Andreas Gursky ist einer der Großen der internationalen Fotokunst, nicht nur wegen seiner gigantischen Bildformate. Vom 9. September 2021 bis 30. Januar 2022 zeigt das Museum Küppersmühle für Moderne Kunst in Duisburg seine Fotos mit Motiven aus der ganzen Welt. Die Ausstellung wird verlängert bis zum 13. Februar 2022.
29. Oktober 2021 | Özlem Özdemir
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ndreas Gursky haben und zeigen sie alle: Centre Georges-Pompidou, Tate Modern, Istanbul Modern & Co. Im Jahr 2001 war das New Yorker MoMA an der Reihe mit einer Retrospektive und fast zwei Jahrzehnte später folgte eine weitere in seiner Geburtsstadt Leipzig. Biografisch behaftet ist auch Duisburg. Hier zeigt das Museum Küppersmühle für Moderne Kunst rund 60 Fotografien von Gursky aus vier Jahrzehnten. Hierzu kommentiert er: „Aufgewachsen in Lohausen im Düsseldorfer Norden, begannen meine frühen fotografischen Streifzüge ins Ruhrgebiet immer in Duisburg.“ Für diese Ausflüge durch die nähere Umgebung stehen Bilder wie etwa Krefeld, Hühner (1989) und Duisburg, Brücke (1989). Ferner vertreten sind internationale Bildmotive im Gursky-Großformat wie Pyongyang VII (2017/2007) und Katar (2012).
Sein Werdegang gründet in der Familie: Andreas Gursky wurde 1955 in Leipzig als Sohn des Werbefotografen Willy Gursky und Enkel des Fotografen Hans Gursky geboren. Prägend war auch der Umzug ins Ruhrgebiet: Ab 1956 wuchs er in Düsseldorf auf; nach dreijährigem Studium an der Folkwang Universität in Essen bei Michael Schmidt kehrte er dorthin zurück und trat 1980 das Studium an der Kunstakademie Düsseldorf an. Zu seinen Lehrern gehörten Bernd Becher und Kasper König. Bernd Becher begründete, zusammen mit seiner Frau Hilla Becher, die Düsseldorfer Photoschule. Bekannt waren sie für strenge Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Fachwerkhäusern und Industriebauten wie Fördertürmen, Hochöfen, Gasometern. Ihr Werk liest sich wie eine Recherche von „anonymen Skulpturen“.
Der spätere Meisterschüler von Bernd Becher baute schon 1981 ein Farbatelier auf – eine frühe Emanzipation. Die Kölner Galerie Johnen & Schöttle stellte Gurskys Arbeiten 1988 zum ersten Mal aus. In den 90er-Jahren versuchte er sich an immer größer werdenden Drucken, bis sie schließlich monumentale Maße annahmen. Mit dem damaligen Aufkommen der Digitalkunst begann Gursky, seine Aufnahmen elektronisch zu bearbeiten, zu retuschieren, mehrere Bilder einer Szene zusammenzufügen. Das Ergebnis ist der für Gursky typische Über-Realismus. Seit 1992 nutzt er ganz bewusst die Möglichkeiten der elektronischen Bildbearbeitung, um formale Elemente zu betonen, die das Bild aufwerten oder um ein Bildkonzept anzuwenden, das real perspektivisch nicht machbar wäre.1
Die Becher-Klasse ist unverkennbar: Candida Höfer, Elger Esser, Jörg Sasse – sie alle haben sich intensiv mit dem Schaffen ihrer Lehrerin und ihres Lehrers auseinandergesetzt. Markenzeichen sind distanzierte Perspektive, technische Präzision und Beschäftigung mit Architektur. Auch Gursky nutzt dieses Erbe. Was er aufgreift, ist die Bechersche Sachlichkeit im Dokumentieren von Konstruktionen und Kompositionen von Baukörpern. Dabei beschränkt der Künstler sich aber nicht auf die Totale, eines Bauwerks etwa. Sondern er taucht ein in Panoramen (die er selbst aus einem beschränkten Innenraum zu kreieren weiß). Gurskys Revier sind Landschaften der Stadt und der Natur und Szenerien der Kulturwelt, sei es aus Pop oder Politik. (Ersteres etwa in abgehobener Vogelperspektive beim Madonna-Konzert oder zweiteres in gemäldegleicher und künstlicher Konstellation von Schröder, Schmidt, Merkel und Kohl, die ihrerseits vor einem Gemälde von Barnett Newman sitzen mit dem vielsagenden Namen „Vir Heroicus Sublimis“ – „Der überragende Held“).

Perspektive, Architekturaffinität und fototechnisches Können zeigen sich beispielhaft an zwei seiner Arbeiten, die in Duisburg zusammenkommen: Kreuzfahrt (2020) und Paris, Montparnasse (1993). Das Neuere zuerst: Bereits 2017 fotografierte Gursky auf einer Werft an der Ems tagelang den Rohbau eines Kreuzfahrtriesen. Kreuzfahrt gleicht mit seinen 4,70 mal 2,30 Meter einem Historiengemälde. Präsentiert wird zugleich ein Objekt (Schiff) und ein Geschehen (Rohbau, erkennbar an Kränen und Containern im Deckbereich). Bug und Heck hat Gursky ausgespart – die rund Dutzend Geschosse wirken damit gebäudeartiger als ein Kreuzfahrtschiff ohnehin empfunden wird. Dass das kolossale Gebilde ein Wassergefährt ist, verraten nur einige verzerrte Reflexionen im unteren Bildrand. Auch der Schriftzug „Norwegian Rhapsody“ verlangt etwas Spürsinn. Über dem Deck lastet ein Himmel in tiefschwarzer und damit unecht wirkender Farbe. Denn bei Nacht wäre das strahlende Weiß des Reiseschiffs mit seinen türkisen Akzenten und weiteren Einzelheiten nicht auszumachen. Das Gezeigte erinnert an eine Mischung aus Modellbau-Präsentation und Puppenhaus-Ambiente. Die ungewöhnliche Tiefenschärfe lockt das Auge – mal auf die Decklandschaft, mal in die Kabinen oder die kleinen Luken. Aber nach Personen muss man lange suchen. Mit einiger Ausdauer kann man einen Mann finden, der mit dem Rücken zu uns auf einem Stuhl sitzt und ins Innere einer Kabine schaut. So viel Leere und Leblosigkeit auf einem Schiff, das später voller Passagiere sein wird, ist nur eines: irritierend. Statt „menschenlos“ drängt sich der Begriff „ent-menschlicht“ oder „ent-menschlichend“ auf.

Kreuzfahrt strahlt Kälte und Verlassenheit aus. Damit – und wegen seines Themas des Aufeinanderstapelns von Menschen – hat das Werk eine frappante Ähnlichkeit mit Gurskys bahnbrechendem Paris, Montparnasse von 1993. Es porträtiert einen erdrückend langgestreckten Sozialwohnungbau in Frankreich. Zweifellos, Arbeiten dieser Art bieten sich an als Gesellschaftskritik, eine, die sich regelrecht aufdrängt. Dazu dient der Effekt des Überwältigenden – erzielt durch die fehlenden Verkürzungen, die für eine natürliche perspektivische Sicht nötig wären. Gursky scheut keine digitalen Tricks und Verfälschungen. Er braucht sie, um die Realität zu überspitzen. (Auch das Entfernen von Menschen, Bäumen, Gebäuden und dergleichen gehört zu Gursky, was ihm nicht selten als Manipulation vorgeworfen wird.) Das Beispiel Paris, Montparnasse basiert auf Aufnahmen aus zwei verschiedenen Blickwinkeln, die zusammengefügt wurden. So schafft er es, die 750 Fenster des Blocks einzeln hervorzuheben. Jedes einzelne Rasterelement zeigt sich unverzerrt, jeder Abschnitt des Ganzen ist uns gleich nah und macht den Gesamtbaukörper quasi visuell schwerverdaulich.
Beide Arbeiten eint außerdem eine Assoziation aus der Architekturgeschichte: die Unité d’Habitation von Le Corbusier. Seit den 40er-Jahren ließ der Erfinder der „Wohnmaschine“ seine komfortablen Plattenbau-Vorgänger an mehreren Orten erbauen, so etwa in Marseille und Berlin. Diese Begründer des Brutalismus basierten auf standardisierter Serienproduktion und folgten einem strengen Rastersystem. (Le Corbusier nannte sein Proportionsschema Modulor.) Le Corbusier war – so wie Hilla und Bernd Becher – ein begeisterter Beobachter von Bauten der Industrie und Technik. Silos aus Beton und Schiffe aus Stahl, das waren die Vorbilder seiner Moderne; sie sollten die Zukunft der Architektur und damit der Gesellschaft prägen.
Das technikverliebte Schwärmen eines Le Corbusiers für Ozeandampfer ist es, das der Künstler mit Kreuzfahrt (gewollt oder nicht) persifliert. Er tut das auch wenn er sich dabei just einer ebenso folgenreichen Erfindung der Zivilisation bedient: der digitalen Technologie. Ob ambivalent oder nicht, Gursky zeigt mithilfe modernster Fototechnik die Schatten des übermächtigen Fortschrittsglaubens (eingeschlossen der „Reisewahn“ des neuzeitlichen Menschen). Die Wuchtigkeit, Monstrosität und Gefahr dieses Gebildes lässt sich am eigenen Leibe spüren – so wie jedes Kreuzfahrtschiff, das in Venedig einfährt und verweilt, den Stadtkörper verletzt.
Gursky ist in seinem Schaffen vielschichtig. Er sieht sich als Maler-Fotograf, was ihn nicht davon abhält, ein distanzierter Chronist der Massenkultur und zugleich ein potenzieller Mahner vor Konsumismus, Bevölkerungsdichte, Globalisierung, Monotonie und Anonymität zu sein. Sein Handwerkertum, das dem Künstler zuweilen vorgeworfen wird, beruht auf digitalen Bearbeitungen. Oftmals dupliziert und montiert er Bildmotive. Er tut das solange bis sie abstrakt genug sind, bis aus ihnen irritierende Bildarchitekturen erstehen, bis in seinen großflächigen Abzügen Konstruktion und Wirklichkeit eins werden. Ob wir in diese Bilder etwas hineinlesen, bleibt uns überlassen. Für „Sehhilfen“ und Interpretationen steht der Künstler (wie er offen zugibt2) nicht zur Verfügung.


Fest steht, Andreas Gursky gehört zu den weltweit bekanntesten Fotografen. Für Sammler zählt er zu den lukrativsten: Von den zwanzig teuersten Fotos, die jemals auf einer Auktion verkauft wurden, stammen sechs von ihm. Dass er in seiner Werkauswahl als eines seiner ältesten Arbeiten einen klobigen fast bildfüllenden Gasherd (1980) vorführt und dass er als eine seiner aktuellsten ein Ausstellungsfoto zeigt mit schnittigen iPhones und iPads im Hauptsitz der begehrten Firma Apple (2020) in Kalifornien (entworfen von Sir Norman Foster), wo sie wie erlesene Kunstwerke aufgereiht sind – das ist ein vielsagender Quantensprung, erst recht im Vergleich zu seinen Krefelder Hühnern.
Erfolg kann unbekümmert machen. Und so kokettiert Gursky mit viel Diskretion und Laisser-faire: „Es wäre vielleicht für Euch Kunsthistoriker interessant herauszufinden, warum ein kunstgeschichtlich unbedarfter Künstler wie ich trotzdem Zugriff auf dieses Formenvokabular hat.“3. An anderer Stelle verrät er sehr wohl seine Vorbilder: Pieter Brueghel d. Ä., Jan Vermeer, William Turner, Jackson Pollock und Gerhard Richter4. Ob etwas dran ist, lässt sich „herausfinden“: Ausgiebige Gelegenheit dazu gibt es bis zum 30.01.2022 im MKM in Duisburg. ♦
¹ A. Gursky in: ‚Ich lasse die Dinge in der Regel langsam entstehen‘, in: Andreas Gursky. Fotografien 1994-1998. Ausst.-Kat. Kunstmuseum Wolfsburg; Kunstmuseum Wolfsburg – Fotomuseum Winterthur – Serpentine Gallery, London – Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh – Castello di Rivoli, Museo d Arte Contemporanea – Centro Cultural de Belem, Lisboa, 1998, S.8
² https://www.ardmediathek.de/video/ttt-titel-thesen-temperamente/andreas-gursky-seine-teuersten-fotoarbeiten-in-leipzig/mdr-de/Y3JpZDovL21kci5kZS9iZWl0cmFnL2Ntcy9iZDNhZTE5Ny0xYjExLTQ1ZDktODA5Ny0yYmM0ZTJlZmViYjQ/; letzter Zugriff 29.10.2021
³ https://www.hatjecantz.de/files/9783775720199_06.pdf; letzter Zugriff 29.10.2021
⁴ https://www.cicero.de/kultur/gurskys-sch%C3%B6ne-teure-welt/37451; letzter Zugriff 29.10.2021


