Wie können wir mit dem arbeiten, was bereits da ist, fragt sich Michael Hennings, kreativer Kopf von Studio Offbeat. Seine plastisch-malerischen Arbeiten für Wände und Bauwerke demonstrieren wie nachhaltig transformierte Gebäude, Baumaterialien und Kunst Hand in Hand gehen können.
28. März 2025 | Michael Hennings
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eit meinen Anfängen als Graffiti-Künstler fasziniert mich die Transformation urbaner Räume — ihre stetige Veränderung, ihr Ausdruck von Vergangenheit und Zukunft. Mein Architekturstudium und die Arbeit in renommierten Büros wie Meixner Schlüter Wendt Architekten in Frankfurt am Main und Blauraum Architekten in Hamburg haben meinen Blick für Gestaltung und die komplexen Herausforderungen der Architektur geschärft. In diesen Büros konnte ich erleben, wie durchdachte Konzepte Räume prägen und Architektur weit über das Funktionale hinauswirkt. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass der Bausektor in seiner aktuellen Form oft von wirtschaftlichen Zwängen dominiert wird — was nicht selten dazu führt, dass funktionierende Gebäude abgerissen, wertvolle Ressourcen vergeudet und soziale Strukturen verdrängt werden. Diese Erkenntnis hat meinen künstlerischen Fokus verändert: Ich möchte mit meiner Arbeit erforschen, welche Möglichkeiten es gibt, nachhaltige Architektur nicht nur technisch, sondern auch kulturell und ästhetisch neu zu denken.
Heute nutze ich Kunst als Medium, um diese Dynamiken sichtbar zu machen, Alternativen aufzuzeigen und den Diskurs über eine Bauwende voranzutreiben. Es geht nicht nur darum, weniger schädlich zu bauen, sondern darum, bestehende Strukturen wertzuschätzen, Kreisläufe zu schließen und Architektur als gesellschaftliche Verantwortung zu begreifen.
Mit Studio Offbeat entwickle ich künstlerische Strategien, um drängende Fragen des Bauens zu reflektieren, auf Missstände hinzuweisen und neue Perspektiven zu eröffnen. Kunst ist für mich ein Mittel, um Themen wie Bestandserhalt, Kreislaufgerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit anschaulich und zugänglich zu vermitteln.
MEINE VISION EINER ÖKOLOGISCHEN, SOZIALEN UND ÖKONOMISCHEN BAUWENDE
Um Architektur nachhaltig zu gestalten, braucht es mehr als nur technische Lösungen. Es braucht einen kulturellen Wandel — eine neue Wertschätzung für bestehende Gebäude, eine Veränderung unserer ästhetischen und funktionalen Erwartungen an den urbanen Raum und eine stärkere gesellschaftliche Beteiligung an Bauprozessen.
Mit meiner Kunst hinterfrage ich bestehende Normen und stelle neue Ansätze zur Diskussion. Wie können wir mit dem arbeiten, was bereits da ist? Welche alternativen Materialien und Konstruktionsweisen stehen uns zur Verfügung? Wie lassen sich Gebäude und Stadträume sozial gerechter gestalten?
Ich setze dabei auf eine interdisziplinäre Herangehensweise, die Kunst und Architektur verbindet. Studio Offbeat umfasst großflächige Wandbilder, plastische Wandobjekte und skulpturale Arbeiten aus Bauabfällen sowie digitale Eingriffe, die Visionen für eine nachhaltige Stadt zeigen.
DIE ÄSTHETIK UND KÜNSTLERISCHE INSPIRATION VON STUDIO OFFBEAT
Mein künstlerischer Stil entwickelt sich aus der Architektur selbst. Geometrische Abstraktion, präzise Linienführungen und reduzierte Farbpaletten sind dabei zentrale Elemente. Inspiriert von frühen Graffiti-Erfahrungen, der Ästhetik brutalistischer Bauten und der radikalen Klarheit der Moderne, suche ich nach einer Formensprache, die den Charakter der Materialien und ihre Geschichte sichtbar macht. Studio Offbeat setzt bewusst auf eine Ästhetik, die nicht glättet oder kaschiert, sondern das Vorhandene transformiert.
MATERIALIEN MIT GESCHICHTE UND ZUKUNFT
Meine plastischen Wandobjekte entstehen aus wiederverwendeten Baumaterialien wie Linoleumböden, Holzplatten oder Fassadenelementen und sind kreislaufgerecht, also mechanisch lösbar, zusammengefügt. Nach dem Prinzip des Urban Mining entziehe ich Materialien der Entsorgung und führe sie einem neuen Kreislauf zu. Einige Werke haben direkten Bezug zu bestimmten Gebäuden, indem sie deren Farben oder Materialien integrieren.

BESTANDSERHALT — MURALS ALS ERINNERUNG UND MAHNUNG
Ein wiederkehrendes Thema meiner Arbeit ist der Wert bestehender Gebäude. Gerade in wachsenden Städten werden immer mehr Bauwerke durch Neubauten ersetzt, obwohl sie weiterhin genutzt werden könnten. Diesen Verlust dokumentiere ich unter anderem mit Murals auf Abrissgebäuden — ein Ansatz, der sich in mehreren Projekten widerspiegelt.
Beim Bauwende Festival 2022 in Berlin habe ich eine Fotoserie von Murals präsentiert, die auf Gebäuden entstanden sind, die zum Zeitpunkt der Ausstellung bereits abgerissen waren. Die Bilder zeigten die Vergänglichkeit des urbanen Raums und machten deutlich, wie schnell wertvolle Architektur verschwinden kann.

Ende 2024 konnte ich mit Studio Offbeat einen Beitrag zur kuratierten Wandfläche the WALL + im Hamburger Gängeviertel leisten. Mein Wandbild entwickelte sich direkt aus der sichtbaren Architektur des Ortes und stand in enger Verbindung zur Nutzung sowie zur sozialen Relevanz des Gängeviertels. Das Projekt zeigte, dass Kunst nicht nur schmückendes Beiwerk ist, sondern aktiv mit der gebauten Umwelt interagieren kann.

DIGITALE VISIONEN — KUNST ALS VERMITTLERIN NACHHALTIGER BAUWEISEN
Kunst hat die Fähigkeit, abstrakte Konzepte sichtbar zu machen. Dies wurde besonders bei der Ausstellung „Baut keinen Scheiß“ während des Hamburger Architektur Sommers 2023 deutlich. In Zusammenarbeit mit der Hamburger Ortsgruppe Architects for Future entwickelte ich eine künstlerische Schnittstelle zwischen den zehn Forderungen der Architects for Future zum nachhaltigen Bauen und konkreten Hamburger Bauprojekten.
Kernstück meines Beitrags waren digitale Fotomontagen, die Hamburger Bauprojekte in neuen, nachhaltigen Kontexten zeigten. Diese Werke basieren auf einer Formensprache, die direkt aus der Architektur der Gebäude entwickelt wurde. Jede Fotomontage setzte sich mit den baulichen Gegebenheiten des jeweiligen Ortes auseinander und übersetzte sie in ein Farbschema, das die relevanten Forderungen von Architects for Future reflektierte.
Ein prägnantes Beispiel war die digitale Bearbeitung Elbtower. Der Beitrag stellte die Frage, ob Hamburg wirklich weitere Büro-, Hotel- und Gastronomieflächen benötigt, während gleichzeitig über eine halbe Million Quadratmeter Büroflächen leer stehen. Die drastische digitale Veränderung des Gebäudes machte sichtbar, wie Architektur durch nachhaltige Prinzipien neu gedacht werden kann und zwar vor dem Baustopp eines Projektes.

Die Ausstellung war nicht allein visuell erfahrbar, sondern auch partizipativ angelegt: Besucher*innen konnten sich aktiv mit der Thematik auseinandersetzen und eigene Gedanken einbringen. Ziel war es, nachhaltige Baukonzepte einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und den Dialog zwischen Architektur und Zivilgesellschaft zu fördern. Die digitale Herangehensweise diente dabei nicht nur als künstlerisches Stilmittel; sie verwies auch auf das Potenzial digitaler Werkzeuge, um die Stadtentwicklung kritisch zu hinterfragen und neue Perspektiven aufzuzeigen.
AUSSTELLUNGEN À LA STUDIO OFFBEAT
Neben einzelnen Kunstprojekten sind auch meine Ausstellungen wichtige Räume für Reflexion und Austausch. Die Pop-up-Ausstellung „BUILT ENVIRONMENT“ (März 2024, Projektraum PATIO, Kiel) thematisierte den Wandel urbaner Räume und die Notwendigkeit einer nachhaltigen Architektur.
Ein zentrales Element der Ausstellung war ein Wandbild, das sich an der baulichen Struktur des Ausstellungsraums orientierte — ein Gebäude, das ursprünglich als Tischlerei diente, dann ein Möbellager war und nun als Atelier und Ausstellungsraum genutzt wird. Die geometrisch-abstrakte Gestaltung des Wandbildes griff die Neigung des Daches als zentrales Motiv auf und setzte sich in einem präzisen Zusammenspiel mit den Dachflächenfenstern fort. Durch diese Verbindung von Malerei und Architektur entstand eine visuelle Spannung, die die bestehende Struktur nicht nur ergänzte, sondern neu interpretierte. Das Werk zeigte, wie architektonische Flexibilität den Wert von Bestand erhöht und eine nachhaltigere Nutzung ermöglicht, indem es die vorhandene Architektur bewusst in die künstlerische Gestaltung integriert.

Ein weiteres wichtiges Element der Ausstellung war die partizipative Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit. Besucher*innen wurden eingeladen, ihre Gedanken zu einer klima- und sozialgerechten Bauweise zu teilen. Besonders eindrucksvoll war die Vielfalt der Perspektiven, die sich in den zahlreichen Antworten auf vier zentrale Fragen zum klima- und sozialgerechten Bauen zeigten. Es wurde deutlich, dass nachhaltiges Bauen weit über Fachkreise hinaus Relevanz besitzt. Die gesammelten Antworten umfassten ökologische, soziale und ökonomische Aspekte — von der Sehnsucht nach mehr Grünflächen und lokaler Materialnutzung bis hin zur Forderung nach bezahlbarem Wohnraum und kreativen Freiräumen. Die Ausstellung bewies, dass es ein breites gesellschaftliches Interesse an nachhaltiger Architektur gibt und viele Menschen bereit sind, sich aktiv in den Diskurs einzubringen.
Auch in der Solo-Ausstellung „Realize Utopia – Künstlerische Abstraktion des nachhaltigen Bauens“ (Oktober 2023, Qvartr Gallery, Hamburg) griff ich diese Thematik auf. Mit einer Kombination aus plastischen Wandobjekten aus wiederverwendeten Materialien, großformatigen Wandbildern und digitalen Arbeiten lotete sie die Grenzen zwischen einer Ästhetik des nachhaltigen Bauens und architektonischer Funktion aus.

Bei der Finissage der „Realize Utopia“ Ausstellung eröffnete eine Lesung des Arbeitskreises Ästhetik des BDA Hamburg eine weitere Dimension der Auseinandersetzung mit der Zukunft der Architektur. Unter dem Titel „Ein Planungstag in der Zukunft“ präsentierten die Architekten Axel Farnschläder (Thüs Farnschläder Architekten), Lutz-Matthias Keßling (BLK2 Architekten) und Jannes Wurps (blrm Architekten) eine fiktionale Szenerie, in der die Komplexitäten der Klimakrise, die Transformation der Hamburger Stadtlandschaft und die ästhetischen Dilemmata der Climatecture aufeinandertreffen. Die Lesung bot nicht nur architektonische Zukunftsszenarien, sondern auch eine kritische Reflexion darüber, welche gestalterischen Narrative in der Bauwende erforderlich sind.
Ein besonderes Anliegen war mir bei dieser Ausstellung, dass sie nicht nur Architekt*innen anspricht, sondern auch ein breiteres Publikum für die Thematik sensibilisiert. Der Dialog, der sich daraus ergab, bestärkte mich darin, diesen interdisziplinären Ansatz weiterzuverfolgen.
STUDIO OFFBEAT: EIN AUFRUF ZUM GEMEINSAMEN HANDELN
Die Zukunft der Architektur liegt nicht allein in neuen Technologien oder Bauweisen. Sie liegt in einem grundsätzlichen Umdenken darüber, wie wir unsere Umwelt gestalten, nutzen und wertschätzen.
Mit Studio Offbeat möchte ich diesen Diskurs vorantreiben, indem ich die Dinge hinterfrage und aus alternativen Perspektiven betrachte. Studio Offbeat möchte die Menschen dazu ermutigen, sich mit der gebauten Umwelt auseinanderzusetzen. Es reicht nicht aus, auf eine weniger schädliche Weise zu bauen, wir müssen einen echten Mehrwert für die Gesellschaft und die Umwelt schaffen.
Ich lade alle Interessierten ein, diesen Weg mit mir zu gehen — sei es durch Zusammenarbeit, Austausch oder einfach durch ein neues Bewusstsein für die Räume, die uns umgeben. ♦
MICHAEL HENNINGS
Michael Hennings ist der kreative Kopf hinter Studio Offbeat, einer Plattform, die Kunst und Architektur vereint, um nachhaltige und innovative Ansätze im Bauwesen zu fördern. Weitere Informationen unter www.studio-offbeat.com.
