Feierlich-funkelndes Fassadenlichtspiel, Selfie-artiges Monument, Muster-beamende Fahrräder, auf Interaktion getrimmte Scheinwerfer: All das gehört zum Programm der Seasons of Media Arts. Das Medienkunstfestival der Stadt Karlsruhe und des ZKM findet statt im gesamten städtischen Raum vom 11. September bis Dezember 2020 und 2021 hinein.
27. November 2020 | Özlem Özdemir
V
or fast genau einem Jahr gab das Kulturamt von Karlsruhe einen Beschluss der UNESCO bekannt: Karlsruhe ist erste deutsche Creative City of Media Arts und damit Teil des weltweiten Netzwerks der UNESCO Creative Cities. In diesem Rahmen präsentiert das Kulturamt zusammen mit dem Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) ab dem 11. September bis Dezember 2020 – coronabedingt teilweise darüber hinaus – das Medienkunstfestival Seasons of Media Arts 2020. Der Ausstellungsort ist nichts Geringeres als der gesamte urbane Raum.
Karlsruhe zählt zu den jüngeren Städten Deutschlands. Mit der Grundsteinlegung für ein neues Schloss namens Carols Ruhe im Jahre 1715 begann ihr Aufbau inmitten unerschlossener Natur. Ihren Beinamen „Fächerstadt“ verdankt sie den rund 30 Alleen, die vom Schloss aus in Richtung der heutigen Stadt verlaufen.
Und genau zu diesem Bild des Fächers passt auch das breite und vielseitige Spektrum, das sich dem Publikum von Seasons of Media Arts bietet: Video-, Sound- und Lichtinstallationen, Projektionen an Fassaden und Straßen, künstlerische Interventionen und experimentelle Veranstaltungen von internationalen und lokalen Medienkünstlern, Karlsruher Initiativen und Institutionen. Zu den Schwerpunktthemen gehören etwa die Klimakrise oder die Demokratie im Zeitalter sozialer Medien.
Die gezeigten Werke ordnen sich punktuell im Zirkelschlag und den Achsen von Karlsruhe an und gehen von diesem Idealstadtbereich in die restlichen Stadträume über. Den Kopf bildet gleichsam eine Arbeit inmitten des Schlossgartensees – sozusagen der Quelle, des Entstehungsgrunds von Karlsruhe. Aram Bartholl, ein Medien- und Konzeptkünstler aus Berlin, liefert hier ein herausragendes Objekt im wahrsten Sinne des Wortes: Eine überdimensionale Hand, die ein etwas schräg gestelltes Smartphone umfasst oder hochhält oder: der Umgebung entgegenstreckt. Sein Titel: Obsolete Presence. Die 200×240 cm große Installation wurde in einer Ausstellung des Kunstvereins Arnsberg im Juni 2017 uraufgeführt. Es besteht aus einem Vierfarb-Druck auf einer Forex-Platte und Holz. Das Display wird dargestellt von einem Spiegel.

Bei Obsolete Presence liegt die Ironie auf (hier: vor) der Hand. Das heißt: Der touristische Impuls des Smartphone-Zückens ist einkalkuliert. Das Publikum wird sich nicht verkneifen können, dieses Ausstellungs- und Fotoobjekt aufzunehmen und dabei selbst zum Objekt zu werden und (hoffentlich) über die Situation nachzudenken oder gar zu meditieren (wenn auch höchstwahrscheinlich mit einer „Nicht-Ohne-Mein-Smartphone-Haltung“). Mögliche Fragen wären: Was oder wer ist an dieser Stelle „obsolet“ – also „überflüssig“ oder „nicht mehr gebräuchlich“? Was könnte „Präsenz“ in Zeiten der Medienherrschaft und -verliebtheit überhaupt (noch) bedeuten? Wer ist hier Objekt und wer Subjekt? Auffällig ist außerdem, dass der Künstler sich dafür entschied, das flache Smartphone in eine genauso flache Hand zu legen – beide liegen auf derselben Ebene. Schließlich hätte das technische Instrument auch in einer skulptural geformten Hand liegen können. Machen die Medien, die vor lauter grenzenlosen Angeboten und Möglichkeiten fast aus den Nähten platzen, den Nutzer doch irgendwie „eindimensional“? Verschmilzt er allzu sehr mit seinem technologischen Helfer und geht dabei fast unter? Denn auch so herum könnte man diesen schildartigen und bildhaften Gegenstand lesen: Er taucht auf, versinkt aber auch und mit ihm, das was ihn hält. Diese und ähnliche Überlegungen und Verdachtsmomente könnten im Schlosspark aufkeimen. Bartholl wäre also ein sehr guter Ausgangspunkt. Aber das Programm ist weit verstreut und ansetzen können die Festival-Besucher überall.

Gefasst sein sollte man zum Beispiel jederzeit auf Jonas Denzels Beitrag, besonders wenn es dämmert und dunkel ist. Sein Projekt beambike (2018) lässt sich an mehreren Stätten der Stadt auffinden. Der Karlsruher Filmemacher und Projection-Mapping-Künstler hat ein E-Lastenfahrrad mit mobiler Projektionstechnik präpariert. Verschiedene Objekte der Stadt – potenzielle Kandidaten sind Bäume, Brücken, Statuen – werden zu Projektionsflächen für Muster aus Augen und Händen und Farben.

Besonders eng mit Karlsruhe und dem ZKM verbunden ist Walter Giers. Der 2016 verstorbene Licht-, Klang- und Medienkünstler und Pionier der Electronic Art erhält einen Ehrenstandort: den ZKM Neubau am Platz der Menschenrechte. Die Lichtinstallation Funkelnder Kubus spielt mit dem würfelartigen Baukörper des Museums. Interessanterweise ist sie eine Rekonstruktion einer Arbeit aus den 1990er-Jahren; damals war sie am Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs zu sehen. Der Künstler verwendet Stroboskoplampen, die bekannt sind von Discos, Flugzeugtragflächen, Warnlichtern auf Straßen. Beim ZKM lassen sie seine gläserne Fassade punktuell und zeitversetzt aufblitzen und verwandeln den Bau in eine von Licht durchzuckte, visuell vibrierende, brillantartige Skulptur.

Auch Marie Sesters ACCESS gehört zu den Werken, deren Premieren weiter zurückliegen. Die Arbeit der französisch-amerikanischen Künstlerin aus New York entstand bereits 2003, entwickelte sich seitdem (je nach Geschmack) zu einem Publikumsliebling oder auch -verstörer. Ab 2021 wird sie in Karlsruhe wiedererweckt. ACCESS wirkt zunächst unscheinbar, fast versteckt. Eine im belebten öffentlichen Raum angebrachte Kamera registriert automatisch die Bewegungen der Menschen. Dann der entscheidende Moment: Ein Computer pickt eine Person heraus und erfasst sie mit einem Lichtkegel, der ihr daraufhin folgt. Bald kann man nicht mehr unterscheiden, wer von wem nicht mehr loslassen kann, Technik oder Mensch. Begleitet wird diese Jagdszenerie von gesprochenen Worten, die sich dem „Auserwählten“ widmen. Zum Einsatz kommen dabei robotergestützte Scheinwerfer und ein akustisches Beamsystem. Marie Sester geht es in ihrer interaktiven Kunstinstallation um unsere Besessenheit rund um Überwachung und Kontrolle (Stichwort: Tracking), Sichtbarkeit und Prominentsein im Internet. Ort und Laufzeit von ACCESS wird noch bekannt gegeben.
Zu den weiteren Installationen gehören u. a.: Light Signs (Betty Rieckmann) im Hauptbahnhof, Vortext (Michael Bielicky, Kamila B. Richter, Alex Wenger) im KOHI-Kulturraum, PhonoLuxMaschine (Didi Müller, Holger Förterer, Marc Teuscher) im Foyer der Kinemathek und GREEN CODE (Sabine Schäfer, Ulrich Singer) im Zoologischen Stadtgarten. Ob unter freiem Himmel oder in geschlossenen urbanen Zonen: Seasons of Media Arts 2020 lädt nicht nur zum Betrachten und Reflektieren, sondern auch zum Mitwirken ein: beim Flanieren und Passieren, in Gärten und an Gebäuden, mit Entdeckerlust und Spielfreude.
Für Deutschland ist all das nicht die erste und einzige Kunstinitiative im öffentlichen Raum. Dennoch: Verwandte Veranstaltungen von ähnlicher Qualität sind meist nur sporadisch anzutreffen. (Lichtparcours Braunschweig gehört zu den raren Beispielen.) Doch mit Hilfe der UNESCO wird sich dieses im Jahresrhythmus geplante und seit 2019 erstmals realisierte Kulturprojekt als internationales Ereignis etablieren. Nicht zu vergessen ist: Karlsruhe ist aus historischer Sicht eine junge Stadt. Anfang des 18. Jahrhunderts war sie aus einem Wald heraus entstanden. Ihre urbanen Gene sind von Anfang an günstig, sie scheint prädestiniert zu sein: für das Offene und für neue Entwicklungen, für Technologie oder Ästhetik. Und dabei geht es speziell bei dem diesjährigen Festival fast nicht mehr nur um die besagten Themen wie Klima und Demokratie. Denn allein dass sie 2020 stattfindet – und damit in Zeiten einer globaler Pandemie, in einer Periode, in der Außenraum, Digitalisierung und Interaktionen mit anderen Augen gesehen werden – ist ein zu bedeutungsvoller Zufall und eine fast tragische Gelegenheit. Es ist eine „merk-würdige“, es ist eine „congeniale Saison“ für Seasons of Media Arts. ♦

Zur Website von
ZKM | Zentrum für Kunst und Medien


