David Brownlow Theatre von Jonathan Tuckey
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ZUM MUSISCHEN WOHL: DAVID BROWNLOW THEATRE VON JONATHAN TUCKEY

Jonathan Tuckey Design kreiert für die Schüler von Horris Hill eine Theaterstätte, die sowohl von innen als auch außen das künstlerische Herz erwärmt

23. März 2021 | Özlem Özdemir

 

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orris Hill klingt nicht nur malerisch, es liegt auch so: 1888 wurde die private Tages- und Internatsschule für 4 bis 13-jährige Jungen in der englischen Grafschaft Berkshire, im Ort Newtown, gegründet. Ein 85 Hektar großer Campus steht der Bildung von 130 Kindern zur Verfügung. Die Umgebung ist vor allem geprägt von Wäldern. Kein Wunder, dass Höhlenbau, Camping und Survivaltraining ganzjährig angesagt sind. Aber auch die darstellerischen Künste kommen nicht zu kurz und bekommen nun sogar architektonischen Auftrieb: das David Brownlow Theatre.

Das nach seinem Hauptstifter Lord David Brownlow benannte Theater soll den gesamten Campus beleben: Es ist aber nicht nur für Aufführungen geeignet, sondern auch für Schulversammlungen und Musikveranstaltungen. Die drei wichtigen Räume umfassen ein Auditorium (mit 160 Sitzplätzen und ein Aufführungsraum), ein Versammlungsraum rund um einen Eingangsportikus und ein Amphitheater im Freien auf der Südseite, das sich zum Wald und zu den Spielfeldern der Schule hin orientiert und die Bühnenfunktion in die umliegende idyllische Landschaft ausweitet.

David Brownlow Theatre by Jonathan Tuckey Aerial Isometric
Courtesy of Jonathan Tuckey Design

 

Jonathan Tuckey und sein Londoner Büro ist erfahren in wertschätzendem Umgang mit alter Bebauung – siehe sein Credo „Building on the Built“. Dabei spielen die Baustoffe eine wichtige Rolle. Und bei David Brownlow Theatre grenzt der Einsatz von Materialien und Farben fast an Mimikry. Das passiv belüftete Theater basiert auf einem Holzbausystem aus Brettsperrholz, genannt CLT (Cross Laminated Timber). CLT-Rahmen sind kosteneffizient, gewähren eine kürzere Bauzeit und sparen CO2. Den äußeren Abschluss bildet eine Verkleidung bestehend aus einer Mischung aus Holzpartikeln und Zement. Diese Verbundplatte zeichnet sich aus durch eine wie verwaschene und damit sehr natürlich wirkende Färbung; die Platten sind nicht perfekt glatt, sondern beleben die Gebäudehülle durch eine visuelle Textur.

David Brownlow Theatre
Courtesy of Jonathan Tuckey Design // Photo © Nick Dearden
David Brownlow Theatre by Jonathan Tuckey with green surrounding
Courtesy of Jonathan Tuckey Design // Photo © Jim Stephenson

 

Der warme rote Farbton der Fassaden nimmt (neben der texturähnlichen Optik) den Ton der erdigen Ziegelsteine der benachbarten viktorianischen Gebäude und neueren Anbauten auf. Der Neuankömmling geht nicht über die Vorgänger hinweg, ignoriert sie nicht, tut sich nicht hervor. Stattdessen nimmt er ihren Charakter in sich auf und macht – bei aller Verwurzelung im gegeben Ort – etwas anderes daraus.

David Brownlow Theatre Entrance construction
Courtesy of Jonathan Tuckey Design // Photo © Nick Dearden
David Borwnlow Theatre by Jonathan Tuckey - facade with boys
Courtesy of Jonathan Tuckey Design // Photo © Jim Stephenson
 David Brownlow Theatre by Jonathan Tuckey
Courtesy of Jonathan Tuckey Design // Photo © Jim Stephenson

 

Einen „fremdartigen“ Akzent gibt es trotzdem: Besonderes Augenmerk erhält das schlanke und nackte Holzgerüst auf der Nordseite, das den Haupteingang – nicht zuletzt wegen seiner hellen Naturfarbe – betont. Es kann als Plakatwand genutzt werden, um Theaterproduktionen anzukündigen und dient auch als Versammlungsraum für kleine Schülergruppen.

David Brownlow Theatre ground floor plan
Courtesy of Jonathan Tuckey Design

 

Hinter dieser Portico-Konstruktion setzt der eigentliche Baukörper an. Seine räumliche Organisation ist überschaubar. Am nördlichen Ende gibt es eine einstöckig verglaste Eingangslobby, dahinter liegen die Toiletten und Lagerräume (die gleichsam als Pufferzone zum eigentlichen Theaterraum dienen). Auf der Westseite befindet sich ein Eingangskorridor mit einem der beiden Seitenzugänge. Die Sitzreihen bilden das Zentrum und die Bühne ist der Abschluss auf der Südseite – mit besagter Möglichkeit, sich in Richtung Wald in ein Open-Air-Theater zu verwandeln.

Theater interior with windows
Courtesy of Jonathan Tuckey Design // Photo © Nick Dearden

 

Aber wie sieht es mit der Innengestaltung aus? Hier ist die Konstruktion freigelegt und mit Buchenholzlatten unterschiedlicher Tiefe verkleidet und greift damit das Prinzip der kassettenhaften Gliederung der Außenfassade auf. Im unteren Bereich sind diese Latten dichter angeordnet, um die Stabilität der Struktur zu betonen. Mit zunehmender Höhe lockern sich die Lattenabstände. Schließlich tauchen vereinzelt Fenster auf, die nur hier und da natürliches Licht und den Anblick des Himmels zulassen.

 

David Brownlow Theatre stage
Courtesy of Jonathan Tuckey Design // Photo © Jim Stephenson
Theatre interior
Courtesy of Jonathan Tuckey Design // Photo © Jim Stephenson

 

Das Interieur biedert sich nicht „typisch kindgerecht“ an. Eher ist es geheimnisvoll-schummerig und will entdeckt werden. Feinsinnig durchdacht sind auch Details wie die vertikal und horizontal geschriebenen Namen, die die Holzflächen stellenweise zieren (zum Gedenken der Mitglieder des Schulfonds, wie Eltern der Schüler und Personen aus der Gemeinde). Wert auf Nuancen und ausbalancierte Abstimmungen zeigen sich ferner in der Farbgestaltung. Die wellenförmige Decke (nebst hellgrauen Akustikpaneelen die zweite raumakustische Maßnahme) ist von einem tiefen Dunkelblau. Auch der Bühnenvorhang ist eine Gelegenheit, das Farbsortiment zu erweitern; die Wahl fiel – komplementär zur Außenfassade und im Einklang mit dem Laubwerk der Umgebung – auf einen lieblichen Grünton. Und schließlich der Boden: Dieser besteht aus demselben Material wie die Fassadenverkleidung, hier allerdings in polierter und schwarzer Version.

Dass in einem Europa, aufgerüttelt von Brexit, Pandemie & Co., ein so einladendes und in sich ruhendes kleines Bauwerk entstehen konnte, ist ein großes Kunststück. Und auch abgesehen von diesem konkreten Kontext gelingt Jonathan Tuckey mit seinem Gesamtwerk von jeher etwas fast Unmögliches: Seine Entwürfe glänzen auf und sie tun das durch eine bemerkenswerte Gedämpftheit. Auch David Brownlow Theatre folgt dieser Tuckey-Tradition und erhält seine Anziehungskraft durch eine warme Ausstrahlung. Das passiert sowohl nach außen als auch nach innen, wo die gedeckten Farben, naturbelassenen Materialien und das Spiel zwischen Halbhell und Halbdunkel für eine anheimelnd-wohlige und somit sehr menschennahe Atmosphäre sorgt. Jonathan Tuckey verfällt nicht dem Mainstream der bonbonfarbenen, Leichtigkeit erheischenden (angeblich) kindgerechten Architektur oder dem sachlich-funktionalen, kühl-glatten Modulbauweisen mit aufgesetzten Farbkonzepten. Vielmehr traut er der Jugend zu, dass ihre (hoffentlich) vorhandene Unbeschwertheit nicht angestachelt zu werden braucht. Lust und Motivation gelingt auch mit authentischen weichen Mitteln.

David Brownlow Theatre stage with children
Courtesy of Jonathan Tuckey Design // Photo © Jim Stephenson

 

Kinder können dazu animiert werden, auch zurückhaltende Zwischentöne und unaufdringlich atmosphärische Räume wahrzunehmen und zu spüren. Vielleicht versteht Tuckey etwas von diesen ästhetischen Fähigkeiten (und Bedürfnissen), von diesen Maßnahmen gegen die Abstumpfung der Sinne, gerade weil er kein ausgebildeter Architekt ist. Sein Interesse für das Bauen begann mit dem Studium der Sozialanthropologie. Sein Werdegang gründet in seinen Beobachtungen darüber, wie Menschen und Räume in Beziehung stehen.

Abschließend ein paar Worte zu den Leitbildern und zu dem was Jonathan Tuckey zu erwecken vermag. Auch wenn bei diesem Entwurf die Inspirationsquellen verraten werden (das Büro spricht von keinen geringeren als Bauten der Renaissance-Architekten wie Brunelleschi und Alberti), zumindest eine eigene Assoziation und ein ganz anderer kultureller Zusammenhang sei erlaubt: Junichiro Tanizaki – Ästhetizist, Schriftsteller und Liebhaber des japanischen Theaters – und sein Essay Lob des Schattens. Denn David Brownlow Theatre nimmt sich aus wie eine westliche Version dieser östlichen Sensibilität. Sicher ist: Die Jungs von Horris Hill werden von der humanen Aura dieser kleinen Spielstätte profitieren, sowohl im Geiste als auch Gemüt. ♦

 

Jonathan Tuckey portrait
Jonathan Tuckey // Courtesy of Jonathan Tuckey Design // Photo © James Brittain Photography

 

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