der britischen Multimedia-Künstlerin Esther Rolinson, die die typischen Straßenlaternen der Küste nutzte, um in Cleethorpes, einer Küstenstadt im Nordosten von Lincolnshire, für ununterbrochenes Staunen zu sorgen.

Esther Rolinson wurde beauftragt, ein künstlerisches Projekt zu entwickeln, um das Stadtbild dieses Ortes, der in früheren Jahren zu den beliebtesten Badeorten Englands gehörte, neu zu gestalten und zu modernisieren. Luminations ist ein integraler Bestandteil des öffentlichen Kunstprojekts im Rahmen des 3,8 Millionen Pfund teuren Sanierungsprogramms für North East Lincolnshire und Cleethorpes. Laut Helen Thompson¹, der strategischen Leiterin für Tourismus beim North East Lincolnshire Council, war die Kunst im öffentlichen Raum der Schlüssel zur Erreichung der Ziele dieses Prozesses zur Wiederherstellung der Identität von Cleethorpes.

Der maßgebliche Faktor, der in der Forschungsphase des Projekts festgestellt wurde, war die Erfahrung des Meeres als Hauptattraktion für die Besucher: Die Umgestaltung dieses Erlebnisses würde für den Erfolg des Regenerationsplans entscheidend sein. Nach Thompsons Worten ist öffentliche Kunst „ein unglaublich wichtiges Mittel, um Räume zum Leben zu erwecken und die Umwelt zu verbessern“. Um dieses Ziel zu erreichen, machten sich die Stadträte auf die Suche nach einem künstlerischen Kopf, der das Wesen des Küstenerlebnisses an der Strandpromenade von Cleethorpes voll erfassen und das Bewusstsein der Menschen dafür schärfen konnte. Nach einem, wie Thompson es nannte, „harten Wettbewerb“ stellte sich heraus, dass Esther Rolinson die richtige Person für eine solche Aufgabe war.

Esther Rolinson erinnert sich, dass ihre erste Reaktion, als sie zu einem Interview für das Projekt eingeladen wurde, darin bestand, sich Cleethorpes auf Google Earth anzusehen, aber der zündende Funke blieb aus. Von oben wirkte es so, als gäbe es dort nichts, abgesehen von den Überbleibseln eines verblichenen Urlaubsortes, den Familien vor langer Zeit traditionsgemäß aufsuchten. Dieser vage erste Eindruck veranlasste die Künstlerin, alles zu tun, um zur Wiederbelebung dieses Ortes beizutragen, der in Vergessenheit geraten zu sein schien.

Glücklicherweise änderte sich Rolinsons düsterer erster Eindruck radikal, als sie schließlich im Februar 2019 nach Cleethorpes fuhr, um mit dem Renovierungsteam zu sprechen. Die Künstlerin erinnert sich²: „Der Aufenthalt dort ergab ein ganz anderes Bild. Der Zug kommt in Cleethorpes direkt an der Strandpromenade und dem vorgesehenen Standort für das Kunstwerk an. Als ich aus dem Zug stieg, war ich überwältigt von der schieren Weite und der kargen Schönheit, die Google Earth niemals wiedergeben könnte. Es ist herzergreifend. Ich spürte eine echte Verbindung zu dem Ort, da er meinem Wohnsitz in Hastings (einer Küstenstadt in Südengland) ähnelt, und ich begriff, dass die Menschen in Cleethorpes diese Qualität der Offenheit und Freiheit lieben und wollen, dass dies anerkannt wird. Als ich von dem Vorstellungsgespräch zurückkam, noch bevor ich wusste, dass ich den Auftrag bekomme, habe ich zu diesem Gefühl eine Zeichnung gemacht. Ich wollte mir dieses Empfinden von Freiheit zu eigen machen und es einfach deshalb zeichnen, weil ich es konnte.“

Esther Rolinson sketch Flowing Line
Courtesy of Esther Rolinson // Luminations working drawing ink on paper // Drawing: Esther Rolinson
Luminations, a drawing for an art installation at the coast of England
Courtesy of Esther Rolinson // Luminations drawing in response to the site / Coloured pencil and acrylic on paper // Drawing: Esther Rolinson
Esther Rolinson Drawing
Courtesy of Esther Rolinson // Attraction / Pencil on paper / 110cm x 110cm // Drawing: Esther Rolinson

 

Diese Zeichnung wies einen Bezug zu einer Serie auf, an der Esther Rolinson zuvor unter dem Titel Gravitate gearbeitet hatte. Die Serie war der Höhepunkt der gleichnamigen Einzelausstellung, die 2017 im Watermans Art Centre in London stattfand. Rolinson hat ihre künstlerische Laufbahn durch die Schaffung von immersiven oder großformatigen Kunstinstallationen für Galerieräume oder als Dauerausstellung im öffentlichen Raum aufgebaut. Man kann sie als architektonische Interventionen oder urbane Interaktionen betrachten, aber für sie verkörpern sie allesamt Erfahrungen, die zum Leben erwachen.

Licht spielt bei dieser „Metamorphose“ eine wesentliche Rolle. In den meisten Werken Rolinsons dient das Licht nicht als Accessoire, sondern als primäres Material, um Konzepte und Emotionen auszudrücken. Die Künstlerin ist fasziniert von den vielen Möglichkeiten, die dieses Element mit sich bringt, von der Bewegung, den Schatten und den Farben, die es hervorbringen kann. Manchmal bezeichnet sie ihre Kunstwerke als Entitäten – als Wesen, die sie allein mit Bleistift und Papier erschafft.

Rolinson führt einen intensiven Dialog mit den digitalen Medien (wie zum Beispiel bei der Arbeit mit innovativer Computerkunst) und hat Erfahrung im Aufbau von riesigen Strukturen. Allerdings – und das ist ein wesentliches Merkmal von Rolinsons kreativem Prozess – beginnen alle ihre Werke mit abstrakten Zeichnungen, die sie nach einem von ihr formulierten System entwickelt und dann manuell anwendet. Ihre Zeichnungen sind nicht nur grobe Skizzen von Skulpturen oder Installationen: Sie sind Kreationen, in denen sich ihre Gedanken manifestieren, und stellen eigenständige Kunstwerke dar. Einige davon wurden zu Drucken wie Breathing the Breath of Others (2016), der vom Victoria and Albert Museum in London erworben wurde.

Rolinson schafft komplexe Mechanismen mit strengen Regeln für die Herstellung von Kurven und geraden Linien, die viel Aufmerksamkeit und Präzision erfordern, um exquisite Bilder zu komponieren. Während sie zunächst als zweidimensionale Zeichnungen entstehen, kann sich Rolinson diese leicht als riesige 3D-Installation im offenen Raum vorstellen. Sie ist Expertin für diese Art der Umsetzung; sie vermittelt den Ingenieuren ihre Ideen und arbeitet mit dem Team zusammen, das das Projekt in die Tat umsetzt, wie es bei Luminations der Fall war.

Esther Rolinson
Courtesy of Esther Rolinson // Luminations // Photo: Gary Davies
Luminations
Courtesy of Esther Rolinson // Luminations // Photo: Gary Davies
urban art installation with lights by Ester Rolinson
Courtesy of Esther Rolinson // Luminations // Photo: Esther Rolinson

 

Die ortsspezifische Installation besteht aus einer integrierten Struktur von Linien und Schleifen, die von den Laternenpfählen herabhängen und Girlanden im Retro-Stil tragen, die fast 200 Muster von farbigen Lichtanimationen wiedergeben, die sie mit kreativen Codes erstellt hat. Esther Rolinson erklärte, dass die beiden Hauptgründe für die Herstellung von Luminations mit dieser Sorte alter Glühbirnen darin bestanden, nachvollziehbare Erinnerungen zu wecken und die eigentliche Szenerie so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Sie wollte die Installationen so in die Umgebung einbringen, als hätten sie schon immer dorthin gehört. Rolinson möchte nicht, dass das Kunstwerk als ein äußerer Eingriff gesehen wird. Ihr Gespür für den sozialen Kontext und die Umgebung sowie ihre künstlerische Vision erstrahlen förmlich im Licht von Luminations, einem Stadtprojekt unter künstlerischer Leitung.

"Luminations" seen by the street
Courtesy of Esther Rolinson // Luminations // Photo: Gary Davies
"Luminations" an art installation on a promenade
Courtesy of Esther Rolinson // Luminations // Photo: Gary Davies
"Luminations" seen by the sea
Courtesy of Esther Rolinson // Luminations // Photo: Gary Davies

 

So erklärt Rolinson³: „Für mich ist es entscheidend, dass meine öffentlichen Kunstwerke den Menschen, die sie erleben oder sehen, ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln. Das bedeutet, dass es sich nicht nur um ein Element handelt, das an diesem Ort platziert wurde. Ich vermeide die Auffassung, dass es sich um ein Kunstwerk handelt, da dies manchmal distanzierend wirken kann. Deshalb habe ich ganz bewusst Beleuchtung mit Girlanden verwendet, weil sie die Sprache dieser Küstenstädte spricht. Als Material war es ein einfacher Zugang, um ein eigentlich sehr komplexes Konzept visuell zu vermitteln. Ich habe mit einer kühnen Sprache gearbeitet, die ich aber klar und verständlich einsetzte, um den subtilen Charakter von Bewegungen und Gefühlen zu vermitteln. Es war ganz klar, dass dieses ortsbezogene Werk die Menschen entlang des linearen Weges der Promenade führen, aber auch ihre Erfahrung verändern sollte. Ich betrachte die Muster und Formen als eine Art abstrakte „Sprache der Freiheit“, und das war der Eindruck, den ich damit vermitteln wollte.

Von den ersten Zeichnungen, Prototypen, Tests und Konstruktionen, die in Zusammenarbeit mit dem Light Lab, einem Beratungsunternehmen für architektonische Beleuchtung, erstellt wurden, dauerte es etwa drei Jahre (wobei COVID das Projekt erheblich verzögerte), bis es fertig war. Esther Rolinson stellte Luminations schließlich am letzten Internationalen Frauentag, dem 8. März 2022, der Öffentlichkeit vor. Es wurden noch keine Statistiken darüber veröffentlicht, wie sich das Projekt auf die lokale Wirtschaft oder den Tourismus in der Region ausgewirkt hat. Helen Thompson sagte jedoch, dass der Stadtrat sehr positive Rückmeldungen von Ansässigen und Geschäftsleuten erhalten habe, die die Entscheidung für ein öffentliches Kunstwerk zur Wiederherstellung des Selbstwerts der Stadt bestätigten. ♦

 

(Übersetzung aus dem Englischen: Özlem Özdemir)

 

¹ In einer E-Mail-Konversation zwischen Caroline Menezes und Helen Thompson im Mai 2022

² In einem Gespräch zwischen Caroline Menezes und Esther Rolinson im April 2022

³ ebd.:2

 

CAROLINE MENEZES

Caroline Menezes ist eine in Berlin lebende Kunstautorin, Journalistin und Kuratorin. Sie hat an der University of the Arts London promoviert und hat weltweit Ausstellungen kuratiert. Als Kunstkritikerin arbeitete sie über 10 Jahre lang für Studio International. Ihr letztes Buch war der 2021 erschienene Band Tuneu: Trajectory, die Biografie des brasilianischen Künstlers Tuneu.

 

Portraitfoto of Esther Rolinson
Courtesy of Esther Rolinson // Esther Rolinson looking through her work „Ten Thousand Thoughts“ // Photo: Fraser Kent