Mit der Revitalisierung von HAUS 1, dem sonnengelben Eingangsgebäude von Atelier Gardens in Berlin, beweist MVRDV erneut ihre Freude an Farbe und dass man eine „Hintertreppe“ nicht verstecken muss
25. Dezember 2023 | Özlem Özdemir
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s steht in einem sechs Hektar großen Campus am Rande des stillgelegten Flughafens Berlin-Tempelhof, das HAUS 1. Dieser Ort hat eine mehr als hundertjährige Film- und Fernsehgeschichte hinter sich. Bekannt als UFA Studios Tempelhof (gegr. 1913) entstanden hier die Szenen unvergessener Filme wie der Stummfilm Der Golem, wie er in die Welt kam, Der Blaue Engel und Cabaret. Dann ging die UFA in Konkurs und so entstand 1964 Berliner Union Film. Das Fernsehen kam hinzu und mit ihm Sendungen wie Die Hitparade und Der Große Preis. Weiterhin gelten die Berliner Union-Film Ateliers (BUFA) als ein legendärer Film- und Postproduktionscampus.



Dann ein Schnitt: Der Londoner Investor Fabrix, der 2016 mit dem Ziel gegründet wurde, ungenutzte und vernachlässigte städtische Räume aufzuwerten, erwarb 2019 die BUFA und beauftragte MVRDV mit einem Masterplan für das Gelände. (2020 kamen Hirschmüller Schindele Architekten als Projektarchitekten vor Ort hinzu. Die Landschaftsgestaltung obliegt Harris Bugg Studios aus London.) Seitdem wird das dicht bebaute Areal umgestaltet. Gegeben waren fünf Filmstudios, einige Nebeneinrichtungen, große Backsteinbauten an Gassen und Plätzen. Mit ihrem Masterplan, der schrittweise durchgeführt wird, erhält MVRDV den Bestand und erhöht die räumliche Vielfalt. Statt Abriss setzt das niederländische Büro auf Umgestaltung. Statt Neues zu bauen, wird Abgenutztes aufgefrischt.
MVRDV erneuerte bereits 2022 das historische Studiogebäude TON 1. Auch die MetFilm School (eine Filiale der gleichnamigen Hochschule in London) ist schon an seinem Platz. Doch Teil des Plans ist nicht nur die räumlich-architektonische Revitalisierung, sondern auch die Erweiterung der vorhandenen Branchen. Der Campus der BUFA wird nicht mehr allein vom Filmsektor besetzt.
Noch während die architektonischen Umwandlungen laufen, herrscht auf dem ehemaligen BUFA Areal reger Betrieb. Es gilt: Bühne frei für Changemaker und Pioniere. Diese können per Miete einziehen, vorausgesetzt sie passen zu Atelier Gardens, so der Name des „neuen“ Areals. Der Campus steht nun für Urbane Regeneration, für Wiederverwendung und Renaturierung. Das Motto lautet: Celebrating Soul, Soil and Society. Die Inspiration hierzu stammt von dem indisch-britischen Aktivisten Satish Kumar, der sagt, dass die Pflege der natürlichen Umwelt (Soil), die Erhaltung des persönlichen Wohlbefindens (Soul) und die Aufrechterhaltung menschlicher Werte (Society) die moralischen Gebote unserer Zeit sind.
Gleich einer gesunden Artenvielfalt entwickelt sich somit aus einer Monokultur, die einst nur aus der UFA und der späteren BUFA bestand, eine ausgewachsene Polykultur. Zur Filmwelt gesellen sich alternative Einrichtungen und Bewegungen, die sich dem sozialen und ökologischen Wandel verschrieben haben wie etwa Extinction Rebellion, Fridays For Future, Tiny Farms und Kaospilot+. Mit dabei sind auch Personen wie Sozialunternehmer, Menschenrechtsanwälte, Pädagogen und Künstler. Laut Clive Nichol1, dem Geschäftsführer des Investors Fabrix, sind selbst Konzerne wie Netflix und Amazon willkommen.
HAUS 1 wurde im November 2023 eröffnet. Es ist das zweite fertiggestellte Projekt des Masterplans. Während TON 1, das denkmalgeschützte Backsteingebäude von Otto Kohtz (vermutlich aus den 20er Jahren), nur behutsam behandelt werden konnte, bot HAUS 1, das erst 1997 als Bürobau entstanden war, mehr Freiheiten. Sein Äußeres war geprägt von gräulich-weißen oder mit Glas durchzogenen Fassaden mit rigidem und zusammenhangslosem Layout.


Aber der vorherige Zustand von HAUS 1 hatte auch herausragende Eigenschaften: zum einen seine Höhe von fünf Stockwerken, zum anderen seine Position direkt am Hauptzugang des Campus an der Oberlandstraße. Bei diesen Vorzügen setzt MVRDV an und tut etwas ganz Naheliegendes: Das Büro macht HAUS 1 zum Auftakt des Areals und Orientierungspunkt und sogar zum Aussichtsturm, indem sie dem Dach einen Pavillon mit Terrasse aufsetzt.
Ein unübersehbarer Hinweis auf die neue Dachfunktion von HAUS 1 ist eine Stahltreppe, die laut Atelier Gardens eine „theoretische Feuertreppe“2 ist. Doch diese Hintertreppe (wie man sie auch bezeichnen könnte) ist sehr emanzipiert. Ausdrucksstark und zackig setzt sie auf dem Platz hinter dem Gebäude an, dort wo vorher das „EventSpace“ war, das frühere Zentrum des BUFA-Campus. Die Treppenwangen sind aus Lochblech – was die Treppe je nach Blickwinkel mal massiver, mal leichter erscheinen lässt – und auf den Podesten kann man auf integrierten Stühlen von der Besteigung verschnaufen. Die Belohnung am Ende ist ein berauschend weiter Ausblick auf einen weiteren transformierten Bereich von Berlin: das ehemalige Flughafenareal Tempelhofer Feld, das heute als Park und Freizeitfläche beliebt ist.







Das einfachste und wirkungsvollste Mittel der Verwandlung von HAUS 1 ist aber die Farbe. MVRDV überzieht das Gebäude samt Treppe fast vollständig mit Gelb. Das unterstreicht den gewünschten Signalcharakter und macht HAUS 1 zu einem begehbaren Eingangsschild. Das Gelb vereint aber auch den alten kompakten Bürobau mit der neuen dynamischen Treppe. Diese Farbfusion ähnelt dem, was die Künstlerin Louise Nevelson bei ihren collageartigen Kompositionen aus beliebig gewählten Objekten tat: Sie überzog alles mit einer einzigen Farbe, die aber nicht nur Einheit, sondern auch zu einer verblüffenden Veredelung verhalf. Bei HAUS 1 hat das Gelb außerdem noch eine psychologische Funktion. Sie strahlt das aus, was Atelier Gardens für ihre Projekte braucht: Optimismus.
Bei Farben und Treppen ist MVRDV bekanntermaßen nicht schüchtern, was ein Exkurs in das Werk von MVRDV zeigen soll. The Stairs to Kriterion in Rotterdam war eine temporäre gigantische Metallkonstruktion, die wie ein Teil einer Stufenpyramide anmutete und das Projekt Gomila – ein Stadtviertel mit einer bunten Bauwerk-Kollektion auf Mallorca – ist ein Paradebeispiel für ihren rigorosen Einsatz für Farbe. Eine Kombination von Farbe und Treppe gelang ihnen 2022 mit der Installation The Podium für das Het Nieuwe Instituut in Rotterdam, wo eine pinkfarbene Treppe an der hohen Fassade entlang bis zum Flachdach führte, das im selben Pink präpariert war. Dieses Projekt lässt seinen „gelben Verwandten“ in Berlin bereits erahnen. Tatsächlich beweist MVRDV immer wieder ihre Lust am Kombinieren von dem, was sie bereits ausprobiert und somit erprobt haben und was sie mit jedem weiteren Projekt neu nuancieren. In The language of MVRDV sagen sie: „In our methodology language, we tend to replace the term ‚doing‘ with ‚testing‘. Thus, each project becomes a pilot, a prototype, or a ‚typical‘ variation of our perpetual experiments.”³
MVRDV steht aber nicht nur für formale Expressivität und Experimente. Beides verbinden sie oftmals mit Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit. Sie kreieren innovative Materialien wie bei der jadegleichen Bulgari-Fassade in Shanghai, die aus recycelten Glasstücken besteht und platzieren Bäume auf dem Dach eines Kunst-Depots in Rotterdam. In München realisierten sie 2019 WERK12 und trugen damit zur Erneuerung des ehemaligen Pfanni-Geländes bei. Zur Zeit realisieren sie das ökologisch, sozial und nachhaltig gedachte Kreativquartier Potsdam. Auch für dieses Projekt entwickelte MVRDV einen Masterplan. Sein Konzept umschrieben sie mit Village-Inspired, ein Begriff, der auch Atelier Gardens gefallen hätte.
Nun ist Atelier Gardens vielleicht kein urbanes Dorf, doch Selbstversorgung, Nachhaltigkeit und Energiebewusstsein gehören zu ihren Zielen und gelten damit auch für HAUS 1. Die wichtigste Maßnahme für dieses frühere Bürohaus war, die Gebäudestruktur so weit es ging wiederzuverwenden. Außerdem nutzte das Büro MVRDV biobasierte Materialien, einheimische Pflanzen auf dem neu isolierten Dach, Kletterpflanzen an der Fassade, Sonnenschutz an den beiden Glasfassaden, Regenwassersammlung u. v. a. m.
Das Innere von HAUS 1 spiegelt, sowohl funktional als auch atmosphärisch, die Helligkeit und Leichtigkeit seines Äußeren wider. Auf vier Etagen bietet es Arbeits- und Begegnungsräume sowie ein Café. Insbesondere beherbergt es auch die Unternehmenszentrale von Atelier Gardens. Die neuen Grundrisse ermöglichen schon jetzt eine flexible Nutzung. Darüber hinaus kalkulierte man ein, dass Raumfunktionen und Grundrissgestaltung auch für zukünftige Änderungen offen bleiben. Sämtliche Entscheidungen tragen dazu bei, die Lebensdauer des Gebäudes zu verlängern.




Neben den Studiobauten gibt es noch dreizehn weitere sogenannte Häuser⁴, die ihrer Erfrischung harren. Zum Schluss aber kein Ausblick auf die weiteren Bauetappen. Stattdessen lohnt ein Blick auf den Namen „HAUS 1“. Auch wenn über dem Eingang an der Straße „Atelier Gardens“ zu lesen ist, MVRDV entscheidet sich für die Projektbezeichnung „HAUS 1“. Warum? Vielleicht weil es ein merkwürdiger Zufall ist. Das niederländische Architekturbüro hat – bei all seinen aufsehenerregenden Entwürfen – einen Hang zu dieser behaglich-schlichten, fast hausbacken klingenden Bezeichnung. Erst vor ein paar Jahren präsentierte es seine Arbeiten in einer Berliner Ausstellung, die da lautete MVRDV Haus Berlin. Auch das eigene neue Bürogebäude in Rotterdam heißt MVRDV House.
Und HAUS 1 wird, bei aller gesellschaftlichen Ambition, vielleicht besonders häuslich sein. Heute noch in poppigem Gelb soll es bald schon begrünte Fassaden haben. Ein Hauch von Verwilderung und Quasi-Romantik wird es umwehen und wie bekannt, versteht sich Romantik gut mit Idealismus, jene Lebenshaltung, mit der Atelier Gardens startete und mit dem es voller Zukunftsvisionen für den Campus weitergehen soll. ♦
¹ https://architecturetoday.co.uk/meet-the-client-clive-nichol-ceo-of-fabrix/; letzter Zugriff 25.12.2023
² https://www.instagram.com/p/C0R3fwCy_zf/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA==; letzter Zugriff 25.12.2023
³ https://www.mvrdv.com/stack-magazine/2565/architecture-speaks-the-language-of-mvrdv; letzter Zugriff 25.12.2023
⁴ https://berlinerunionfilm.com/wp-content/uploads/2021/06/ausstellungsplan_04.pdf; letzter Zugriff 25.12.2023



