Chybik+Kristof macht mehr aus einer Mehrzweckarena. Ihr Wettbewerbsentwurf für ein Eishockeystadion in Jihlava ersetzt einen Vorgängerbau aus den 50er Jahren. Unweit des größten Platzes der tschechischen Stadt gibt das neue Projekt den Startschuss: Vorhang auf für eine urbane Stätte mit Campus-Atmosphäre und Sinn für regionale Identität.
19. Juli 2020 | Özlem Özdemir
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as Repertoire von Chybik+Kristof Architects & Urban Designers wächst seit ihrer Bürogründung in 2010 unaufhörlich an. Von Wohnbau bis Weinkeller beherrschen sie diverse Typologien. Ihre Produktivität grenzt an Sportlichkeit. Umso passender ist ihr neuester Auftrag für ein Eishockeystadion, das 2023 nach nur zwei Jahren Bauzeit enden soll. Ihr jüngst gewonnener Wettbewerb verleiht eines der größten Sport- und Freizeitkomplexe in der Tschechischen Republik, der Mehrzweckarena Jihlava, eine neue Gestalt.
Jihlava? Das ehemalige Iglau liegt fast auf halber Strecke zwischen Prag und Brünn. Mit seinen rund 50.000 Einwohnern scheint es ein Ort zu sein, der etwas am Rande geblieben ist. Dennoch hat er bemerkenswerte und bewegende Hintergründe aufzuweisen.
Jahr 1968: Truppen des Warschauer Pakts marschieren in die Tschechoslowakei ein. Evžen Plocek zündet sich im Jahr darauf aus Protest gegen die sowjetische Aggression in Brand. Der Selbstmord geschieht mitten in der Stadt, auf dem Hauptplatz Masarykovo namesti. Der Werkzeugmacher ist nur einer von mehreren lebenden Fackeln. Zeitsprung, gleiche Stelle: Seit den 80er Jahren bildet ein länglicher Bau, ein Meteroit mit eingebautem McDonald, das Zentrum der Stadt. Das Wort ‚deplatziert‘ bekommt absofort eine anschauliche Darstellung. Hat das schwarz-weiße, fast stillose und umstrittene Kaufhaus Prior aus sozialistischen Zeiten doch nichts zu tun mit den Bauwerken unterschiedlichster Epochen (bis hin zur Gotik), die den Platz säumen. Ein paar Schritte weiter und fast zwei Jahrhunderte zurück: Dicht am südlichen Ende des Masaryk-Platzes, steht das Haus, in dem Gustav Mahler seine Kindheit verbracht hat. Der Komponist gilt als Wegbereiter der Moderne in der Musik, so wie sein Zeitgenosse Walter Gropius, Gründer des Bauhauses, der zu einer wichtigen Figur für die Moderne der Architektur avancierte1.
Das ist ein passendes Sprungbrett zum eigentlichen Thema. Quasi gegenüber des Mahler-Hauses, über den Platz hinweg mit seinem Gemisch aus historischen Gebäuden und liebloser Architektur der Gegenwart und Schauplatz erschreckender Vorfälle der jüngeren Geschichte, soll nun endlich eine Architektur entstehen, die den Geist der Moderne nach Jihlava bringen soll.

Wie aber sah der bisherige Sport- und Freizeitkomplex der Stadt aus? Was soll das Wettbewerbsprojekt von Chybik+Kristof ersetzen? Die Standortbesichtigung (via Googlemaps) präsentiert ein Gebäude, dessen wichtigstes Charakteristikum darin zu bestehen scheint, sich breitzumachen. Es zwängt sich zwischen die Polytechnische Hochschule Jihlava (die an die Randzone der Stadt grenzt) und dem altstadtnahen Smetana-Park. Seit den 50er-Jahren dient der Bau als Eishockeystadion. Zusammen mit einem unterirdischen Parkhaus besetzt er die ganze Parzelle. Hier endet aber schon die Übersichtlichkeit. Der Baukörper macht einen zusammengeflickten Eindruck. Die Wände sind zum Teil aus Ziegel, manche Bereiche sind in Ocker und Bordeaux-Rot getüncht (die Vereinsfarben). Und seine gesamte Seitenfront, die sich zum Park öffnet, ist verglast. Der alte Komplex wirkt von oben kompakt und doch verrät seine aufgebrochene, gestückelte Dachlandschaft unterschiedliche Raumzonen. Hier und da verbirgt sich hinter der konfusen Hülle außerdem noch ein Laden für Hockey-Bedarf und ein Kosmetikgeschäft. Ferner befindet sich in einem Eckbau eine Bierstube, die obligatorische Vereinskneipe. Es ist unschwer zu erkennen: Die Ausgangsbedingung der neuen Jihlava Mehrzweckarena war verwirrend.


Chybik+Kristof lassen aus dem amalgamartigen Vorgänger vier getrennte Gebäude herauskristallisieren und ermöglichen dadurch Ordnung und Komposition. Drei von ihnen (die z. T. auf dem Bestand basieren) stecken gleichsam die Ecken ab. Damit verhelfen sie zu einem Rahmen für das Herz der dezentralen Anlage: eine großzügige neue Arena, ein monumentales Bauwerk für 5600 Zuschauer. Dieser ovale Hallenbau ist vielseitig nutzbar. Sein Innenraum fungiert als Eishockey-Bahn, Ausstellungs- und Veranstaltungshalle sowie als Konzertort. Seine Flexibilität erweitert sich noch durch eine Turnhalle. Und es gibt sogar ein Sahnehäubchen, passenderweise auf dem Dach: Hier ruht eine Außenbahn, die das sportive Angebot des Gebäudes bereichert und der Bevölkerung einen freien Ausblick auf ihre Stadt bietet.


Weiterhin herausragend im Entwurf ist, im wahrsten Sinne des Wortes, eines der Eckgebäude. Größer in der Vertikale als die Arena und gelegen an einer Straßenkreuzung, markiert es die Position der ehemaligen unscheinbaren Bierstube und erhebt sie zur wahren Gastronomie. Zum Restaurant gesellt sich ein Hotel dazu und (bei dieser Gelegenheit) ein Fitnessstudio und Büros. Auffällig an diesem Baukörper ist seine wie aufgeständert wirkende Konstruktion. Es entsteht ein luftiges Erdgeschoss mit offenem Grundriss. Die darüberliegenden fünf Etagen (einschließlich die zuoberst liegende Halle) ruhen somit auf einer durchgehend verglasten Eingangsebene. Ihre großzügige Raumhöhe und Transparenz erlaubt es den Passanten, die nebenanliegende Arena nahezu ungestört wahrzunehmen. Besonders bei Nacht entsteht der visuelle Effekt, dass beide Bauwerke ineinander übergehen.


Und damit ergibt sich das Thema der Anbindungen. Denn die bewusste Entscheidung für klar formulierte Einzelbauten bringt zwangsläufig auch Zwischenzonen mit sich. Ihre Überwindungen und Gestaltungen sind wichtig für eine reibungslose und ansprechende Zirkulation. Die Architekten lösen das Problem mit Freiluftstegen, Grünflächen-Design und den zwei Treppenanlagen im Außenbereich. Letztere dehnen sich zwischen den Gebäuden aus und fließen gleichsam von der höher gelegenen Ebene des Grundstücks in die Tolstého Straße ab. Damit glückt ein weiterer Schachzug: die Kommunikation der Mehrzweckarena Jihlava mit der anderen Straßenseite. Hier steht, recht konfrontativ, die geschlossene alte Fassade der Polytechnischen Hochschule. (Das heute pädagogisch genutzte Bauwerk ist ein Gerichtsgebäude von 1905.) Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen wie die Studierenden den architektonischen Neuzugang beleben werden.


Der Dialog ist gewollt und beschränkt sich nicht allein auf eine bestimmte Straßenseite oder allein auf eine Generation. So ist der Smetana-Park quasi das grüne Pendant zur steinernen Universität. Er liegt zum Stadtzentrum hin und bietet eine weitere Gelegenheit, Besucher – und damit auch mehr Senioren und Kinder – anzulocken und aufzunehmen. Der neue Entwurf für die Mehrzweckarena Jihlava wirkt gleichsam als ein Sammelbecken und Verteiler zwischen dem Stadtzentrum und den anliegenden Bereichen. Was hier vor allem entsteht ist ein Flair von Campus.
Chybik+Kristof machen aus einer vorher kaum lesbaren Baustruktur einen neuen Beitrag für das urbane Leben, eine Begegnungsstätte für unterschiedliche Gesellschaftsschichten. Für eine Stadt dieser überschaubaren Größe ist das eine beachtliche und geschickte Investition. Investiert wird aber vor allem in die Identifikation der Menschen mit diesem Ort. Und hier rückt die Fassade in den Mittelpunkt.
Hervorstechend in der Oberflächengestaltung ist die warme rote Farbe der Arena. Teils im Innenraum, teils auf seiner rundgeformten Außenhülle signalisiert das Gebäude mit seinem Bordeauxton den dazugehörigen Verein HC Dukla Jihlava. Denkbar ist aber auch, dass diese Farbe die Dachziegel der Altstadt widerspiegelt. Was das Material betrifft, verraten die Entwurfsdarstellungen nur mehr oder weniger perforierte Platten, die bei beleuchteten Räumen für unterschiedliche Schattierungen sorgen sollen.

Das zweite auffällige Merkmal der Gebäudehülle sind die „Schrägstriche“. An strategischen Punkten imitieren sie zurückgezogene Vorhänge und bilden Rahmen für die Glanzlichter der Stadt. (Diese Strategie hatten die Architekten bereits bei ihrem Projekt House of Wine angewandt, bei dem sie eine alte Brauerei mit Öffnungen durchsetzt hatten, die die Aufmerksamkeit der Besucher auf bestimmte Ausblicke lenken). Aber ist das genug, um die diagonale Anordnung zu rechtfertigen? Woher stammt die Idee der gezackten und spitzen Formen? Welchen Zweck haben all die Reihen von Dreiecken, die nicht nur die Arena, sondern auch den Rest der Gebäude bedecken? (Übrigens taucht dieses geometrische Motiv auch in der Fassade des Vorgängerbaus in Form von kleinen ornamentalen Applikationen auf). Die Antwort liegt möglicherweise in dem Fluss begraben, der den gleichen Namen trägt wie die Stadt, durch die er fließt: Jihlava. Denn ihr früherer deutscher Name ist wahrscheinlich nicht zufällig entstanden. Es heißt, dass die Menschen einst die scharfen Steine im Flussbett mit den Stacheln von Igeln verglichen. Angeblich soll aus dieser Assoziation der Name „Iglau“ entstanden sein. Aber wie immer sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt: Das Zickzack-Muster an der Spitze der Arena erinnert an die Zinken einer Königskrone, die Zinnen einer Burg, die Zähne eines Fabelwesens. Oder hat hier jemand mit dem grafischen Emblem, das jedes Kind in Jihlava sofort erkennt, Tangram gespielt?
Fest steht, dass diese Gebäudehülle eines nicht verhehlt: Sie hält etwas zusammen. Fassade als Kitt?, ruft die kritische Stimme aus. Fassade als Kleid!, würde Karin Harather2 zu bedenken geben. Und tatsächlich: Das Fassadendesign von Chybik+Kristof erinnert an die Welt der Schneiderei: So wie bei einem klassischen Damenkostüm oder einem Herrenanzug, drücken die einzelnen Teile durch Abstimmung und Kontraste von Materialien, Farben und Muster ein Ensemble aus.
Zum Schluss ein kurzer Vergleich: Eine der größten Eishockey-Spielstätten Europas, die O2-Arena, befindet sich in der Hauptstadt Prag. Ihre silbrig-kühle Ufoausstrahlung steht in krassem Gegensatz zu ihrer Verwandtschaft in Jihlava. Die Architekten haben die Besonderheiten und Vorteile einer kleineren Stadt verstanden und genutzt. Ihr Entwurf für diese Anlage berücksichtigt die unmittelbare Umgebung und bietet eine integrative urbane Struktur. Sie bringt die Menschen zusammen und macht es ihnen umgekehrt leicht, die neue Attraktion in ihren Alltag aufzunehmen. Kurz gesagt, die Mehrzweckarena wird zu unserer Mehrzweckarena. ♦
¹ Die Biografien von Gustav Mahler und Walter Gropius kreuzen sich in ihrer amourösen Rivalität um Alma Mahler-Werfel.
² Harather, Karin: Haus-Kleider : zum Phänomen der Bekleidung in der Architektur. Köln: Böhlau, 1995.

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