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EIN WOHNATELIER VON PIA MENDARO MIT EINEM TRICK VON BETT

Pia Mendaro verwandelt mit trickreichen Mitteln eine Madrider Lagerhalle in einen neuen Wohn – und Arbeitsraum für eine Künstlerfreundin. Die junge Architektin zeigt: Architektur kann auch leicht und locker sein.

23. Februar 2020 | Özlem Özdemir

 

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ies ist das Wohnatelier meiner Freundin Clara Cebrian.“ – So beginnt Pia Mendaro die Kurzbeschreibung ihres Projekts Topo’s Shed/ La nave del Topo. Weder handelt es sich bei diesem Namen um einen geheimnisvollen Buchtitel (und es bleibt für den Rest ihres Textes im Dunkeln), noch dreht es sich bei ihren einführenden Worten um den Beginn einer Erzählung. Auch wenn es ganz nach einem gelungenen ersten Satz klingt. Aber: Beides hätte das Zeug dazu. So entwaffnend schlicht und erfrischend un-architektonisch kommen sie daher. Und recht so, denn hinter all dem steckt besagte Clara: die Künstlerin, die eigentlich schon einen Ort zum Arbeiten hat, eine Lagerhalle mit Satteldach. Was fehlt, ist nur noch der gewisse Touch zum Wohnen. Sie ist es, die Pia, der Architektin, etwas in Auftrag gegeben hat: etwas wie Ron Weasleys Haus. Und mit Pia Mendaros räumlichen Maßnahmen wurde ein kleines Märchen wahr.

Zweifelsohne, die Bauherrin scheint einen Sinn für Widersprüche zu haben. Laut Projektbeschreibung mag sie es nicht, wenn Dinge übermäßig gestylt sind. Andererseits sollte alles (bitte schön und wie gesagt) an die Welt des Harry Potter erinnern (wie entfernt auch immer). Aber sich an Pia Mendaro zu wenden, war schließlich doch eine pragmatische Entscheidung, denn bereits 2017 hatte diese sich mit der Gestaltung einer Künstlerresidenz hervorgetan. Das war kurz nach ihrem Studium an der Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Madrid (ETSAM).

Das neue Herzstück dieser Atelierverwandlung besteht, neben einigen Verbindungselementen, aus einfachen Zutaten: Ein paar Stangen Stahl (20 mm Rundstahl, das für Druck- und Federungszwecke geeignet ist, und 8 mm gespannte Stahlstäbe mit geriffelter Oberfläche), einige Platten helles Holz und ganz viel Weiß. Aus all dem baut Mendaro etwas, was man als ein Gestell bezeichnen könnte. (Übrigens ist beim Entwurf auch der Madrider Architekt Manuel Ocaña mit von der Partie, der sich mit zerbrechlich feingliedrigen Strukturen bereits auskannte – siehe z. B. seine Innenraumrenovierung Paraisa.) Aber auch das Wort „Gehänge“ oder „Aufhängung“ würde auf dieses Objekt zutreffen, zumindest zum Teil. Jedenfalls: Hier baumelt fast etwas im Raum, was sich gleichsam organisch aus den Fachwerkträgern der Lagerhalle weiter entwickelt zu haben scheint.

Die Aufgabe dieser Konstruktion am Ende dieses gänzlich offenen 10 x 10 m großen Raums besteht darin, eine Schlafstätte anzubieten. Abgeschlossen und geborgen ist die so entstandene etwa neun Quadratmeter große Fläche zwar nicht, dafür ist sie aber abgegrenzt genug. Und diese Abgrenzung gelingt per Loslösung. Das Bett wird nicht nur bildlich gesprochen, sondern tatsächlich zu einer Schlafetage „erhoben“.

Courtesy of Pia Mendaro Larramendi
Courtesy of Pia Mendaro Larramendi

 

Und da gibt es (wieder aus einer stählernen Rahmenkonstruktion und wieder in weiß getüncht) eine Treppe mit neun Trittflächen aus Holz, die mit Hilfe von Rollen verschoben werden kann. Sie kann sogar so weit wegbewegt werden, dass sie ganz von der Bildfläche verschwindet, wodurch das Bett unerreichbar wie eine Insel oder fast wie eine Wolke wirkt. Letztere Assoziation ist zugegebener Maßen aufgrund der quadratischen Form (die übrigens den Grundriss der gesamten Lagerhalle en miniature wieder zu geben scheint) etwas übertrieben. Andererseits liegt der Gedanke einer „gebauten Wolke“ tatsächlich nicht allzu fern. Man braucht nur den drei kleinen stufenhaften Plattformen – in die die große Bettplattform quasi ausläuft – zu folgen. Und da ist er: der Himmel.

Courtesy of Pia Mendaro Larramendi / Photo by Manuel Ocaña
Courtesy of Pia Mendaro Larramendi / Photo by Manuel Ocaña
Courtesy of Pia Mendaro Larramendi / Photo by Manuel Ocaña
Courtesy of Pia Mendaro Larramendi / Photo by Manuel Ocaña

 

Oben angekommen klappt sich die Dachfläche auf, macht Platz fürs aufrechte Stehen und für einen zusätzlichen großzügigen Lichteinfall. Und nicht zuletzt gibt es hier die Gelegenheit hinauszutreten auf eine metallene Dachterasse, die – abgesehen von der Farbe – ganz dem Stil der innerräumlichen Gestaltung verpflichtet ist. So bietet nun die eher abgeschottete Lagerhalle der Bewohnerin mehr privaten Außenbereich und mehr Raum zum Atmen.

Zusammenfassend können wir sagen: Dieses Künstleratelier erhält quasi ein Trick von Bett. Es steht nicht nur nicht im Weg, so wie es jedes andere klassische Hochbett auch tun würde. Mehr noch: Es macht sich zusätzlich nützlich. Ohnehin schon abgehängt von der Decke, macht es ihm nichts aus, wenn an seiner Unterseite eine Hängematte befestigt wird. Erst recht geht es gelassen damit um, wenn menschliche Körper an ihm herumturnen.

Pia Mendaro Bett mit turnender Frau
Courtesy of Pia Mendaro Larramendi / Photo by Manuel Ocaña
Courtesy of Pia Mendaro Larramendi / Photo by Manuel Ocaña
Courtesy of Pia Mendaro Larramendi / Photo by Manuel Ocaña
Courtesy of Pia Mendaro Larramendi / Photo by Manuel Ocaña

 

Die filigrane Qualität dieser funktionalen Rauminstallation grenzt ans Nichts. Oder sagen wir: Sie ähnelt, wenigstens in Teilen, einer Klöppelarbeit oder dem Werk einer Spinne. Natürlich spielt die einheitsstiftende und camouflierende Farbe eine nicht unwichtige Rolle dabei; Mendaros Weiß lässt an Louise Nevelson und andere Matadore der Monochromie denken. Am meisten jedoch beeindruckt vielleicht der Anblick der spindeldürren Stahlelemente und wie Pia Mendaro ihre luftigen Abstände zueinander ausbalanciert hat. Man beachte auch: Diese seilartigen Stäbe verlaufen nicht alle senkrecht; das mag konstruktiv oder auch statisch bedingt sein. Fest steht, mit all diesen feinen Justierungen erscheint alles gleich noch weniger gleichförmig. All das sorgt für eine scheinbar schwebende Konstruktion und für den Eindruck, als könnte man das Ganze ohne Weiteres anstupsen und es könnte anfangen zu schwingen und Alexander Calders Sinn für Mobilität schwingt gleich mit.

Aber natürlich sollte hier nichts schwingen. Pia Mendaro und ihr objet ambigu tun höchstens nur so. Und auch der Ron-Weasley-Faktor spielt bei diesem Entwurf keine Rolle mehr. Denn die Botschaft ist klar und hat nichts mit Zauberei zu tun: Architektur kann herrlich leicht und ungezwungen und einfach sein. ♦

 

Courtesy of Pia Mendaro Larramendi / Photo by Pia Mendaro Larramendi

 

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